Nr. 35/2014 vom 28.08.2014

Seife und Worte gegen das Virus

Ebola breitet sich in Westafrika erschreckend schnell aus: Bereits sind 3000 Menschen erkrankt und 1500 gestorben. In Liberia reagieren die Behörden verzögert, dafür umso brachialer und autoritärer.

Von Corina Fistarol

Twe Kollie lebt in West Point, dem Stadtbezirk von Liberias Hauptstadt Monrovia, der seit dem 13. August von der Regierung unter Quarantäne gestellt worden ist; das Quartier mit seinen 75 000 BewohnerInnen (laut der Volkszählung 2008) ist durch Barrikaden abgeriegelt. Seither bewacht die Armee das Elendsviertel – mit Tränengas und scharfer Munition. «Wir können kaum mehr Lebensmittel kaufen, weil der Markt geschlossen ist. Und was es in den Läden zu kaufen gibt, ist plötzlich doppelt so teuer», sagt der 26-Jährige am Telefon gegenüber der WOZ. Erst vor kurzem hat er Arbeit in einer Autowerkstatt gefunden, zudem besucht er eine Abendschule. Jetzt ist die Schule geschlossen, und zur Arbeit kann er nicht mehr fahren. Somit verdient er nichts und kann nicht zum Unterhalt der Familie beitragen. Die vielen BewohnerInnen, die von der Fischerei leben, dürfen nicht mehr aufs Meer hinaus. Zwar haben die Regierung und die Welthungerhilfe Lebensmittel verteilt, das reicht aber nicht. Twe Kollie vermutet, dass die Regierung das Virus in West Point einschliessen möchte: «Die Leute haben Panik und versuchen, die Absperrungen zu durchbrechen.»

Die Wut ist verständlich

Die Quarantäne kam überraschend. «Das war wichtig, sonst wären alle geflohen», sagt Richard Kpah. Seit die Universität geschlossen ist, engagiert sich der Geologiestudent für die Ebolakampagne einer Jugendgruppe. Dass die Leute in West Point wütend sind, kann er gut verstehen: «Viele waren bloss zu Besuch oder haben Geschäfte abgewickelt. Dann kam die Quarantäne, und jetzt sind sie in West Point gefangen – abgeschnitten von ihren Angehörigen.»

Die Wut der Bevölkerung gegen die zuständigen Behörden hat aber noch einen anderen Grund. «Schon Anfang Mai wollten wir uns engagieren. Das Gesundheitsministerium hat uns abgewimmelt und gesagt, dass Ebola bald vorbei sei», sagt Kpah. Dann kamen die ersten Kranken von Guinea in den Norden Liberias. «Diese Menschen wussten gar nicht, dass sie Ebola hatten. Und das Gesundheitspersonal wusste auch nicht, wie mit dieser hoch ansteckenden Krankheit umgegangen werden muss.» So wurde das Virus ins Land geschleppt. Nachdem die Regierung lange zugewartet hatte, reagierte sie mit Zwangsmassnahmen. Ihre brachiale Gesundheitspolitik verstärkte das Misstrauen der Menschen gegenüber der Staatsmacht. Denn seit der Propaganda und der Lüge, dem Terror und der Unterdrückung, die die Bevölkerung während und zum Teil auch nach dem Bürgerkrieg von 1989 bis 2003 erlebte, misstraut sie dem Staat und seinen VertreterInnen grundsätzlich.

Die späte Reaktion der Behörden überrascht Twe Kollie nicht. Solange nur «normale Menschen» betroffen seien, interessiere das die Regierung nicht: «Sie reagierte erst, als einer aus ihrem Kreis starb.» Als Patrick Sawyer, ein Manager des Stahlproduzenten Arcelormittal, am 20. Juli auf dem Flug von Monrovia via Togo und Ghana nach Lagos zusammenbrach, dachten weder die helfenden Passagiere noch das Gesundheitspersonal in Nigeria an Ebola. Sie umsorgten ihn ohne Schutzvorrichtungen, obschon er die typischen Symptome der Krankheit aufwies: heftige Brechdurchfälle, Fieber sowie innere und äussere Blutungen. Wenige Tage nach seinem Tod zeigten sich dieselben Symptome bei einer Krankenschwester, die ihn versorgt hatte, und bei einem Reisebegleiter. Beide sind inzwischen gestorben, das liberianische Gesundheitsministerium war alarmiert und das Ebolavirus in Nigeria.

Brisant an dieser Geschichte ist nicht nur, dass die verantwortlichen Behörden erst ab diesem Moment Massnahmen zur Behandlung, Eindämmung und Prävention einleiteten. Sawyer stand damals schon unter medizinischer Beobachtung, weil seine Schwester am 8. Juli an Ebola gestorben war und er mit ihr in engem Kontakt stand. Arcelormittal hatte ihn deshalb auf Anraten der staatlichen Behörden von der Arbeit suspendiert. Dennoch erlaubte Sebastian Muah, der stellvertretende Finanzminister, Sawyer, in Nigeria an einem Treffen der Westafrikanischen Wirtschaftsunion Ecowas in der 22-Millionen-Metropole Lagos teilzunehmen. Anscheinend gab es zwischen den Ministerien ein Kommunikationsproblem.

Liberias Präsidentin, Ellen Johnson Sirleaf, bezeichnete die Lage gegenüber dem Fernsehsender CNN als Katastrophe: «Wenn die Symptome sichtbar werden, ist bereits der Punkt erreicht, an dem die Krankheit hoch ansteckend und kaum mehr heilbar ist.» Vorher glaube niemand an eine eigene Infektion. «Aber wenn sich die Menschen nicht an die Regeln halten wollen, müssen wir sie zu ihrem eigenen Schutz dazu zwingen.» Von der internationalen Gemeinschaft fordert sie jede mögliche Hilfe für die Behandlung und die Prävention. Auch Thomas Nierle, Vorstandspräsident von Ärzte ohne Grenzen (MSF), fordert eine länderübergreifende Koordination mit KrisenmanagerInnen. «Die Bedingungen vor Ort sind miserabel. Es geht überhaupt nicht, dass die internationale Gemeinschaft diese Epidemie allein den betroffenen Regierungen aufbürdet. Sie muss sich dringend engagieren. Allein schaffen es die westafrikanischen Länder nicht.» Bereits haben sich 3000 Menschen infiziert, 1500 sind an der Krankheit gestorben.

«Ebola is real» steht denn auch auf dem Transparent, vor dem Richard Kpah in seinem Herkunftsbezirk Nimba die Menschen informiert. Zusammen mit seiner Jugendgruppe verteilt er schon seit Ende Mai Seife und Desinfektionsmittel an Bedürftige – finanziert aus den eigenen Taschen und von privaten SpenderInnen. Denn das Gesundheitsministerium unterstützt diese Anstrengungen nicht und verlässt sich lieber auf internationale Organisationen wie MSF. Diese sprechen jedoch, auch kulturell, eine andere Sprache als die Einheimischen: Weisse Menschen in Schutzanzügen, die von tödlichen Viren sprechen, die durch Gesten der Zuneigung übertragbar seien, wirken nicht von vornherein vertrauenswürdig.

Weniger Misstrauen rufen einheimische AktivistInnen aus der Zivilgesellschaft hervor. Diese haben aber nicht nur mit fehlenden Ressourcen zu kämpfen. «Die Arbeit wird immer schwieriger», meint Kpah. Denn nun ist Regenzeit, und viele Strassen sind kaum noch passierbar, periphere Dörfer nur noch zu Fuss erreichbar. Dort halte sich auch kaum jemand an die von der Regierung verordnete Ausgangssperre: Die Leute sähen nicht ein, warum sie ihr Haus in der Nacht nicht verlassen dürfen. «Sie bewegen sich am Tag, gehen auf den Markt, besuchen sich, gehen zur Arbeit. Was nutzt dann eine Ausgangssperre ab 21 Uhr?», fragt Richard Kpah. Im Gegenteil: Die in den Städten durchgesetzte Ausgangssperre habe die Situation verschärft. «Seither fliehen die Menschen in die Dörfer. Infizierte tragen so die Krankheit in die hintersten Winkel des Lands.»

Kaum noch Händeschütteln

Fliehen kann Twe Kollie aus West Point nicht. Dass ausgerechnet das Slumquartier am 13. August unter Quarantäne gestellt wurde, ist kein Zufall. Am Wochenende zuvor hatte eine aufgebrachte Menge siebzehn PatientInnen aus einer provisorischen Ebolaquarantänestation in einem Schulgebäude befreit. «Es gibt kein Ebola in West Point», schrien die Demonstrierenden dabei. Auch Kollie glaubte anfangs, dass die Krankheit von der Regierung erfunden worden sei, um internationale Hilfsgelder zu mobilisieren. Erst als in seinem Quartier in Monrovia eine Strasse gesperrt wurde, weil ein Mann mit den entsprechenden Symptomen auf dem Boden lag, realisierte er schliesslich, dass die Krankheit real ist.

Der Ebolaaktivist Richard Kpah glaubt, dass die Krankheit eingedämmt werden kann. «Inzwischen wissen fast alle, dass es Ebola gibt», so der Student. Und diejenigen, die es nicht glauben, würden sich dennoch an die Hygiene- und Verhaltensvorschriften halten. «Alle wissen, dass man nicht unbedingt an Ebola stirbt, wenn man frühzeitig eine entsprechende Krankenstation aufsucht.» Die Leute hätten ihr Verhalten verändert, Tote würden zuerst von den Gesundheitsbehörden untersucht, bevor sie beerdigt werden, Hände würden kaum mehr geschüttelt, alle seien vorsichtig.

Damit auch die Menschen in abgelegenen Dörfern ihr Verhalten ändern können, verstaut er wieder einmal Seifen und Desinfektionsmittel im Rucksack, um zwei Tage lang in ein entlegenes Dorf zu laufen. Dort wird er wohl mit Händedruck vom Dorfvorsteher willkommen geheissen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch