Nr. 10/2016 vom 10.03.2016

Unsere Sehnsucht nach Dissidenz

Für ihre feministischen Kunstaktionen landete Nadja Tolokonnikowa von der russischen Punkband Pussy Riot im Gefängnis. In der Folge wurde sie zum revolutionären Postergirl einer kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft.

Von Anna JikharevaMail an AutorIn

Im Oktober 2011 soll Nadja Tolokonnikowa zusammen mit einer Mitstreiterin einen Vortrag über Punkfeminismus in Russland halten. Das Problem ist nur, dass es einen russischen Punkfeminismus gar nicht gibt: «Feminismus gibt es, Punk gibt es. Punkfeminismus gibt es nicht. Bis zum Vortrag blieben uns weniger als 24 Stunden. Und nur ein Ausweg: den Punkfeminismus zu erfinden, damit wir darüber sprechen können.» Mit dieser Episode beschreibt Tolokonnikowa in ihrem neuen Buch «Anleitung für eine Revolution» die Entstehung des feministischen Kunstkollektivs Pussy Riot.

Ende 2011 protestieren in Moskau Tausende gegen Wahlfälschungen. Inspiriert vom Arabischen Frühling, läuten die Pussy-Riot-Aktivistinnen einen «Russischen Frühling» ein. Es folgen Auftritte in Metrostationen, auf Baugerüsten oder Trolleybusdächern, stets illegal und spontan organisiert. «Der städtische Raum wird als Ausstellungsort unterschätzt», schreibt Tolokonnikowa.

Riot Grrrl und Trotzkismus

Vor Pussy Riot war sie Mitglied bei Woina, einem Petersburger KünstlerInnenkollektiv, in Russland bekannt geworden durch provokante Politaktionen. Zum Tag der Oktoberrevolution projizierten die AktivistInnen einen Totenschädel auf das russische Regierungsgebäude. Und kurz vor einer Präsidentschaftswahl trafen sie sich zu politischem Gruppensex im Biologiemuseum.

Pussy Riot schreiben die Erzählung von Woina fort, vereinen in ihren Projekten radikalen Antiautoritarismus, Trotzkismus und Anarchismus. Der Name ist angelehnt an Riot Grrrl – die Band hat jedoch den Anspruch, politischer zu sein als die feministische US-Punkbewegung der neunziger Jahre. Ihr Markenzeichen: Neonstrumpfhosen und grelle Balaklavas. Sturmhauben als Absage an den Personenkult.

Pussy Riot soll eine Bewegung sein – ein egalitäres Kollektiv ohne Gesicht. Konzeptionell bedienen sich die Frauen bei der westlichen Popkultur. Sie übertragen Elemente davon in ihre russische Umgebung und deuten sie auf ihre Weise um. Und sie lassen Codes der russischen Avantgarde in ihre Kunst einfliessen: «Ich finde, das ‹Schwarze Quadrat› von Malewitsch sollte Flagge, Wappen und Symbol Russlands werden», erklärt Tolokonnikowa in ihrem Buch.

Die Gruppe lote «die Grenzen zwischen sakralem und säkularem Raum, zwischen Kunst und Religion, zwischen Kunst und Gesetz» aus, resümierte einmal Boris Groys, der selbst bis 1981 in der Sowjetunion lebte. Der deutsche Kulturphilosoph bezieht sich auf die Guerillaaktion, die Pussy Riot 2012 im Westen berühmt macht, als Tolokonnikowa zusammen mit zwei Mitstreiterinnen in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale gegen das System ansingt: «Muttergottes, Jungfrau, werde Feministin, jage Putin weg.»

Während des anschliessenden Schauprozesses werden die drei Frauen zu Dissidentinnen. Das Verfahren machen sie zum Höhepunkt einer politischen Popperformance. Gekonnt bedient sich Tolokonnikowa revolutionärer Symbole, die Philosophiestudentin wird zum hübschen Gesicht des Widerstands. Sie posiert in einem T-Shirt mit der Aufschrift «¡no pasarán!» und mit zum kommunistischen Gruss geballter Faust vor den Kameras, stellt ihre Aktionen im Schlussplädoyer bewusst in die dissidentische Tradition von Fjodor Dostojewski und Alexander Solschenizyn. «Vor Gericht musst du Popkünstler sein», schreibt die Autorin. Das Gericht verurteilt die Frauen zu zwei Jahren Haft.

Politisches Gewissen der Popkultur

Im sibirischen Straflager muss Tolokonnikowa siebzehn Stunden pro Tag Polizeiuniformen nähen, sie führt einen Briefwechsel mit dem slowenischen Philosophen Slavoj Zizek, tritt in den Hungerstreik.

Nach ihrer Entlassung gründet sie eine NGO, die sich für die Rechte Gefangener einsetzt, und eine Redaktion, die den kremltreuen russischen Medien solide Recherchen entgegensetzt. Sie nimmt ihren ersten englischsprachigen Song auf: «I Can’t Breathe», in Anlehnung an die letzten Worte des Afroamerikaners Eric Garner, der in New York während seiner Festnahme getötet wurde. Sie spielt sich selbst in einer Folge der US-Fernsehserie «House of Cards», tritt beim Glastonbury Festival oder auf der Berlinale auf, trifft Madonna, Hillary Clinton und Occupy-Wall-Street-AktivistInnen. Tolokonnikowa spricht über Feminismus, über die Rechte der Homosexuellen und erklärt das Putin-Regime. Sie wird zum politischen Gewissen der Popkultur.

Symptom dieses Wandels ist nun auch das erste Buch der 26-Jährigen: «Anleitung für eine Revolution» ist eine Collage, eine Mischung aus Autobiografie und Politmanifest, gespickt mit Ausschnitten aus Interviews und Lebensweisheiten. Die Autorin fordert die Etablierung einer Protestkultur, sinniert über das Wesen des Faschismus, spart nicht mit grossen Namen, zitiert Michel Foucault oder Jacques Derrida. 200 Punkte, mal nur einen Satz, mal zwei Seiten lang, wie zugeschnitten auf das 140-Zeichen-Zeitalter. Manche Sprüche wirken erschreckend banal, lesen sich wie Weisheiten auf Zuckersäckchen. «Verkaufe deine Seele nicht zu billig». Oder «Du hast keine 500 Jahre. Lebe mit voller Wucht».

Erschienen ist das Buch zuerst auf Deutsch, eine französische Ausgabe soll folgen. Entsprechend versucht Tolokonnikowa, die Verhältnisse in Russland einem westlichen Publikum näherzubringen. Es gebe nur einen Weg, das ungleiche Duell gegen das Regime zu gewinnen, schreibt sie: «durch Denken, Fühlen und Aufrichtigkeit. Klingt selbstsicher. Aber was bleibt dir ausser Selbstsicherheit, wenn du dich mit 22 Jahren plötzlich in Opposition zum staatlichen Machtblock wiederfindest, der schon ganz andere mal eben zu Pulver verarbeitet hat?»

Ein Stück Revolution nach Hause

So wie Pussy Riot einst westliche Codes auf einen russischen Kontext übertrugen, projiziert Tolokonnikowa heute russische Codes zurück auf die kapitalistische Gesellschaft. Beobachten lässt sich diese Transformation an ihrem Buch, aber auch an ihrem neuen, perfekt choreografierten Popvideo. Darin spielt Tolokonnikowa den korrupten russischen Generalstaatsanwalt, rappt dazu auf Russisch. An wen sich der Song richtet, bleibt unklar. Denn in Russland selbst, wo Korruption nichts Neues ist, lösen die Vorwürfe gegen den Staatsbediensteten keine Empörungswelle aus.

In ihrer neuen Rolle wird Tolokonnikowa zur Projektionsfläche einer kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft. Die junge Frau befriedigt die Sehnsucht nach dem Revolutionären. Sie gibt der russischen Protestkultur ein Gesicht. In diesem Kontext ist auch das Buch zu sehen. Wer es liest, bekommt ein Stück Revolution nach Hause geliefert. Wo HeldInnenerzählungen rar sind, wird Revolution zur Marke.

Hundert Jahre nach Lenin

Die restlichen Mitglieder des einstigen Kollektivs haben sich inzwischen von ihrer prominenten Mitstreiterin distanziert. Bereits vor zwei Jahren schrieben sie, die Inhaftierte habe die eigentlichen Ziele von Pussy Riot vergessen: den Feminismus und den Kampf gegen Autoritarismus und Personenkult. Tolokonnikowa gab der Bewegung ein medienwirksames Gesicht – und verletzte damit deren Grundsatz, wonach jede Aktivistin nur eine Sturmhaube über den Kopf ziehen muss, um Teil von Pussy Riot zu sein.

Am Dienstag nächster Woche wird Nadja Tolokonnikowa im Zürcher «Kaufleuten» aus ihrem neuen Buch lesen. Ob die Autorin «hundert Jahre nach Lenin» in Zürich tatsächlich die Revolution ausruft, wie es beim Veranstalter heisst, bleibt abzuwarten. In der Zwischenzeit sei ein Lied des Mundartsängers King Pepe empfohlen, das das Phänomen Pussy Riot treffend charakterisiert. Der Berner Musiker singt darin: «Nadescha Tolokonnikowa, chönt ii mal diis Läbe haa? Weisch, miis isch öd und inne hool und allgemein nid relevant. Subventioniert bin ii, seltä delinquent – nüt mit Gfängnis. Stadt, Kanton, Kulturprozent.»

Nadja Tolokonnikowa: «Anleitung für eine Revolution». Hanser Verlag. Berlin 2016. 224 Seiten. 27 Franken.

Lesung und Gespräch mit Nadja Tolokonnikowa in: Zürich, Kaufleuten, Dienstag, 15. März 2016, 20 Uhr. Moderation: Mikael Krogerus.

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