Nr. 51/2014 vom 18.12.2014

«Aarau hät kei Disco»

Aarau wird oft belächelt. Dabei hat die vermutlich unterschätzteste Stadt der Schweiz viel zu bieten: das schönste Fussballstadion, Punkkonzerte, eine linke Stadtpräsidentin. Probleme gibt es trotzdem allenthalben.

Von Jan Jirát, Zürich*

Am Anfang war die Ignoranz, dann kam die Wut und schliesslich eine gewisse Wertschätzung. Zu keiner anderen Schweizer Stadt habe ich ein wechselvolleres Verhältnis als zu Aarau.

Der Reihe nach: Bis vor zehn Jahren war mir die Kantonshauptstadt schlicht und einfach egal. Dann passierte etwas gänzlich Unerwartetes: Der chronisch unerfolgreiche FC Schaffhausen, an den ich durch eine Kette unglückseliger Zufälle mein Herz verloren hatte, stieg in die höchste Fussballliga auf. Und von Anfang an stand fest, wer der erbittertste Gegner im Kampf um den Verbleib in der NLA sein würde: der FC Aarau.

«Die Jodtablettenfresser»

Um es kurz und schmerzlos zu machen: Wir haben vom «FC Aarschgau» und den «Jodtablettenfressern», wie wir den Verein und seine Fans nannten, praktisch immer aufs Dach bekommen. Am Ende waren es sogar die fehlenden Punkte gegen die Aarauer, die den FCS zurück in die gewohnte sportliche Bedeutungslosigkeit schickten. Und da sich die Wut von Fussballfans in der Regel gegen aussen richtet, waren der FC Aarau und mit ihm die ganze verfluchte Stadt bei uns unten durch. Aber es gab auch etwas, das uns immer beeindruckte: das Brügglifeld.

Es ist ohne Zweifel das schönste Fussballstadion des Landes. «Du riechst den Rasen im Stadion, wenn es schifft, wirst du nass, weil weite Teile des Stadions ungedeckt sind, und du stehst so nahe am Spielfeldrand, dass du die Spieler schnaufen hörst», sagt ein Aarau-Fan, der anonym bleiben möchte. Er ging schon als Fünfjähriger mit seinem Vater ins Stadion und war die letzten zwei Jahrzehnte in der Fankurve aktiv.

Vom Brügglifeld wird sich der Aarau-Fan bald verabschieden müssen. Weil das 1924 eröffnete Stadion die Vorgaben des Schweizer Fussballverbands nicht mehr erfüllt, ist ein Neubau nötig, wenn der FC Aarau weiterhin in der NLA spielen will. Ein neues Stadion ist auch schon länger geplant – noch verzögert sich der Bau allerdings wegen einer Beschwerde. «Ich bin gespalten in der Stadionfrage», sagt der Fan. «Ich liebe das Brügglifeld und möchte ewig weiter dort bleiben. Das wird aber nicht gehen, denn ich will natürlich NLA-Fussball sehen.»

Auf den Fussball folgte in meiner Beziehung zu Aarau die Musik. Mir war schon früher aufgefallen, dass im Aarauer Konzertlokal Kiff immer wieder Punk- und Hardcoreshows stattfanden, aber lange Zeit schien mir der Weg dorthin zu weit, selbst als ich bereits in Zürich wohnte. Irgendwann habe ich es dann doch geschafft, und seither bin ich immer wieder hingegangen. Das «Kiff» ist mit einer Kapazität von 500 Gästen ideal für grössere Punkkonzerte, die Bühne aus Holz ist schön, die Musik wird in der Regel gut abgemischt, und das Bier ist billiger als in Zürich. Das Programm ist zwar nicht durchgehend nach meinem Geschmack, doch besonders der Abend vor exakt zwei Jahren mit den beiden US-amerikanischen Hardcorebands Converge und Touché Amoré bleibt unvergessen.

Was aber hat Aarau neben dem Leuchtturm «Kiff» kulturell zu bieten? Silvia Dell’Aquila kennt das Feld als DJane und Veranstalterin sowie als SP-Einwohnerrätin und Mitglied der Kulturkommission aus zwei Perspektiven: «Eine Zeit lang sah es aus, als würde sich Aarau richtig gut entwickeln. Es hat mehr kulturelle Angebote gegeben, und die Altstadt ist seit ein paar Jahren autofrei. Immer mehr junge Leute haben die Wochenenden in der Stadt verbracht», sagt Dell’Aquila. Leider habe sich die Situation zuletzt verschlechtert. Diverse Bars, Clubs und Lokale mussten schliessen. Etwa das zwischengenutzte Atelier Bleifrei, das die Immobilieninvestmentfirma Mobimo abreissen wird. Oder der Club Kettenbrücke, der einem Hotel mit Spa weichen musste.

«Es ist furchtbar hier»

In der Stadt kursiert seit einiger Zeit der Spruch: «Aarau hät kei Disco.» Der stammt ursprünglich von den gegnerischen Fussballfans, die sich im Brügglifeld über die Stadt lustig machten. «Doch langsam entsteht das Gefühl, dass es hier wirklich so ist» , sagt Dell’Aquila.

Besonders in der Altstadt ist es zunehmend schwierig, weil neue Projekte mit Beschwerden – meist wegen befürchteten Lärms – verhindert werden, so Dell’Aquila. Doch auch ausserhalb der Altstadt bleibt für alternative Kunst- und Kulturräume wenig Platz: «In den Industriequartieren wird viel gebaut: Wohnblöcke oder das neue, geplante Stadion mit kommerzieller Mantelnutzung.» Wohin sich die Aarauer Kulturpolitik bewegt, ist unklar: «Der Stadtrat verabschiedet gerade ein neues Kulturkonzept. Dort wird beispielsweise auch eine Strategie für die bessere Verteilung von Räumen für kulturelle Aktivitäten vorgeschlagen. Die Frage ist nun, ob, wie und wie schnell die Umsetzung kommt.»

Mein jüngster Bezug zu Aarau ist beruflich bedingt. Seit drei Jahren arbeitet Stephan Müller auf der WOZ in der Inseratenabteilung. Stephan Müller wohnt seit Mitte der achtziger Jahre in der Aarauer Altstadt und setzt sich leidenschaftlich mit der Stadtpolitik auseinander. «Aarau war zwei Jahrhunderte lang eine freisinnig dominierte Stadt. Bis 2001 fiel das Stadtpräsidium stets kampflos in die Hände der FDP, weil sich niemand traute, gegen die Partei anzutreten», erzählt er. Das hat sich im letzten Jahrzehnt verändert. Die Stadt sei jünger und urbaner geworden. «Letztes Jahr hat mit Jolanda Urech erstmals eine Frau und erstmals die SP das Stadtpräsidium erobert», so Müller, und auch im Stadtparlament gibt es eine knappe Links-Grün-Mitte-Mehrheit. Da in der Stadtregierung leider knapp die bürgerlichen Parteien in Überzahl sind, besteht zurzeit eine politische Pattsituation. «Im Gegensatz zu vielen anderen Städten können die Bürgerlichen in Aarau immerhin keine Sparpakete einfach so durchboxen.»

Stephan Müller lebt sehr gerne in Aarau. «Alles ist nah: die Aare, der Bahnhof, die Bibliotheken, Theater, Kinos und Beizen. Ich brauche nicht mal ein Velo», sagt er. Doch auch in Aarau setze eine Entwicklung ein, die in anderen Schweizer Städten manifest ist: «Aarau ist verkehrstechnisch immer näher an Zürich gerückt. Zugleich ist die Stadt attraktiv – mit der Aare und der autofreien Altstadt. Die Mietpreise steigen, der Baudruck wächst, freie Räume verschwinden», so Müller. Ein Freund von ihm habe ihn deshalb gebeten, allen Leuten, die nicht aus Aarau kommen, Folgendes zu erzählen: «Aarau ist scheisse! Hier gibt es nur Autobahnen, AKWs und die SVP. Es ist furchtbar hier.»

* Wunsch von 
Cecil Maria Rüdlinger: «Schaut doch mal von aussen 
auf Aarau.»

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