Nr. 35/2014 vom 28.08.2014

Ein flüchtiges Metall in der Verfügungsgewalt des Volkes

Im Salzsee von Uyuni in Bolivien liegen die weltweit grössten Lithiumreserven. Internationale Konzerne haben es darauf abgesehen, doch Präsident Evo Morales gibt es nicht her – es sei denn, die Investoren stellen gleich noch eine Elektroautofabrik daneben.

Von Toni Keppeler, La Paz

Minimalistischer kann eine Landschaft kaum sein: eine graubraune, endlos weite, steinige Ebene, 3650 Meter hoch gelegen, und mittendrin ein riesiger weisser Fleck – 9000 Quadratkilometer Salz, eine Fläche, siebzehn Mal so gross wie der Bodensee. Der Salar de Uyuni im Südwesten Boliviens ist der grösste Salzsee der Welt. Und er ist die grösste Lagerstätte von Lithium, dem dritten Element des Periodensystems. Das silbrig glänzende und leichteste aller Metalle, das an der Luft sofort oxidiert und sich langsam verflüchtigt, liegt verborgen unter einer Salzkruste, die an manchen Stellen nur wenige Meter dickt ist, an anderen bis zu neunzig Meter misst. Es ist eingebunden in eine Lauge aus Chlor, Magnesium, Bor, Kalium und Natrium.

Man schätzt den Lithiumgehalt des Salzsees auf gerade einmal 0,033 Prozent. Und doch schielt eine ganze Reihe internationaler Konzerne danach. Denn im Salar liegen – je nach Schätzung – zwischen einem Drittel und mehr als der Hälfte der weltweiten Vorkommen. Die Zeitschrift «Economist» glaubt, dass sich damit eines Tages Einnahmen von über 120 Milliarden US-Dollar im Jahr generieren lassen werden.

Vor ein paar Jahrzehnten noch wurde Lithium fast ausschliesslich in der pharmazeutischen und der Rüstungsindustrie verwendet, zur Herstellung von ein paar Psychopharmaka und von thermonuklearen Waffen. Die Nachfrage explodierte mit der Massenproduktion von tragbaren Computern und Mobiltelefonen: Aus keinem anderen Stoff lassen sich derzeit so leichte und so leistungsstarke wiederaufladbare Batterien herstellen. Und weil die Zukunft des Individualverkehrs das Elektroauto sein soll, sind auch Fahrzeugkonzerne und ihre grossen Zulieferer auf das Metall scharf.

«Wir können es selbst gewinnen»

Mitsubishi hat schon mit der bolivianischen Regierung um die Lagerstätte gepokert, ebenso Sumitomo und Bolloré, zwei Mischkonzerne japanischer beziehungsweise französischer Provenienz, die beide Batterien für Elektroautos produzieren. Sie sind, wie das üblich ist, nur am reinen Rohstoff interessiert. Doch Präsident Evo Morales sagte Nein. Wer das Lithium aus dem Salzsee haben wolle, der müsse dort auch ein Batteriewerk hinstellen und am besten gleich eine ganze Autofabrik. Mehrheitseigner sei dann immer der bolivianische Staat. Ein Angebot, auf das kein kapitalistischer Konzern eingegangen ist – trotz aller Gier auf das Lithium. So war der Salar wirtschaftlich lange Zeit nur für ein paar SalzsammlerInnen interessant, die die weissen Kristalle aus der Kruste schlagen, zu vulkanartigen Häufchen zusammenkratzen, auf Lamas verladen und dann zum nächsten Markt transportieren. Nur bei europäischen und nordamerikanischen Rucksackreisenden, die mit einer minimalen touristischen Infrastruktur zufrieden sind, ist die eigenartige Landschaft ein beliebtes Ziel.

Fabrik in der Mondlandschaft

Doch im November 2010 beschloss die Regierung den Alleingang. Vizepräsident Álvaro García Linera: «Weil wir Lithium auch allein gewinnen können, werden wir das mit unseren Wissenschaftlern und unseren Technikern auch tun.» Damals gab es noch keine auf dieses Metall spezialisierten Wissenschaftlerinnen und Techniker in Bolivien, und Präsident Morales wusste: «Bei null anfangen ist sehr schwer» – zumal an diesem Salzsee, wo das Lithium nicht einfach nur gefördert werden kann, sondern aus einem komplexen Gemenge herausgelöst werden muss.

Die Konkurrenz hat es da einfacher. Im Salar de Atacama in Chile und im Salar del Hombre Muerto in Argentinien ist das Lithium rein und sein Anteil mit 0,15 Prozent fast fünfmal so hoch wie in Uyuni. Allerdings sind diese Salzseen viel kleiner – und sie werden von ausländischen Konzernen ausgebeutet. In Chile und Argentinien bleibt nur ein Bruchteil des Erlöses, und genau das wollte Evo Morales nicht.

Bolivien hat eine lange Geschichte der Ausbeutung von Rohstoffen durch fremde Mächte. Der Silberberg Cerro Rico (deutsch: Reicher Berg) ist so etwas wie das Ursymbol der «offenen Adern Lateinamerikas» (Eduardo Galeano). Sein Reichtum, von Millionen von Indígenas unter unmenschlichen Bedingungen zu Tage gefördert, wurde von den Spaniern zur Bezahlung von Schulden nach Europa gebracht und half dort entscheidend mit, Kapitalismus und Industrialisierung florieren zu lassen. Bolivien aber ist bis heute das ärmste Land Lateinamerikas. Eben deshalb schreibt die unter der Präsidentschaft von Morales erarbeitete neue Verfassung im Artikel 349 vor: «Natürliche Ressourcen sind Eigentum und unter direkter Verfügungsgewalt des bolivianischen Volks; es ist Aufgabe des Staats, sie im kollektiven Interesse zu verwalten.» Obwohl Bolivien technologisch weit hinter Chile und Argentinien herhinkt, wurde nach zwei Jahren Forschung und zwei Jahren Bauzeit im Januar 2013 am Salar de Uyuni eine Pilotanlage zur Lithiumgewinnung eröffnet – alles finanziert mit eigenen Mitteln.

Es ist keine riesige Fabrik, die heute an der südwestlichen Ecke des Salzsees steht. Von Uyuni, dem zugigen, kalten Hauptort am Salar, erreicht man die Anlage in knapp zwei Stunden auf einer holprigen Naturstrasse. In der Regenperiode braucht man einen Lastwagen oder ein geländegängiges Fahrzeug mit Allradantrieb. Der Komplex wirkt wie eine spartanische Kaserne in einer endlosen Mondlandschaft: ein schlichtes dreigeschossiges Hauptgebäude, einige Schuppen mit Wellblechdach, ein paar Bagger und schwere Lastwagen.

Die Fabrik wird weiträumig vom Militär abgeschirmt, Besuchsgenehmigungen gibt es nur in wenigen Ausnahmefällen. «Natürlich wollen viele die Pilotanlage sehen», sagt Honorio Carlo, Sprecher der Nationalen Geschäftsführung für flüchtige Bodenschätze, der für das Lithium zuständigen Unterabteilung des Minenministeriums. In seinem Büro im 19. Stock eines Hochhauses im Regierungssitz La Paz, zehn Stunden Busfahrt von Uyuni entfernt, ist er dafür zuständig, vor eventuellen BesucherInnen hohe bürokratische Hürden aufzubauen. «Wir bekommen viele Besuchsanträge von Wissenschaftlern und Journalisten aus Chile, Argentinien und den USA, und auch die Chinesen sind sehr neugierig», sagt er. «Sie kommen nicht aus wissenschaftlichem Interesse; sie wollen wissen, wie weit wir sind.» Genau das will Carlo nicht so genau verraten.

Alles andere als bescheiden

So viel aber ist sicher: Die bolivianischen TechnikerInnen sind in der Lage, reines Lithium aus der Lauge unter der Salzkruste des Uyuni-Salars herauszulösen. Noch sind die Mengen eher bescheiden. Aber Evo Morales ist sicher: «Dies ist der Beginn der Industrialisierung Boliviens.» Insgesamt gut 900 Millionen US-Dollar will er in diesen Sektor investieren, vom kleinen Pilotprojekt über die grossindustrielle Förderung bis hin zu einer eigenen Batteriefabrik. Alles soll in der Hand des Staats bleiben. Von Geldgebern will die Regierung unabhängig sein. Die Lithiumindustrie soll ohne Kredite von internationalen Finanzmärkten aufgebaut werden, allein mit den Gewinnen aus der von Morales verstaatlichten Gas- und Ölförderung.

Ein bisschen Hilfe aber hat er sich dann doch geholt: Chinesische Spezialisten bauten in La Palca in der Provinz Potosí eine kleine Fabrik für Lithium-Ionen-Batterien. Anfang des Jahres wurde sie eröffnet. Inzwischen hat sie 35 Beschäftigte. Sie stellen am Tag tausend Batterien für Mobiltelefone und tragbare Computer her oder vierzig für Elektrofahrräder. Noch werden die für die Montage nötigen Teile importiert. Aber auch die sollen über kurz oder lang selbst produziert werden, genauso wie Batterien für Elektroautos. Die sind für die kleine Belegschaft derzeit noch zu gross und technisch zu anspruchsvoll.

Die Fabrik soll nicht mehr sein als ein Samenkorn. «Unser Ziel ist, dass in La Palca das grösste Lithiumindustriezentrum der Welt entsteht», sagte Morales bei der Eröffnung des Werks. Das ist alles andere als bescheiden, und noch kann man sich das kaum vorstellen. La Palca ist ein verschlafenes Dorf in der Ebene des Altiplano, knapp hundert Kilometer nördlich der Provinzhauptstadt Potosí und noch nicht einmal an eine ordentliche Fernstrasse angebunden.

Potosí war für Jahrhunderte ein Symbol des Reichtums. Im Spanischen gibt es noch immer die Redewendung «vale un Potosí», was so viel heisst wie: «Das ist ein Vermögen wert.» Der Ruf dieser Stadt stammt eben vom Cerro Rico, dem Silberberg, der gleich dahinter liegt. Acht Millionen Indígenas wurden in seinen Minen von den spanischen Kolonialherren zu Tode geschunden. Vom damaligen Reichtum ist nur das kleine Zentrum mit kolonialen Prachtbauten geblieben, ein Unesco-Weltkulturerbe. Der Rest der Stadt besteht aus öden, staubigen Arbeitervierteln, meist ohne Asphalt auf den Strassen und ohne Wasserleitungen zu den einfachen Häuschen. Hier wohnen die Minenarbeiter, die noch immer die letzten Reste Silber aus dem Cerro Rico kratzen, obwohl sich das schon seit 200 Jahren kaum mehr lohnt. Der Berg – seit ein paar Monaten ebenfalls ein Weltkulturerbe – ist inzwischen so von Stollen unterhöhlt, dass befürchtet wird, er könnte demnächst in sich zusammenstürzen.

Evo Morales ist der erste Aymara im Präsidentenamt Boliviens. Rund ein Viertel der Bevölkerung des Lands gehört dieser andinischen Ethnie an. Sie hat eine einzigartige Eigenschaft: In ihrem Denken ist die Zukunft belanglos; ihr Handeln leitet sie aus Erfahrungen in der Vergangenheit ab. Was Rohstoffe angeht, sind diese Erfahrungen eindeutig: Potosí darf sich nicht wiederholen.

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