Nr. 42/2014 vom 16.10.2014

Bei vier ist Schluss

Die Grenzen des Wachstums beim Heuen.

Von Bettina Dyttrich

Alle lieben dieses Tal. Pferdekutschen bringen in Decken eingewickelte TouristInnen bis zum Ende der Strasse. Früher sah man von dort den Gletscher. An den Hängen weiden Yaks und Grauvieh, die Wiesen sind sauber geschnitten. Die TouristInnen bestaunen die Yaks, die gepflegten Wiesen halten sie wohl für selbstverständlich. Sie werden kaum darüber nachdenken, wie viel Heu es hier braucht, wo der Winter fast acht Monate dauert.

Er kommt aus dem Unterland und begann vor 23 Jahren mit dreissig Schafen. Ein guter Freund erzählte ihm vom Grauvieh, das man früher hier gehalten hatte. Viele dachten, der Mann sei ein Spinner, aber der Unterländer hörte ihm zu. Er ging an eine Viehausstellung in Südtirol. Dort lachte niemand über die grauen Kühe, dort züchtete man sie, sie waren grösser als die Bündner Grauen und gaben gut Milch. Er importierte Südtiroler Kühe. Im Vergleich zum grossen Milchvieh sind auch sie klein und wendig. Er ist heute immer noch begeistert.

Er heiratete eine Frau aus einem anderen Tal. Sie konnten mehr Land pachten, ein Haus und einen Stall bauen. Im Winter arbeitet er als Skilehrer, sie managt Ferienwohnungen. Ein Mitarbeiter aus Mazedonien hilft im Sommer.

Vor zwanzig Jahren gab es zwölf Höfe im Tal. Inzwischen sind es noch vier. Aber jetzt sei Schluss, sagt er. «Wir vier wollen nicht mehr wachsen.» Im Mai, wenn der Schnee geschmolzen ist, müssen die Weiden geputzt, die Zäune aufgestellt werden. Dann beginnt das Heuen – es kann, wie dieses Jahr, bis weit in den September dauern. Danach reicht es gerade noch, um Mist und Gülle auszubringen, bevor der erste Schnee fällt. Manchmal reicht es auch nicht.

«Damals war ein emsiges Treiben auf den Wiesen, ganze Familien waren am Heuen. Wenn der Nachbar anfing, wusste man, man kann dem Wetter trauen.» Heute rufen sich die letzten vier manchmal an und beraten sich über das Wetter.

Das Bundesamt für Landwirtschaft rechnet in Standardarbeitskräften, kurz SAK. Für fast alles, was ein Bauer tun kann, gibt es einen SAK-Wert. Für das meiste, was die Bäuerin tut, leider nicht, aber das ist eine andere Geschichte. Eine Hektare Land entspricht 0,028 SAK, für Steilhänge und Bio gibt es Zuschläge. Eine Milchkuh ist 0,043 SAK wert. Wer über 0,25 SAK kommt, erhält Direktzahlungen.

Der Bundesrat möchte die SAK-Faktoren «dem technischen Fortschritt anpassen». Klar, die Grossen können heute schneller mähen mit ihren grossen Maschinen. Aber hier oben geht das nicht. Die Hänge mäht man zu Fuss mit dem Balkenmäher – was ganz schön Kraft braucht, vor allem beim Wenden. Hier oben sind die Grenzen des technischen Fortschritts erreicht. Es sei denn, der Mähroboter setzt sich durch. Aber der braucht sicher auch Betreuung.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin.

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