Nr. 20/2017 vom 18.05.2017

Der Krieg schreibt Biografien um

Von Damaskus nach Berlin, vom Serienstar zum Flüchtling: In «Gott ist nicht schüchtern» erzählt Olga Grjasnowa in protokollarischem Stil zwei Lebensgeschichten, die auch ganz anders hätten verlaufen können.

Von Silvia Süess

Nur dreimal kreuzen sich die Wege der Protagonistin und des Protagonisten im neuen Roman von Olga Grjasnowa. Und zwischen den ersten beiden und der dritten Begegnung liegen fünf Jahre und eine gefühlte Ewigkeit – denn nichts im Leben der beiden ist mehr, wie es einmal war.

Das erste Mal treffen sich Amal und Hammoudi 2011 in Damaskus. Amal, eine mässig begabte, aber ehrgeizige Schauspielerin mit einflussreichem Vater, muss Hammoudi den Schlüssel für die Nachbarswohnung übergeben. Der in Paris ausgebildete Arzt ist zurück nach Syrien gekommen, um seinen Pass zu erneuern. Doch die syrischen Behörden lassen ihn nicht mehr ausreisen. Misstrauen liegt in der Luft, als die beiden beim zweiten Treffen in Amals Wohnung einen Tee trinken: In Syrien ist die Revolution ausgebrochen, und Amal, die mitdemonstriert hat, vermutet in Hammoudi einen Geheimdienstler.

In «Gott ist nicht schüchtern» bleibt Olga Grjasnowa dem Thema, um das sich die ersten beiden Bücher drehten, treu: der Entwurzelung von jungen, gut ausgebildeten, willensstarken Menschen und deren Neu(er)findung in einer global vernetzten Welt. Standen im grossartigen Debüt «Der Russe ist einer, der Birken liebt» (2012) wie im folgenden Roman «Die juristische Unschärfe einer Ehe» (2014) die Nachkommen von geflüchteten Menschen im Mittelpunkt, so sind es im neusten die Flüchtenden selbst.

Bei ihrem dritten und letzten Treffen sind Amal und Hammoudi Flüchtlinge in Berlin und haben Dinge erlebt und gesehen, die kein Mensch aushält, ohne Schaden zu nehmen. «Wir haben uns in Damaskus kennengelernt», erklärt Hammoudi Amal, als er sie anspricht, sie sich aber nicht an ihn erinnert, «in einem anderen Leben».

In diesem anderen Leben wäre für beide etwas anderes vorgesehen gewesen: Amal hätte ein berühmter Serienstar werden können, hatte sie doch die Hauptrolle in einer Telenovela bekommen. Und Hammoudi wäre erfolgreicher Arzt in Paris geworden. Doch dann wurde die Revolution blutig niedergeschlagen, und der Krieg brach aus. Was dieser mit einzelnen Menschen macht, wie brutal und gnadenlos er sich in Biografien ein- und diese umschreibt, das erzählt Grjasnowa in «Gott ist nicht schüchtern». Sprachlich macht sie das auf eine nüchterne, distanzierte Art, mit der sie fast protokollarisch genau die Ereignisse beschreibt. Dieses Bemühen wirkt manchmal etwas schülerhaft eifrig. Allerdings wird es dort zur Stärke, wo sie die Flucht und die Gräuel des Krieges beschreibt und somit eine seltene Innenansicht eines Landes gibt, in dem die Menschen entweder tot, verletzt, traumatisiert oder weg sind: «Tote liegen auf den Strassen, ihre Körper sind nur notdürftig mit Laken verdeckt. Die meisten wurden durch Kopfschüsse getötet. Es sind bunte Laken – blaue, rote, gelb gemusterte – mit einer winzigen Sandschicht bedeckt und steif von getrocknetem Blut.»

Grjasnowa, die mit einem syrischen Schauspieler verheiratet ist, hat mehrere Jahre recherchiert, mit vielen von Flucht und Exil Betroffenen gesprochen und diese Geschichten in ihr Buch eingebaut. Sie habe im Sommer vor zwei Jahren den Glauben an die Menschheit verloren, sagte sie, deren Grossmutter beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als Vierzehnjährige von Weissrussland nach Baku floh, in einem Interview. Denn nach jedem Krieg sage man: «Nie wieder!» Doch es dauere nie lange, bis dieses «nie» gebrochen werde. Was dann mit den Menschen passiert, davon erzählt dieser Roman.

Die Autorin liest in Solothurn am Fr, 26. Mai 2017, um 12 Uhr, am Sa, 27. Mai 2017, um 16 Uhr und am So, 28. Mai 2017, um 14 Uhr und 17 Uhr.