Ungarisch-serbisch-schweizerische Literatur : Die «Jugos» vom Café Mondial

Nr.  40 –

Ein Kind wird aus der ländlichen Welt ihrer Grossmutter im nördlichen Serbien gerissen – und landet in einem Dorf an der Zürcher Goldküste. Melinda Nadj Abonji gewinnt mit ihrem hervorragenden Roman «Tauben fliegen auf» den Deutschen Buchpreis.


Sie schreibt, spielt Geige und singt. In Zürich ist die 42-jährige Autorin und Performerin Melinda Nadj Abonji ein Begriff. Mit ihrem zweiten Roman «Tauben fliegen auf» ist sie nun im ganzen deutschsprachigen Literaturbetrieb angekommen. Und jetzt, wo ihr Erfolg ins Ausland dringt, wird sie zum ersten Mal als Schweizerin wahrgenommen, stellt die Autorin fest, die im Alter von vier Jahren aus der Vojvodina (dem nördlichen Teil Serbiens, in dem eine ungarischsprechende Minderheit lebt) in die Schweiz eingewandert ist.

Wörter wie Laub

Von einem Mädchen, das plötzlich aus der ländlichen Welt seiner Grossmutter gerissen wird und bei seinen überforderten Eltern in der Schweiz landet, handelt «Tauben fliegen auf»: ein Roman, den man schlicht als Glücksfall bezeichnen muss. Denn hier erzählt eine, die etwas Wichtiges zu sagen hat und dafür eine kraftvolle eigene Sprache gefunden hat. Nadj Abonjis Sätze sind so lang wie die von Thomas Mann, aber sie haben nicht dessen ruhige abgezirkelte Perfektion, sondern sind aufgebrochen, atemlos und dynamisch:

«... Ich war noch nicht lange in der Schweiz, und ich erinnere mich an viele schlaflose Nächte, und oft, wenn ich meine Eltern belauscht hatte, wirbelten die Wörter in meinem Kopf wie Laub an einem regnerischen, stürmischen Herbsttag, Wörter auf Ungarisch wie Papiere, Polizei, Briefe, dankbar, deutsche Wörter wie Familiennachzug, Schwarzarbeit, und wahrscheinlich hatte meine Mutter damals getrunken, was sie sehr selten tat, ich höre heute noch ihre Stimme, schrill in ihrer Verletztheit, drei Jahre, zehn Monate, zwölf Tage, bis die Einreisebewilligung endlich da war, für die Kinder.»

Für die BürgerInnen der reichen Zürichseegemeinde sind die Kocsis – die wie die Autorin selbst als Teil der ungarischen Minderheit im Norden Serbiens in die Schweiz übersiedelt sind – schlicht «Jugos»: die «Jugos», die eine Wäscherei und Büglerei betreiben und später das Café Mondial übernehmen, und wer weiss, ob sie die vorherigen BesitzerInnen nicht bestochen haben? Für die LeserInnen des Romans werden die Kocsis das, wovon die Mutter von Ildikó, der Ich-Erzählerin, so sehnlich träumt: Individuen, Menschen mit einer Geschichte, einem Gesicht, mit sympathischen und unsympathischen Eigenschaften. Die Mutter hat das Wort allerdings in einem anderen Sinn gebraucht: «Wisst ihr was, wir müssen den Leuten zeigen, wir sind Individuen, und irgendwann werden sie uns nicht mehr bemerken, dann sind wir Luft für sie, das ist am besten ...» Denn bemerkt werden, das heisst für Rózsa Kocsis, die aus Angst, Fehler zu machen, immer schwitzt, wenn sie deutsch spricht: beobachtet werden, und zwar misstrauisch beobachtet werden.

Über Politik wird nicht gesprochen

«Wir haben hier noch kein menschliches Schicksal, wir müssen es uns zuerst noch erarbeiten», hört Ildikó ihre Mutter sagen. Das erinnert sie an den Primarlehrer, der nichts gegen Ausländer habe, für ihn zähle nur die Leistung. Als der Balkankrieg beginnt, wird die Anspannung der Familie Kocsis noch grösser. Im Café soll nicht über Politik gesprochen werden, denn die Angst um die Verwandten würde die Kräfte rauben, die es zum Arbeiten braucht. Aber dann dreht die Küchenhilfe Dragana aus Sarajevo durch, deren neunjähriger Sohn noch keine Nachzugserlaubnis hat, und sie beginnt mit der kroatischen Servierhilfe Glorija zu streiten.

Der Roman spielt im Jahr 1993 an der Zürcher Goldküste. In Rückblenden beschwört Melinda Nadj Abonji die alte Heimat herauf: sinnliche, lebensfrohe und poetische Szenen aus ihrer Kindheit, die aber düster grundiert sind von den traurigen Familiengeschichten aus der Vergangenheit. Dazu kommen Erinnerungen an die seltenen Besuche mit den Eltern. In einem braunen Chevrolet fährt Vater Miklós 1980 in die Kleinstadt ein, später wird es ein weisser Mercedes sein, um den die männlichen Verwandten bewundernd herumstehen, während Ildikó und ihre Schwester das Haus der Grossmutter nach Veränderungen absuchen – und erleichtert sind, wenn sie keine finden. Denn die Heimat darf sich nicht verändern, dahin wollen sie mit achtzehn Jahren zurück, so stellen sie sich das vor.

Im Herbst 1993 verlässt Ildikó ihre Familie. Sie will sich nicht mehr anpassen müssen, will nicht mehr das «Fräulein» sein, das zum dummen Geschwätz der Besucher lächelt. Als ein Gast, einer dieser netten, höflichen, unauffälligen Schweizer, die Männertoilette mit Scheisse beschmiert, da hat sie genug von dieser Gemeinde am See und vom Ducken ihrer Eltern.

«Tauben fliegen auf» erfasst psychologisch sehr subtil den Konflikt zwischen der ersten und der zweiten Generation von MigrantInnen. Es gelingt Melinda Nadj Abonji, die Eltern zugleich kritisch und liebevoll zu zeichnen – und auf den eigenen leidvollen Erfahrungen der Kinder zu bestehen.


Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf. Jung und Jung Verlag. Salzburg 2010. 314 Seiten. Fr. 33.90