Nr. 51/2014 vom 18.12.2014

Zeichensetzungsindustrie

Ruedi Widmer mit dem ersten vollständigen Jahresrückblick der Welt

Von Ruedi Widmer*

Der Dichtestress erreichte im Februar seine Höchstwerte und nochmals im späten November. Am 9. Februar («11. September») wurde die «Masseneinwanderungsinitiative» der SVP angenommen, entgegen dem Plan der InitiantInnen. Sie wollten die Drohkulisse bis zu den Wahlen 2015 aufrechterhalten, um dann rund neunzig Prozent der WählerInnen im Sack zu haben. Leider machte das Volk der Partei einen Strich durch die Rechnung, weil es nämlich nicht rechnet wie die Parteioberen, sondern hasst. Etwa in Aarburg, wo es an lauen Sommerabenden syrische Flüchtlinge grillierte, oder in Hagenbuch ZH. Die Gemeinde ist mit einer sozialgeldgrillierenden eritreischen Familie konfrontiert, die SVP-Gemeindepräsidentin hat diese via «Blick» im Hinblick auf die Wahlen 2015 als nationales Wutobjekt lanciert («Sozial-Irrsinn»). Nun wurde aber ihr vor allem anderweitig aus dem Ruder gelaufenes Budget (inklusive Steuererhöhung) an der «revolutionär» aufgeladenen Gemeindeversammlung abgelehnt, und zwar «um ein Zeichen zu setzen» (gegen den «Sozial-Irrsinn»). Die örtlichen Steuersenkungen der vergangenen Jahre hat das Volk vergessen.

Das Volk und die Zeichensetzungsindustrie sind die Sieger des Jahrs 2014. Ersteres findet sich selbst zwar zu umfänglich, setzt sich aber inzwischen europaweit durch. In den Herbsttagen fällt es, Hogesa!, prügelnd zur Rettung des deutschen Abendlands (Goethe, Hegel, Kant) über ebenso gewalttätige Salafisten her (Köln), und in Dresden, wie zu DDR-Zeiten, geht es gegen «die da oben» (Allah und Mohammed) auf die Strasse. In der Schweiz wehrt es sich gegen seine eigenen Häuser, Autos und Konsumgewohnheiten. Das Volk hätte die Ecopop-Initiative am 30. November nämlich angenommen, wären nicht die StimmbürgerInnen gewesen.

Pünktlich zu Weihnachten lässt sich das Volk von Christoph Blocher die NZZ schenken, die neu «Nationale Zeitung Zeitung» heisst. Die Wörter der Texte sollen einfacher werden.

Leider ist das Volk auf Ebola anfällig. Deshalb überlegen sich die KapitalistInnen, es durch weitere Computer zu ersetzen, die auf weniger eklige Viren anfällig sind.

Im November hat ein US-Senatsausschuss die Foltermethoden der CIA unter George Bush angeprangert. Für Russlandkenner Wladimir Putin («Die Ukraine gehört uns») frustrierend, denn diese Foltermethoden sind eigentlich exklusiv seinem KGB vorbehalten.

Die Menschenrechte sollen auch hierzulande nur noch für Pauschalbesteuerte gelten (ab 2015). Ebenso soll nur noch Roger Federer Sozialgelder erhalten, falls er es mal nötig haben sollte.

Der Islamische Staat (Island) konnte von der Uno noch nicht anerkannt werden, weil sich seine Grenzen dauernd ändern und seine Beamten vergewaltigen statt verwalten. Aber Adolf Hitler hätte seine Freude an diesem Staat gehabt, vor allem am «Blitzkrieg» im Spätsommer. Hitler hatte ja 2014 Jubiläum. Sein Erster Weltkrieg wurde gefeiert (Soldat an der Westfront) und der Beginn der Osterweiterung des Deutschen Reichs bis Görlitz (1989).

Im März verschwand eine Boeing 777 der Malaysia Airlines spurlos. Erst im November kam sie wieder zum Vorschein, und zwar auf dem Kometen Tschury, der eigentlich Tschurjumow-Gerassimenko heisst. Schon vom Namen des Kometen her ist klar, dass der Flieger von russischen Separatisten da hingesandt wurde. Das Trümmerfeld ist uns allen noch in Erinnerung.

Der Nationalrat machte die Energiewendewende (Dezember).

Ruedi Widmer ist Cartoonist 
und lebt in Winterthur.

* Wunsch von 
Jonathan Liechti: «Ein Jahresrückblick
 von Ruedi 
Widmer.»

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