Nr. 43/2014 vom 23.10.2014

Die richtige Einstellung der Kamera

Im Fotomuseum Winterthur erzählen Manifeste von der Geschichte und Gegenwart der Fotografie. Eine inspirierende Ausstellung voller Zwischenrufe.

Von Kaspar Surber

Ob es hier überhaupt etwas zu sehen gibt? Eine Ausstellung will eine Geschichte der Fotografie erzählen, allerdings fast ohne Fotografien, sondern mit rund sechzig Texten, die als Manifeste bezeichnet werden. Sie enthalten Aufrufe und Ratschläge, wie zu fotografieren sei. Die Manifeste sind auf Stellwände gepinnt, als Textbilder in der Originaltypografie. 

Und ob es hier etwas zu sehen und auch zu hören gibt: Je länger man durch das Labyrinth der Stellwände irrt, umso stärker scheinen die Manifeste miteinander ins Gespräch zu kommen. Sie widersprechen und ergänzen, repetieren und verstärken sich. Die Ausstellung «Manifeste!», die das Fotomuseum Winterthur in Zusammenarbeit mit dem Museum Folkwang in Essen erstellt hat, wird zu einer ästhetischen und politischen Erfahrung, wie sie selten zu machen ist.

Die Ausstellung beginnt chronologisch, mit einem Text von Louis Daguerre. 1839 verkündet dieser, dass es ihm gelungen sei, Lichtstrahlen auf eine versilberte Metallplatte zu bannen. Daguerre weiss um die Bedeutung seiner Erfindung, die bald nach seinem Namen Daguerreotypie benannt werden sollte. Im ersten Satz des Texts bezeichnet er sie als «sehr nützlich» und «sehr aussergewöhnlich». Sie zeichne die Natur nicht bloss nach, sondern bilde diese aus sich selbst heraus ab und übertreffe hinsichtlich der Exaktheit und Vollkommenheit die Kunst.

Bilderjagd

Nur zwanzig Jahre oder drei Manifeste später in der Ausstellung wird der Essayist Oliver Wendell Holmes spöttisch die einsetzende Bilderjagd beschreiben. Künftig zähle es nicht mehr, ein Objekt zu sehen, sondern ein Negativ davon zu besitzen: «Jedes vorstellbare Objekt der Natur und der Kunst wird schon bald seine Oberfläche für uns abschälen. Die Menschen werden alle seltsamen, schönen und grossartigen Objekte um ihrer Häute willen jagen, wie die Rinder in Südamerika, und die Kadaver liegen lassen, weil sie ihnen nur von geringem Wert sind.»

In den frühen Manifesten des 19. Jahrhunderts klingen damit bereits die Fragen an, die die Theorien über die Fotografie seit Daguerres Erfindung vor exakt 175 Jahren umtreiben: Ist die Fotografie Technik oder Kunst? Ist eine Fotografie Abbild oder selbst Objekt? Zeigt sie die Wahrheit oder nur deren Inszenierung?

Einzelne Manifeste streiten sich zeitgleich, beispielsweise über das neue Sehen. Zwei Vertreter der modernen Avantgarde beziehen 1927 im Jahrbuch «Das deutsche Lichtbild» Position. Dass es kein Zurück zur Kunstfotografie mehr geben kann, darüber sind sich Albert Renger-Patzsch und Laszlo Moholy-Nagy zwar einig. Diese ahmte mit verschwommenen Landschaftsaufnahmen und gestellten Porträts die Malerei nach. Worin nun aber das neue Sehen bestehen soll, darüber gehen die Meinungen auseinander. Renger-Patzsch meint, dass die Fotografie im Gegensatz zur Malerei eine eigene Technik sei, die auf eine «absolut richtige Formwiedergabe» setzen solle, sei es von Pflanzen oder von Bauwerken. Für den Konstruktivisten Moholy-Nagy, der am Bauhaus lehrte, muss es bei der Anwendung der Fotografie um mehr gehen als blossen Realismus: Sie soll eine neue Form der visuellen Wahrnehmung bewirken.

Beweiskraft

Wie die richtige Einstellung der Kamera eine neue Gesellschaft hervorbringen kann, diskutieren die Manifeste durch alle Jahrzehnte. So sieht John Heartfield, einer der Wegbereiter der Fotomontage, in dieser eine «Waffe der revolutionären Künstler». In einem Vortrag am polygrafischen Institut in Moskau führt er 1931 aus: «Bis ins kleinste Detail hinein muss die Fotografie eingesetzt werden, um den Massen den Klassenfeind so zu zeigen, wie er ist.»

Dorothea Lange, die in der grossen Depression die US-amerikanische Landbevölkerung fotografierte und dabei die dokumentarische Fotografie begründete, streicht wiederum die Beweiskraft des Mediums heraus: «Dokumentarfotografie zeichnet das soziale Geschehen unserer Zeit auf. Sie spiegelt die Gegenwart und dokumentiert für die Zukunft. Ihr Fokus liegt auf dem Menschen in seiner Beziehung zur Menschheit.» Peter McKenzie, der gegen die Apartheid in Südafrika kämpfte, betont 1982 in einem Text mit dem Titel «Bringing the Struggle into Focus», dass der fotografische Auftrag nicht mit dem Abzug, sondern erst mit der demokratischen Verbreitung der Bilder beendet sei.

Dass diese Positionen, die sich von der Fotografie eine emanzipative Wirkung erhofften, nicht von gestern sind, zeigt ein aktueller Text aus dem Arabischen Frühling. Der Ägypter Hossam al-Hamalawy schreibt 2008 in seinem Blog einen Beitrag unter dem Titel «The Revolution Will be Flickrized» in Umkehrung des Gil-Scott-Heron-Songs «The Revolution Will not be Televised». Darin bittet er die Organisatoren von Streiks und Demonstrationen, wenn immer möglich ein Foto ihrer Aktionen zu posten. Sie beschleunigten die bevorstehende Revolution, gehörten ins Netz und nicht auf die Festplatte: «Sie sind das Gedächtnis der Klasse, und wir sollten es nicht verlieren, denn die herrschenden Klassen geben immer ihr Bestes, es zu verzerren und zu löschen.» Angesichts der Bilder vom Tahrirplatz, die zu Ikonen der Gegenwart geworden sind, hat Hamalawy recht behalten.

Mehrheitswelt

Überhaupt liegt die wichtigste Erkenntnis dieser Ausstellung im Einbruch der Welt. Vergleicht man die früheren Manifeste mit jenen der Gegenwart, so erhält man den Eindruck, dass der arrogante oder auch verständnisvolle, jedenfalls immer überlegene Blick des Westens gerade durcheinandergerät.

Dass die Geschichte der Fotografie eng mit der kolonialen Herrschaft verknüpft war, zeigt eine Anleitung für anthropologische Aufnahmen des britischen Kolonialoffiziers Maurice Vidal Portman aus dem Jahr 1895. Für das «Fotografieren wilder Rassen» gibt Vidal Portman folgenden Hinweis: «Ist ein Subjekt ein schlechtes Modell, schicken Sie es weg und holen sich ein anderes, aber verlieren Sie nie Ihre Beherrschung und zeigen Sie einem Wilden nie, dass Sie ihn für dumm halten.»

Wie ein historisches Echo klingt es da, wenn Shahidul Alam aus Bangladesch mehr als hundert Jahre später erklärt, weshalb er die Bildagentur Drik als lokales Gegenmodell zu internationalen Agenturen mit begründet habe. «Die Mehrheitswelt blickt zurück» lautet der Titel seines Manifests. Entwicklungsorganisationen müssten beim westlichen Publikum Geld eintreiben, was sich am besten mit traurigen Augen der Benachteiligten erreichen lasse. Die Agentur Drik – was im Sanskrit «Einbildungskraft» bedeutet – gründete deshalb eigene Labors, Galerien und Datenbanken, um den ärmeren Ländern ein Mitspracherecht bei ihrer Darstellung zu ermöglichen.

Lumpenproletariat

Wenn man ob der gegenwärtigen Bilderflut ermattet, muss einen dies, so gesehen, nicht kulturpessimistisch stimmen, sondern durchaus optimistisch: Die Sichtweisen auf die Welt sind in Bewegung, und vielleicht sind sogar die Bilder selbst Migrantinnen, wie die deutsche Dokumentarfilmerin Hito Steyerl in ihrem Plädoyer für das «arme Bild» abschliessend vermutet. Das billige Digitalbild, das wahllos hochgeladen, umformatiert und geteilt werde, sei der «Lumpenproletarier in der Klassengesellschaft der Erscheinungen» und treibe als «illegitimer Bastard fünfter Ordnung» durchs Netz: «Seine Abstammung ist zwielichtig. Seine Dateinamen sind bewusst falsch angeschrieben. Häufig trotzt es dem Patrimonium, der nationalen Kultur oder eben auch dem Urheberrecht.»

Eine Schwachstelle der Ausstellung liegt darin, dass sie dem eigenen Mut nicht ganz traut und doch noch Fotos zur Illustration der Manifeste zeigt, wobei die Präsentation zufällig bleibt. Schade ist auch, dass die Auswahl der Manifeste nicht begründet wird, sodass der Vorwurf zurückbleibt, dass sie sich fast nur auf Männer als Autoren beschränkt.

Wer allerdings meint, Fotomanifeste seien bloss eine ernsthafte Angelegenheit, sollte diesen Herbst trotzdem nach Winterthur fahren. Häufig nämlich sind sie auch lustig und leicht. Etwa wenn sich Martin Kippenberger und Albert Oehlen 1986 über den Massentourismus amüsieren: «Fremde Länder kompensieren nicht fotografisches Zuhausebleiben.» Oder wenn Germaine Krull 1931 begründet, weshalb sie Akte fotografiert: «Weil es seit jeher schön ist und mir eines Morgens gefallen hat.»

«Manifeste! Eine andere Geschichte der Fotografie» ist noch bis 23. November 2014 im Fotomuseum Winterthur zu sehen. Der Katalog ist im Steidl-Verlag erschienen.

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