Nr. 14/2020 vom 02.04.2020

Pandemien fallen nicht vom Himmel

Die Entstehung und Verbreitung des Coronavirus hat mit dem grossen Druck auf Ökosysteme zu tun. Warum die Massnahmen zu seiner Eindämmung nur wenig bringen und die Zahl der Pandemien zunehmen dürfte.

Von Susan Boos

Das Coronavirus wird derzeit mit allen Mitteln bekämpft – in der Hoffnung, dass es innerhalb nützlicher Frist wieder ganz zum Verschwinden gebracht wird. «Dies könnte aber eine Illusion sein», sagt Pietro Vernazza, Infektiologe am Kantonsspital St. Gallen. Man müsse genau anschauen, ob die Eindämmungsstrategie die gewünschten Resultate bringe.

Vernazza zweifelt zum Beispiel daran, dass die Schliessung der Schulen hilft, die Ausbreitung des Virus aufzuhalten. Bislang gebe es keine Studie, die das belegen würde. Eine neue Arbeit der London School of Hygiene and Tropical Medicine komme sogar zum Schluss, dass das Schliessen von Schulen bei einer Grippepandemie einen günstigen Effekt habe, bei der Covid-19-Erkrankung aber kaum eine messbare Wirkung zeige. «Wenn die Schliessung der Schulen nichts bringt, lässt es sich auch nicht rechtfertigen, dass sie länger geschlossen bleiben», sagt Vernazza.

Die grosse Frage, die Pietro Vernazza umtreibt: Wie viele Menschen haben Covid-19 bereits durchlaufen und sind deshalb immun dagegen? Der Arzt zitiert eine Studie aus China, die darauf hindeutet, dass rund 85 Prozent aller Infektionen erfolgen, ohne dass jemand die Infektion bemerkt hat, weil nur milde oder gar keine Symptome auftraten.

Wenn ein Grossteil der Bevölkerung die Krankheit hatte und nun dagegen immun ist, kann sich das Virus nicht mehr weiter ausbreiten. Es wird davon ausgegangen, dass dies passiert, sobald sechzig bis siebzig Prozent der Bevölkerung immun sind. Vernazza vermutet, dass ein erster Effekt schon bei einem geringeren Prozentsatz eintreten dürfte. Im Moment hat er zwei Studien lanciert, mit denen er den Immunisierungsverlauf und den Immunisierungsgrad in der Schweiz erfassen möchte. In der einen Studie untersucht er, wie sich die Immunisierung unter dem Krankenhauspersonal entwickelt. Die zweite ist in Planung. Sie zielt darauf ab, den Verlauf der Symptome genau zu erfassen. Damit soll sich abschätzen lassen, wie viele Leute bereits Covid-19 hatten. Noch fehlt ihm allerdings das nötige Geld für die Studien.

Eindämmung greift nicht

Zu Beginn jeder Epidemie setzt die Wissenschaft auf die Containment-Strategie: Eindämmen heisst, Infizierte ausfindig zu machen und abzusondern, damit sie keine weiteren Leute anstecken können. Wenn das Virus keine neuen Wirte erreicht, vermag es sich nicht zu vermehren und stirbt aus.

Im Fall des neuen Coronavirus scheint die Containment-Strategie nicht zu greifen. Das Virus verbreitet sich sehr schnell, eben weil viele VirusträgerInnen nicht bemerken, dass sie sich angesteckt haben. Das Virus ist inzwischen rund um die Welt präsent. Deshalb ist es schier unmöglich, es noch weiter einzugrenzen und auszuhungern. Selbst wenn ein Land das Virus erfolgreich bekämpft hat, kann es jederzeit wieder eingeschleppt werden und eine neue Krankheitswelle auslösen.

In der aktuellen Phase viele Leute zu testen, um festzustellen, wer am Virus erkrankt ist, ergibt deshalb nicht mehr viel Sinn. Das würde nur etwas bringen, wenn man noch jeden einzelnen Fall nachverfolgen würde. Davon ist man aber schon lange abgerückt, weil es nicht mehr leistbar ist.

In den Krankenhäusern braucht es diese Art Test allerdings sehr wohl. Denn bei schwer Erkrankten muss man wissen, ob die Symptome mit dem Virus zu tun haben oder nicht. Nur so können korrekte Diagnosen gestellt und Therapien angeordnet werden.

Wichtig werden hingegen die Tests, die die Immunisierung nachweisen. Hat sich jemand angesteckt, entwickelt der Körper Antikörper. Zwei, drei Wochen nach der Ansteckung lassen sich die Antikörper im Blut nachweisen. Zurzeit bieten viele private Firmen Tests an. Jan Fehr, Professor am Institut für Epidemiologie der Universität Zürich, sprach gegenüber Radio SRF von einem eigentlichen Wildwuchs. Die verschiedenen Institutionen sind aber daran, sich zu organisieren. «Wir versuchen, es so aufzugleisen, dass wir möglichst robuste Daten sammeln», sagte Fehr. Damit sollten die gesammelten Daten dann auch schweizweit vergleichbar sein.

Wer sich privat zu Hause testen möchte, muss auf jeden Fall ein Testkit kaufen, das von einem unabhängigen Labor validiert wurde. In Kürze sollen genauere Empfehlungen verfügbar sein. Auf jeden Fall wird man in wenigen Wochen ein klareres Bild haben, wie es um die Immunisierung der Bevölkerung steht.

Wann sprang das Virus über?

Epidemien lassen sich am effizientesten bekämpfen, wenn man früh den «Patienten null» ausfindig macht. Bei Covid-19 wird man ihn vielleicht nie mehr finden. Also werden theoretische Überlegungen angestellt, wie dieses Virus zum Menschen kam: Es ist eine sogenannte Zoonose, also ein Keim, der von einem Tier auf einen Menschen übergesprungen ist, wie das bei vielen Infektionskrankheiten der Fall ist. Der Hauptwirt des Virus dürften Fledermäuse sein. Vermutlich kam eine Fledermaus – oder ihr Speichel oder ihr Kot – auf einem chinesischen Markt mit einem anderen Tier in Berührung.

Wildtierfleisch birgt virologisch gesehen grosse Gefahren. Bei Covid-19 nehmen die WissenschaftlerInnen an, dass jemand ein lebendes Schuppentier (oder eine Zibetkatze) gekauft hat, das Kontakt mit der Fledermaus hatte. Beim Zerlegen des Tiers dürfte sich dieser Mensch angesteckt haben. Er gab das Virus an die Umgebung weiter, womit die Pandemie ihren Anfang nahm.

Es wäre hilfreich zu wissen, wann das genau geschehen ist. Passierte es schon im Herbst oder wirklich erst Mitte Dezember? Wenn es früher geschah, bedeutet es, dass das Virus schon länger breit zirkuliert. Damit wären auch in China viel mehr Menschen immunisiert, was mit erklären würde, warum nun die Neuinfektionen zurückzugehen scheinen.

Verschwundene Virenbarrieren

Pandemien fallen nicht vom Himmel. Irgendwo gibt es immer eine Übertragung von einem Tier auf den Menschen. Das Risiko, dass es zu einer solchen Übertragung kommt, hat in den vergangenen Jahrzehnten massiv zugenommen.

Die Gründe sind vielschichtig, hängen aber stark mit der Globalisierung zusammen. Die Wildtiere – in diesem Fall die Fledermaus, das Schuppentier oder die Zibetkatze – leben in Wäldern, die vom Menschen früher kaum genutzt wurden. Auf den Lebendtiermärkten kommen nun Wildtiere mit anderen Wildtieren in Berührung, die sich in der Natur nie begegnen würden. Das eröffnet den Keimen ganz neue Möglichkeiten, fremde Wirte zu erobern.

Zudem werden immer mehr Wälder abgeholzt, um zum Beispiel Palmölplantagen zu pflanzen. Der natürliche Lebensraum der Fledermäuse schrumpft. Sie halten sich gerne in den Palmölplantagen auf, kommen damit aber auch näher an die Siedlungen heran. Ihre Viren verteilen sie über den Speichel und den Kot auf den Pflanzen. Die Chance, dass Mensch oder Tier in Plantagen mit Fledermausviren in Berührung kommen, steigt markant.

VirologInnen haben weltweit Fledermäuse untersucht und Tausende von verschiedenen Virenstämmen isoliert, die das Potenzial haben, auf Menschen überzuspringen. Jeder Stamm könnte die nächste Pandemie auslösen. Das Problem sind aber nicht die Fledermäuse. Das Problem sind auch nicht die Wildtierjäger. «Für die grosse Mehrheit der einzelnen Subsistenzjäger ist das Risiko, sich eine neuartige tödliche Krankheit zuzuziehen, geringer als das Risiko, nicht zu jagen und zu verhungern», gibt der US-amerikanische Virologe Nathan Wolfe in seinem Buch «Virus. Die Wiederkehr der Seuchen» zu bedenken. Wenn nun aber Tausende in Regionen mit einer mikrobiellen Vielfalt Wildtiere jagen würden, kämen zwangsläufig viele mit neuen Erregern in Kontakt: «Erreger, die den ganzen Planeten verheeren können.» Die Armut in diesen Gegenden werde «sehr unmittelbar zu unser aller Problem», konstatiert Wolfe.

Die Pandemien haben also viel mit der Globalisierung zu tun, die riesige Ökosysteme fundamental verändert hat. Die Welt wurde mit Strassen und Flugplätzen überzogen, viele natürliche Virenbarrieren sind durch die beschleunigte Mobilität verschwunden. Die Viren kennen keine Grenzen, weder geografisch noch bezüglich Arten. Sie mutieren ständig und nehmen, was gerade passt.

Zwang bringt Widerstand

Covid-19 wird kaum die letzte Pandemie sein, die um die Welt zieht. Deshalb ist es entscheidend, die Bekämpfungsmassnahmen genau anzuschauen. Schnell werden nämlich Bewältigungsstrategien eingeübt, die man nachher nicht mehr loswird. So könnte es plötzlich als solidarische Pflicht erscheinen, sich – wie in Südkorea oder China – via Handy total überwachen zu lassen. Auch wenn die Strategie nicht einmal das erwünschte Resultat bringt. Denn das Virus lässt sich mit dieser Art Totalkontrolle nicht ausrotten, höchstens zeitweilig unterdrücken.

Massnahmen in Seuchenzeiten sind erfolgversprechend, wenn sie freiwillig mitgetragen werden. Zwang kann kontraproduktiv enden. Das weiss man aus Erfahrungen in Afrika. Beim letzten grossen Ebolaausbruch hat man in Liberia versucht, in der Hauptstadt Monrovia gewaltsam eine Quarantäne durchzusetzen. Das führte zu Aufständen.

Anders lief es in Sierra Leone, wie die beiden Forscher Jakob Zinsstag und Marcel Tanner vom Basler Tropeninstitut in ihrem Beitrag «Ebola in Westafrika» schreiben: Die Kampagne, «bei der Freiwillige die Bevölkerung in Dörfern über das Verhalten gegenüber Ebola aufklärten, war sehr wirkungsvoll». Die Leute waren einbezogen und akzeptierten deshalb die Massnahmen zur Desinfektion. Die einschränkenden Massnahmen leuchteten ein, also brauchte es auch keinen Zwang. Jede Seuchenbekämpfung ist so gut, wie die Menschen freiwillig mitmachen und sich ihrer Mitverantwortung bewusst sind.

«Durchseuchen» wäre fahrlässig

Panik hilft dabei wenig. Für junge Menschen verläuft die Krankheit mild. Es ist kein Todesurteil, wenn das Virus einen erwischt und man nicht zur Risikogruppe gehört. Oder wie Virologe Vernazza auf seinem Blog schreibt: «Die meisten Menschen sehen eine schreckliche, gefährliche Krankheit vor sich. Ja, es ist wahr. In Italien stirbt etwa eine von zehn diagnostizierten Personen. Doch angesichts der Dunkelziffer dürfte das eher eine von tausend angesteckten Personen sein. Und was wir auch aus Italien und China wissen: Rund fünfzig Prozent der verstorbenen Patienten sind über achtzig Jahre alt, fast neunzig Prozent sind über siebzig Jahre alt.» Das heisse nicht, dass hinter diesen Zahlen nicht tragische Einzelschicksale stehen würden.

Unbekümmertes «Durchseuchen» wäre deshalb grobfahrlässig. Es braucht eine besonnene Normalisierung mit entsprechenden Massnahmen. Bei Aids, mit dem wir auch zu leben lernen mussten, hiess der Slogan: «Im Minimum en Gummi drum!» Bei Covid-19 müssen wir den Slogan noch finden. Aber am Ende geht es um dasselbe: Verhalten verinnerlichen, damit eine neue lebbare Normalität möglich wird. Aus Safer Sex wird Safer Distancing.

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