Nr. 48/2014 vom 27.11.2014

Hysterische Zeichen

Ruedi Widmer über Goldmarie Reimann

Von Ruedi Widmer

Goldmarie Reimann steht auf der Bühne und singt ergreifend über ein Gefühl. Goldige Konfetti regnen herab. Die Einheit der Materie verbläst es in alle Himmelsrichtungen. Das herzige Schweizer Sparsäuli wippt mit. Das Volk folgt seinen Instinkten und votet für die Darbietung. Man muss die Noten nicht kennen, um ein Lied zu mögen.

Wie Conchita Wurst ist Lukas Reimann eigentlich kein Meitli, sondern ein Mann, und erst noch bester Ökonomieprofessor der Schweiz; von der Uni Wil für alternatives Wissen.

Pechmarien in diesem Märchen sind die KennerInnen der Materie. Die melden sich kaum mehr, aus Angst, verlacht zu werden, niedergedaumenruntert in den Leserforen. Oder innerlich schon emigriert.

Keine Bürgerin traut mehr einer anderen, Experten sind Falschmünzer, BundesrätInnen dahergelaufene VagantInnen aus der EU. Zwanzig Jahre Blocher, dreissig Jahre Neoliberalismus gingen nicht spurlos an uns vorbei. Und die Linke hat tüchtig daran mitgearbeitet. Die Demontage von Economiesuisse geht zum guten Teil aufs linke Konto. Die Abzockerinitiative wurde von zu vielen Linken (mir auch) unterstützt – ein grosser Fehler, denn die linke Kritik am Kapitalismus, vor einigen Jahren für viele Bürgerliche Grund, die SP auszulachen, ist damit gratis in die Hände der Libertären und bürgerlichen DemonstrativschweizerInnen gegangen. Die kritisieren nun das System («Wachstum nützt nur der Geldelite», «Der Wirtschaft muss man eins auswischen») und werden im Volk erhört; auch, weil niemand «Kapitalismuskritik» sagt. «Geldelite» ist die Umschreibung eines Gefühls. Niemand kann sagen, wer diese Geldelite ist. Bei den Nazis wären es die Juden gewesen. Aber in der Schweiz? Die UBS nicht, die wird von rechts verehrt. Die CS? Auch okay, das Bankgeheimnis ist auch für die Ecopopper und die Goldmarie heilig. Die Pauschalbesteuerten? Nein, die sind tüchtig und bringen Arbeit und Brot in Massen.

Geldelite, das sind die SozialhilfebezügerInnen, die so viel Geld beziehen!

In solch orientierungslosen Zeiten ist es wichtig, hysterische Zeichen zu setzen! Hey, Bundesrat, Geldelite, Richter, Menschenrechtlerinnen, ihr macht irgendwas auf meine Kosten, und ich komme nicht draus! Stop it! Wir haben Demokratie! Braucht nicht so komplizierte Wörter. Wir sind das Volk!

Dieses Volk entscheidet nun über dieses Gold, das irgendwo im Ausland liegt und uns (ja «uns») gehört. Gold – das klingt bedeutsam. Gold, das gab es schon bei den Brüdern Grimm.

Ökonomische Zusammenhänge sind nicht so wichtig, auch nicht, dass die Nationalbank unter gewissen Voraussetzungen handlungsunfähig würde. Hauptsache Gold! Roger Federer und Stan Wawrinka!

Vreni Schneider, Pirmin Zurbriggen!

Die Goldinitiative ist eine Wundertüte, ebenso Ecopop. Nicht mal die InitiantInnen wissen, was bei einer Annahme passiert. Das ist noch geil. So risikomässig. Nägel mit Köpfen machen! Den unschweizerischen Bundesrat endlich ginggen. In den Bauch treten, nochmals, nochmals!

Ruedi Widmer ist kein Ökonom, wie
 99 Prozent der anderen Stimmenden,
die zusammen am 30. November 
die Nationalbank operieren dürfen.

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