Nr. 09/2016 vom 03.03.2016

Weil die Arbeit wichtiger als das Kapital ist

Mit seinem religiös fundierten demokratischen Sozialismus war Willy Spieler eine weitherum geachtete Persönlichkeit als Theoretiker, Publizist und Politiker. Letzte Woche ist er 78-jährig gestorben.

Von Stefan Howald

Willy Spieler war das linke Gewissen der SP Zürich, hielt die Flügel zusammen und versuchte zu retten, was zu retten war. Im Gespräch mit Jacqueline Fehr im Oktober 2010. Foto: Heike Grasser

Darauf war er im Rückblick stolz: Als SP-Gemeinderat der Zürcher Goldküstengemeinde Küsnacht brachte er die FDP in den achtziger Jahren dazu, eine fortschrittliche Sozialpolitik mitzutragen und einen Fonds für subventioniertes Bauen zu unterstützen. Darin zeigten sich zwei Stärken von Willy Spieler: seine Fähigkeit, auch politische WidersacherInnen mit Argumenten zu überzeugen, und sein Bemühen, gesellschaftstheoretische Einsichten praktisch werden zu lassen.

Willy Spieler war für mich die Verkörperung verbindlicher Menschenfreundlichkeit. Zurückhaltend trat er auf, konziliant und geradezu sanft im Ton, aber entschieden und beharrlich in der Sache. Ich habe mit ihm an einem grossen Buch zur Geschichte der religiös-sozialistischen Bewegung in der Schweiz zusammengearbeitet. Unsere unterschiedliche weltanschauliche Herkunft war nie ein Hindernis, im Gegenteil. Souverän stellte er sein immenses Wissen zur Verfügung, und seine Zuverlässigkeit war legendär.

Vom Katholizismus zur SP

Der 1937 Geborene stammte aus dem, was man «ein gutes Haus» zu nennen pflegt. Der Grossvater Ferdinand Spieler war erster Regierungsrat der von ihm mitgegründeten Katholischen Volkspartei des Kantons Glarus, der Vater angesehener Arzt in Glarus, dann in Zürich. In katholischen Internaten erzogen, wirkte der junge Willy Spieler während seines Jusstudiums, auf der Suche nach einem sozialen Engagement, führend im katholischen Schweizerischen Studentenverein. In autobiografischen Aufzeichnungen hat er geschildert, wie ihn 1965 sein Eintritt in die SP «im Muff jener Zeit» als Sündenfall seinem bisherigen Milieu entfremdete.

In den folgenden Jahren war er als Publizist tätig und wurde, trotz seines zunehmend linken Rufs, von der Bischofskonferenz in die Kommission Justitia et Pax berufen. Für diese verfasste er eine tiefgreifende Stellungnahme für die damals lancierte Mitbestimmungsinitiative. Die heftige Niederlage bei der Abstimmung 1976 beurteilte er im Rückblick als grossen Rückschlag für eine menschengerechtere Wirtschaftsverfassung. Mit Gleichgesinnten gründete er 1977 die lose Vereinigung Christen für den Sozialismus und übernahm die Leitung der «Neuen Wege», des Organs der religiös-sozialistischen Bewegung der Schweiz, die lange Jahre von Leonhard Ragaz (1868–1945) geprägt worden war. Spieler erneuerte die Zeitschrift und erlangte mit seinen Themensetzungen, Interviews und Interventionen weit über die bescheidene Auflage hinaus Einfluss. Seine monatlichen «Zeichen der Zeit» griffen auf, was bewegte: schon früh der Neoliberalismus, die Friedensbewegung, später die GSoA, Befreiungstheologie und Oppositionsbewegungen im real existierenden Sozialismus, Migrations- und Flüchtlingsfragen, immer auch feministische Ansätze.

1991 bis 2001 sass er für die Zürcher SP im Kantonsrat, ab 1996 als Fraktionsvorsitzender. Er bildete das linke Gewissen der Partei, hielt die Flügel zusammen und versuchte zu retten, was zu retten war, etwa gegen eine aggressive bürgerliche Asyl- und Drogenpolitik. Seine eigene Einschätzung blieb realistisch: «Die Ausbeute meiner Vorstösse verblieb im bescheidenen Rahmen der Minderheit, der ich mich verpflichtet fühlte.»

Vision einer Wirtschaftsdemokratie

Spielers sozialethischer Ansatz hatte in ökonomischer Hinsicht sein Zentrum im «Vorrang der Arbeit vor dem Kapital»: dass die Menschen nicht nur die Früchte ihrer Arbeit ernten, sondern auch über den Arbeitsprozess mitbestimmen sollten. Daraus waren das Interesse an der Mitbestimmungsinitiative und an Selbstverwaltungskonzepten entstanden und in späteren Jahren grundsätzlichere Vorstellungen einer Wirtschaftsdemokratie, die sich heute im aktuellen Parteiprogramm der SP finden. Durch fundierte Argumente und hartnäckige Überzeugungsarbeit schaffte es Spieler, solche Ideen den GenossInnen schmackhaft zu machen. In den letzten Jahren arbeitete er mit Juso-VertreterInnen zusammen und versuchte, die Vision in die politische Praxis einzubringen.

Spieler vertrat einen demokratischen Sozialismus, da gab es keine Zweideutigkeit. Vor illusionären Vorstellungen über den real existierenden Sozialismus war er durch sein Beharren auf Menschenrechte gefeit, und Revolutionsphrasen war er nie verfallen. Dennoch war er radikal genug. Das «Reich Gottes auf Erden» – solche Formulierungen, die in meinen atheistischen Ohren fremd klangen, wurden bei ihm konkret und anschaulich.

Mit seiner Partnerin Yvonne Haeberli verband ihn ein starkes ästhetisches Empfinden; gemeinsam erschlossen sie sich die Malerei und neue Kulturen, und die beiden waren formvollendete GastgeberInnen. Am 25. Februar ist Willy Spieler nach kurzer Krankheit einem Krebsleiden erlegen. Seinen Nachlass hat er zuvor geordnet, er gehört wie sein Leben zur Geschichte der demokratisch-fortschrittlichen Bewegung in der Schweiz.

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