Nr. 46/2014 vom 13.11.2014

Auf dem Friedhof der Protestkultur

Seid kreativ und erfindet ungehorsame Dinge: Nach dem Film «Everyday Rebellion» feiert auch eine Ausstellung in London die gestalterische Fantasie des Widerstands.

Von Florian KellerMail an AutorIn, London

Design von unten: «Ich wünschte, mein Freund wäre so schmutzig wie eure Politik». Foto: © Victoria And Albert Museum, London

«Alle Museen», schrieb einst der Philosoph Boris Groys, «sind Friedhöfe der Dinge.» Nur die Kunstmuseen nimmt er davon aus, denn das Leben eines Kunstwerks, so Groys in seinem Buch «Logik der Sammlung» (1997), beginne erst im Museum. Für jedes andere Museum aber gelte: «Was dort gesammelt wird, ist seiner Lebensfunktion beraubt, also tot.»

Dieser Befund steht einem in seiner drastischen Klarheit sogleich vor Augen, wenn man die Ausstellung «Disobedient Objects» im Victoria and Albert Museum in London betritt. Die allererste Vitrine begrüsst uns mit einem runden, hoffnungslos zerbeulten Stück Blech. Es könnte irgendein archäologisches Fundstück aus einer untergegangenen Kultur sein, aber das Ding ist längst nicht so alt, wie es aussieht. Es ist ein kommuner Pfannendeckel, der im Jahr 2001 bei den Cacerola-Protesten in Buenos Aires verwendet wurde, als die argentinische Mittelschicht mit dem Lärm von Pfannen und Töpfen gegen die Wirtschaftspolitik des damaligen Staatspräsidenten Fernando de la Rúa demonstrierte. Das Objekt in der Vitrine ist also in doppeltem Sinn seiner Funktion beraubt: Als Pfannendeckel sowieso nicht mehr zu gebrauchen, ist es hier, musealisiert hinter Glas, auch als Instrument des Widerstands eingesargt.

Keine Pingpongbälle aus Syrien

«Disobedient Objects» also, ungehorsame Dinge. Damit ist aber nicht das Auto gemeint, wenn es mal nicht anspringen will, oder der Computer, der nicht macht, was ich von ihm verlange. Sondern Objekte, die aus sozialen Bewegungen entstanden sind oder diese befeuern, also Requisiten des politischen Widerstands, wie sie im Dokumentarfilm «Everyday Rebellion» von Arash und Arman T. Riahi jüngst auch im Kino zu Ehren kamen (siehe WOZ Nr. 37/2014). Der Horizont des Films ist global, sein Vorhaben ehrenwert. Das Problem daran: Die politischen Differenzen zwischen Bewegungen wie Occupy und dem Freiheitskampf in Syrien, zwischen Gruppen wie Femen oder den Yes Men werden im Dienst einer übergeordneten These eingeebnet. Und diese These trägt die Form einer Botschaft: dass nämlich gewaltlose, möglichst spielerische Formen des Widerstands sinnvoller, weil auf die Dauer erfolgreicher seien als gewalttätige Proteste.

So lernten wir in «Everyday Rebellion» etwa einen jungen syrischen Aktivisten kennen, der sich eine besonders verspielte Aktion ausgedacht hatte, um gegen das Assad-Regime zu protestieren: Er flutete die Strassen von Damaskus mit Massen von orangen Pingpongbällen, die er von Hand mit dem Wort «Freiheit» beschriftet hatte – und berichtet jetzt, wie die Soldaten der Regierungstruppen verzweifelt versuchten, die hüpfenden Bälle aus dem Verkehr zu ziehen.

Unter den «Disobedient Objects» in London sucht man die Pingpongbälle aus Syrien vergebens, dabei hätten sie bestens hierhergepasst. Denn in der Auswahl der Dinge bekennt sich diese Ausstellung, wenn auch weniger explizit als der Film, ebenfalls zum gewaltfreien Widerstand. Was erzählt zum Beispiel dieses aparte Geschirr von 1910: eine weisse Teetasse samt Unterteller, beides verziert mit einem Engel, der in eine Trompete bläst? Es stammt von der britischen Frauenrechtlerin Sylvia Pankhurst, einer führenden Figur der Suffragetten, die dieses symbolträchtige Teeservice verkauften, um mit dem Erlös ihre politische Arbeit zu finanzieren.

Ein Warenfetisch fürs feministische Teekränzchen der guten Hausfrau? Das provoziert sogar Widerspruch innerhalb der Ausstellung. Indem man dieses Geschirr ins Schaufenster stelle, so ärgert sich die junge Feministin Laurie Penny («Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus») in einem Video, zementiere man bloss wieder den Mythos von duldsamen, braven Frauen, die sich ihre Rechte einst auf friedfertige Weise erdauert hätten – und verdränge die durchaus auch gewalttätige Militanz der Suffragetten: «Dabei galten die Feministinnen damals im Grunde als Terroristinnen.»

Mehr Party statt Protest?

Dazu passt, dass auch der Pflasterstein, dieser handfeste Inbegriff des Protests, in der Ausstellung nur in einer humoristischen Abwandlung vertreten ist. Fotos und ein Video erinnern an jenen riesigen silbergrauen Luftballon in Form eines überdimensionierten Pflastersteins, der während der Kundgebung am 1. Mai 2012 in Berlin aufgeblasen wurde. «Taktische Frivolität» nennt das Artúr van Balen von der Gruppe Tools for Action, die sich auf solche aufblasbaren Ungetüme zu Demonstrationszwecken spezialisiert hat. Was der Künstler damit meint, kann man im Video sehen, wenn uniformierte Männer diesen aufgeblasenen Pflasterstein aus dem Weg räumen wollen. Da macht sich die Staatsgewalt lächerlich, indem sie auf einen gigantischen Ballon einschlägt.

Mehr Party statt Protest? Der Anarchist und Anthropologe David Graeber schreibt solchen überdimensionierten Objekten ein genuin revolutionäres Potenzial zu. «Die Polizei hasst riesige Marionetten mehr als eingeschlagene Fensterscheiben», schreibt er im Katalog zur Ausstellung. Er hat das als Aktivist so erlebt, und weil er sich das selbst nicht recht erklären kann, warum das so ist, folgert er: In ihrer karnevalesken Energie funktioniere eine übergrosse Marionette wie ein Clown, der mit den eingespielten Verhaltensregeln breche. Ein Figurentheater auf der Strasse, so Graeber in seinem Essay, stelle deshalb die grössere Bedrohung für die herrschende Ordnung dar als ein Pflasterstein oder ein anderer Akt der Gewalt – weil diese grotesken Marionetten den Machtapparat nicht als Gegner attackieren, sondern ganz grundsätzlich dessen Legitimität infrage stellen.

Aber wenn wir schon dabei sind: Wie steht es eigentlich um den Legitimationsdruck der Museen? «Disobedient Objects» ist hier durchaus aufschlussreich. Denn diese Ausstellung zeigt auch, was passiert, wenn sich ein grosses Museum (noch dazu eines mit königlichem Namen) ein Stück zeitgenössische Relevanz einkaufen will, indem es die Proteste von den Strassen aus aller Welt ins Haus holt. Die politische Energie wird hier in einen Themenpark kanalisiert, leidlich stilgerecht aufbereitet samt Sperrholzplatten und nackten Eisenstangen. In diesem postmodernen Allerlei hat dann alles Platz, was irgendwie mehr oder weniger mit Widerstand zu tun hat: die Stickereien chilenischer Frauen genauso wie eine kleine Wand mit Pins gegen die Apartheid, ein farbenfroh geschmücktes Auto als ambulantes Mahnmal gegen die Todesstrafe genauso wie das eine oder andere gewerkschaftliche Transparent, das von der Decke hängt.

Wenn jedes Museum tatsächlich ein Friedhof der Dinge ist, dann sind wir hier auf dem Friedhof der Protestkultur gelandet.

Anleitung zum Selberbasteln

So flaniert man zwischen den Kulissen des Widerstands. Und damit man sich doch nicht ganz vorkommt wie auf einem Friedhof, wo die Objekte des Ungehorsams ihre letzte Ruhe finden, gibts von einigen Dingen praktische Anleitungen zum Mitnehmen, damit man sie daheim bei Bedarf (oder einfach nur aus Spass?) nachbauen kann. Etwa die selbst gebastelte Gasmaske, wie sie in Istanbul bei den Protesten im Gezipark eingesetzt wurde: Eine aufgeschnittene Wasserflasche aus Plastik, ein Gummizug, ein Mundschutz als Einlage, und schon ist sie einsatzbereit, die Schutzmaske gegen Tränengas. Oder, für Fortgeschrittene, das spinnenartige Vehikel namens «Flone», importiert aus Spanien, wo es als billige Antwort auf die polizeiliche Überwachung aus der Luft erfunden wurde: eine Drohne zum Selberbasteln. Als Kamera baut man ein Smartphone ein, und fertig ist das Instrument zur Gegenüberwachung.

Auch der Film «Everyday Rebellion» zielt auf solche praktischen Anwendungen mit einer Website, die als interaktive Plattform für AktivistInnen gedacht ist. Bei den «Disobedient Objects» im Museum bleibt das eine Alibiübung. Dafür löst die Ausstellung hier ihren Anspruch ein, den gestalterischen Erfindungsgeist von Protestbewegungen zu würdigen, also das praktische, aus der Not geborene «Design von unten». Und sorry, Mister Graeber, aber die stärkste revolutionäre Spannung finden wir im kleinsten Exponat von allen gespeichert. Es ist ein Solidarnosc-Pin, wie er 1981 nach dem Verbot der polnischen Gewerkschaft von ihren Mitgliedern als Erkennungszeichen benutzt wurde: ein elektrischer Widerstand aus dem Innern eines Radios, der als Anstecker zweckentfremdet wurde. Bestechendes politisches Design, das die Dinge beim Wort nimmt: Die mit dem Widerstand sind beim Widerstand.

«Disobedient Objects», Victoria and Albert Museum, London, bis 1. Februar 2015, 
www.vam.ac.uk. «Everyday Rebellion» läuft 
noch am 17./18. November 2014 im Kino Qtopia 
in Uster und erscheint bald auf DVD, 
www.everydayrebellion.net.

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