Nr. 39/2014 vom 25.09.2014

Der flüchtige Rohstoff Wirklichkeit

Von Florian Vetsch

Florian Günther, geboren 1963 in Berlin, gibt den «Drecksack» heraus, der sich im Untertitel «Lesbare Zeitschrift für Literatur» nennt. Immer im Bereich des Prekären operiert Günther, knapp vor dem ökonomischen Absturz. Ein solches Projekt kann nur mit einem Stamm treuer LeserInnen gelingen, einerseits, und anderseits, wenn es sich herumspricht, dass, wer immer es schafft, einen «Drecksack» zu ergattern, bereichert wird.

Florian Günther ist auch Fotograf – mit einem exorbitanten Archiv; von seinen Fotos sind erst wenige erschienen, viele aber auch verschollen. Doch vor allem ist Florian Günther Dichter. Zahllose Gedichte hat er in den letzten dreissig Jahren geschrieben. Abgezählt hat er seine letzten 74 – und quittiert mit: «Mehr war nicht drin.» Was drin war, genügt, um diesen Schreiber kennen und schätzen zu lernen. Günthers Gedichte sind im Berliner Alltag des Autors angesiedelt, in seinem direkten Umfeld von geschätzten zwei Quadratkilometern. Er schaut sich und anderen aufs Maul, beobachtet sehr scharf und präzise, was auftaucht und vorfällt, und verdichtet es zu schlagkräftigen, mitunter auch zärtlichen Versen.

Nichts Menschliches ist Florian Günther fremd, weder Verhurtheit noch Trinkerelend, auch keine Stubenenge. So ergreift er in seinen Gedichten Partei für die Verstossenen, Randständigen, Hungriggebliebenen. Und Günther kümmert sich nicht um Klischees, gängige Wertungen oder tiefgefrorene Rangordnungen: «Blind // Homer war es, / James Joyce so gut wie, / Eisenstein vorübergehend, / Ray Charles, na, / wisst ihr ja selbst … // Und ich? / Ich laufe den / ganzen / Tag herum / und sehe / nichts / als Scheisse.» Gut, dass Günther diese «Scheisse» festgehalten hat! Er schöpft getreue Abziehbilder des flüchtigen Rohstoffs Wirklichkeit – ohne Rührseligkeit.

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