Nr. 42/2014 vom 16.10.2014

Gezielte Einschüchterung des Nachwuchses?

Von Adrian RiklinMail an AutorIn

Es hört sich wie ein schlechter Witz an: Derweil auf dem Bundesplatz, dem «öffentlichsten Platz der Schweiz» (Städtebauexpertin Michèle Tranda-Pittion), junge Frauen leicht gewandet über den Laufsteg defilieren, um vorschriftsgemäss solidarisch um die Krone der Miss Schweiz zu konkurrieren, werden junge Frauen und Männer, auch Minderjährige, von der Kantonspolizei des Platzes verwiesen – und alsbald auf den Posten mitgenommen, um dortselbst sich der Kleider entledigen zu müssen.

So geschehen am vergangenen Samstag zur Stadt Bern, wo sich die jungen Leute aufgemacht hatten, mit Flyern und Transparenten gegen die «Verdinglichung von Frauen» zu protestieren, nachdem der «öffentlichste Platz» schon seit Tagen wegen der Aufbauarbeiten für die staatstragenden Miss-Schweiz-Wahlen besetzt war.

Während also am Samstag die als karitative Veranstaltung für herzkranke Kinder deklarierte Miss-Schweiz-Wahl ihrem Höhepunkt entgegenfieberte, protestierten die jungen Leute draussen gegen die «sexistische Kommerzshow», hinter der «nach wie vor die chauvinistischen, sexuellen Fantasien der PR-Heinis, Fernsehmänner und Cervelatspromis stehen».

Trotz all der Friedlichkeit der Protestierenden sah sich die Kantonspolizei nach eigenen Angaben dazu veranlasst, einige davon (ohne rechtliche Grundlage) mündlich vom Platz zu weisen sowie rund zwanzig Personen in Gewahrsam zu nehmen und zu fesseln, unter ihnen sieben Jugendliche. Tamara Funiciello, Vorstandsmitglied der Juso Stadt Bern, bestätigt gegenüber der WOZ, dass sechs JungsozialistInnen festgenommen wurden, darunter vier Jugendliche, von denen sich vor allem die Frauen auf dem Posten ihrer Kleider entledigen mussten – Unterhosen und Slips inklusive. In mehreren Fällen hat es die Polizei zudem für nicht nötig erachtet, die Eltern der Minderjährigen zu informieren, obwohl sie sie erst gegen 2 Uhr in der Nacht entlassen hatte.

Die Gewinnerin auf dem Bundesplatz heisst übrigens Laetitia Guarino. Erste Rüffel hat allerdings auch die sympathische Medizinstudentin bereits einstecken müssen, nachdem die 21-Jährige öffentlich gemacht hatte, dass sie sich für das Abstimmungsergebnis bei der SVP-«Masseneinwanderungsinitiative» schäme. Als «Prinzessin der Herzen», so besorgte Twitterer, gezieme es sich nicht, politische Äusserungen von sich zu geben.

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