Nr. 42/2014 vom 16.10.2014

Verspannung in Europa

Die Zukunft liegt in den siebziger Jahren.

Von Ruedi Widmer

Abzockerinitiative, «Masseneinwanderungsinitiative»: Die Parteienlandschaft der Schweiz weiss nicht mehr, wo ihre Köpfe stehen.

Ecopop hat das Potenzial, die SVP zu zerreissen, aber auch die Grüne Partei. Erstere kann die Diskrepanz zwischen ihren neoliberalen SteuersenkerInnen und ihren Minder-Wirtschaftshassern nicht mehr kitten. Die Grünen spalten sich, nach der Abspaltung der GLP, im Nachgang zum 30. November ein zweites Mal. Die braunen Federn fallen aus und gründen eine neue Partei, die dem reinen nationalen Umweltschutz gewidmet ist. Die SP sieht sich ungewollt an der Spitze der Neoliberalen und der Economiesuisser. EuropabefürworterInnen oder normal sachlich Europakritische sind in der Schweiz inzwischen als neoliberal verschmäht. Das Bordorchester der FDP spielt noch die Weise vom «Gemeinsinn», bevor es untergeht.

Die Auns, Hüterin von Ecopop und Bollwerk gegen den plötzlich jüdisch-amerikanisch-europäischen und ganz und gar überhaupt schon immer ausländisch gewesenen unschweizerischen Neoliberalismus, verkörpert heute den sozialen «gesunden Menschenverstand» und verspricht eine Schweiz wie in den siebziger Jahren. Mittels ihrer ausländischen Kollegen wie Nigel Farage oder der Alternative für Deutschland (AfD) versucht sie, auch das Ausland in diese Zeit zurückzudrehen. Helmut Kohl, dessen Memoiren ich kürzlich beim ersten Blick in die Buchhandlung falsch gelesen habe («Kohl-Protoknolle»), wird dank der Auns wieder gesund, dünner und munter. 

Abba werden neue Hits aufnehmen. Durch die Firma Saab sind die Beziehungen zwischen der Schweiz und Skandinavien so weit gefestigt, dass die NordländerInnen auch mitmachen beim Siebziger-Jahre-Europa. Russlands Präsident Wladimir Putin ist bereit für sein Breschnew-Revival. Eine Grundbedingung für das Siebziger-Jahre-Europa ist die Eingliederung der Ukraine und des Baltikums ins Moskauer Reich. Der Vertrag zwischen Postkommunist Putin und seinen westlichen Partnern der extremen Rechten ist vergleichbar mit der einstigen Ostpolitik von Willy Brandt: «Wandel durch Annäherung».

Hier weitere Daten hin zum Siebziger-Jahre-Europa: Abgabe aller Mobiltelefone bis 1.11.2017. Danach Verbot, ausser in Kreisen der Partei. Musikkassettenpflicht ab 1.5.2018. Aufrüstung der Nato beziehungsweise des Donezker Pakts (bereits im Gang). Einführung von Siebziger-Jahre-Mode. Schlaghosenpflicht ab 1.1.2018. Die AfD weist VW und Opel an, den Käfer und den Kadett wieder herzustellen (ab 1.3.2019 auf dem Markt). Marine Le Pen verspricht die Lieferung von drei Millionen Renault R4 ab 2019, rassenrein hergestellt mit französischer Kinderarbeit. Abschaltung des Internets: 1.12.2020.

Ungelöst bleibt die psychologische Konsequenz dieser Verspannung: Menschen, die sich eigentlich mögen, wie Oskar Freysinger, Marine Le Pen oder Wladimir Putin, müssen nach der Fertigstellung ihres Lebenswerks beginnen, böse aufeinander zu sein. Ohne Bosheit fällt der Kontinent wieder in jene schändlichen Friedenskindereien der Zeit nach 1989 zurück.

Ruedi Widmer ist Karikaturist und ein Resultat der siebziger Jahre, als sich die Welt auf dem Höhepunkt des menschlichen Daseins befand.

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