Nr. 35/2014 vom 28.08.2014

Ein Leben in der Komprimierungszone

Illegale Autorennen in Baku, Partys in Berlin: In ihrem neuen Roman schickt die in Baku geborene deutsche Schriftstellerin Olga Grjasnowa drei ProtagonistInnen auf die Überholspur.

Von Ulrike Baureithel

Olga Grjasnowa hat lange Reisen hinter sich. In ihrer Kindheit kamen die 1984 in Baku geborene Autorin und ihre Familie als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland. Sie studierte in Polen und Moskau, war für die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv tätig und absolvierte drei Schreibschulen, darunter die in Leipzig. Ein Leben in der Komprimierungszone. Das sich dabei vermittelnde Lebensgefühl ist auch ihren Figuren eigen, jener Mascha Kogan etwa, die im Debüt «Der Russe ist einer, der Birken liebt» (2012) zwischen Nahostkonflikt, aserbaidschanischem Bürgerkrieg und deutschem Migrationsmilieu switcht. In «Die juristische Unschärfe einer Ehe» schickt die junge Autorin nun gleich drei ProtagonistInnen auf die Überholspur.

Am existenziellen Nullpunkt

Leyla ist eine Ballerina aus einer arrivierten Künstlerfamilie in Baku, die am Bolschoi-Theater eine grosse Zukunft vor sich hatte. Nun sitzt sie, Mitte zwanzig und die Karriere eigentlich schon hinter sich, in Berlin bei ihrem Ehemann Altay, der als Assistenzarzt auf einer Drogenstation im Wedding arbeitet. Weil man in Moskau, von wo sie hergekommen sind, für eine solche Stelle nämlich Schmiergeld zahlen muss und in den dortigen Ärztezimmern eine unangenehm homophobe Atmosphäre herrscht. Denn Leyla und Altay leben zwar in einer Symbiose, sie sind sexuell jedoch mehrfach gestimmt.

Leyla, die sich grammweise die Körner abwiegt und sich einem unmenschlichen Training unterwirft, hofft auf einen Neustart auf der Tanzbühne: «Ihr Leben lang wurde sie darauf vorbereitet, eine Art Übermensch zu werden.» In einer Bar lernt sie Jonoun kennen, eine weitere Versprengte, die dort jobbt, um sich im Mekka der neuen Kreativen über Wasser zu halten. Während Leyla die Liebe ihrer schönen Mutter Salome erwarb, indem sie möglichst perfekt tanzte, fehlt der aus chaotischen jüdischen Verhältnissen stammenden US-Amerikanerin jeglicher Halt. Alle drei sind Bedürftige, denn auch Altay, der eigentlich auf Männer steht, klebt an Leyla. Keine guten Voraussetzungen für die Dreierkiste im dritten Kreuzberger Hinterhof. Es rappelt: Eifersucht, Überdisziplin und Selbstbezogenheit. «Die wichtigste Aufgabe eines jeden Menschen besteht darin, die Ehe zu verkraften», schreibt Grjasnowa. Derlei feministische Deklarationen klangen schon vor vierzig Jahren platt, und in der genderdiskursiven Verkleidung wirken sie unfreiwillig komisch: «Das Wegdenken der heteronormativen Werte bereitete ihr mehr Probleme, als sie zugeben mochte», erfährt man über Jonoun. Spricht man so im neuen Geschlechterland?

Der Roman setzt ein am existenziellen Nullpunkt, in einer Gefängniszelle in Baku, nachdem Leyla aus Berlin geflüchtet ist und an einem der illegalen Autorennen teilgenommen hat, bei denen die gelangweilte goldene Aseri-Jugend ihre «letzte Möglichkeit der Revolte» auslebt: «Der Westen hatte sie enttäuscht, war ihrer Kaufkraft nicht gewachsen.» Der erste Teil des Romans erzählt in eigenwillig zurückzählenden Kapitelfolgen die Ereignisse in Berlin, Moskau und den USA bis zu dem Moment, als Altay mit Jonoun nach Baku fliegt, um Leyla aus dem Knast auszulösen.

Schmerzüberwindung

Der zweite, im Kaukasus handelnde Teil führt in den Kosmos der postsowjetischen Oligarchie Bakus, ihre Oberflächlichkeit und ihren simulierten Reichtum. Auf den alten Lenin-Büsten thront der Kopf der neuen Kultfigur Alijews, während die Korruption blüht und die Jagd auf Schwule zum Gesellschaftsspiel wird. Grjasnowa arbeitet mit scharfen Kontrasten und ironischen Schleifen: Hier die Pseudoliberalität des Westens, dort der hohle Glanz Bakus und die niedergehende kaukasische Provinz, in der die alte Freundlichkeit aufbewahrt scheint.

Auch wenn die sehr genauen Beschreibungen nicht frei von Klischees und Spruchbändern sind – «der Westen braucht den Diskurs über Homosexualität, um sich der eigenen moralischen Überlegenheit zu vergewissern» –, verfügt Grjasnowa doch über ein ausgeprägtes Gefühl für die im Detail sitzenden Widersprüche. In der Szene etwa, in der Altay und seine schwule Bekanntschaft von Jugendlichen angemacht werden und die Grundlage ihres Bettarrangements plötzlich ins Rutschen kommt, als sich Altay als Muslim outet. Migrationsliteratur, mischte sich Grjasnowa in die diesjährige Debatte über die Gegenwartsliteratur ein, habe auch etwas mit Klassenfragen zu tun.

Was an dieser in schnellen Kapitelabfolgen, geradezu szenisch erzählten Geschichte am meisten überzeugt, ist die Versinnbildlichung von moderner Körpererfahrung und Lebensgefühl im Ballettmilieu. Das ist sicher auch darauf zurückzuführen, dass die Autorin gegenwärtig Tanzwissenschaft studiert. «Wenn man tanzt, hat man mit achtzehn bereits ein ganzes Leben hinter sich und mit zweiundzwanzig eine Karriere», heisst es im Buch. In Leylas Leben dreht sich alles nur um diesen vom Leib entfremdeten, durch strenge Selbstkasteiung und in ständiger Schmerzüberwindung hergerichteten Kunstkörper, darauf ausgerichtet, das Aussehen und die Leistung hervorzubringen, die auf der Bühne von ihm gefordert werden. «Das Selbst wird vom Körper bestimmt» und von der Aussensicht der anderen. An der Zurichtung dieses Körpers scheitert Leyla. Doch sie hat gelernt, den Schmerz zu verleugnen.

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