Nr. 02/2015 vom 08.01.2015

Die Stadt muss verhandelt werden

Gegen eine Planung von oben hat der Urbanist Lucius Burckhardt zusammen mit seiner Frau Annemarie eine partizipative, demokratische Stadtentwicklung gefordert. Ein neues Buch zeigt Anknüpfungspunkte für die aktuelle Debatte.

Von Stefan Howald

Die «Spaziergangswissenschaft» hat er 1987 erfunden. Lucius Burckhardt war damals Professor an der Reformuniversität Kassel und bereiste mit StudentInnen Tahiti. Oder besser: Er bereiste mit ihnen einen zum Naturschutzgebiet umerklärten ehemaligen Truppenübungsplatz der deutschen Bundeswehr und las dazu den Reisebericht über Tahiti von Georg Forster, der 1772 James Cook auf dessen Reise in den Pazifik begleitet hatte. Der Kontrast zeigte Landschaft als etwas Gemachtes und warf die Frage auf, wie wir Natur und Landschaft wahrnehmen und wie solche Bilder auch raumplanerische Konzepte prägen. Diese «Promenadologie» war zugleich ein didaktisches Mittel, um theoretische Diskussionen aus dem Vorlesungssaal zu verlagern und sinnlich erfahrbar zu machen.

Burckhardt hatte erstmals 1955 provokativ eine öffentliche Debatte lanciert durch das zusammen mit Max Frisch und Markus Kutter verfasste Pamphlet «achtung: die schweiz». Darin wandten sich die Autoren gegen den Heimatstil der dominierenden Schweizer Architektur sowie die beginnende Zersiedelung durch Einfamilienhauskolonien und plädierten für neue städtebauliche und raumplanerische Visionen. In den folgenden Jahrzehnten befruchtete Burckhardt immer wieder die urbanistischen Diskussionen als vielseitig interessierter, origineller Geist. Ein im letzten Sommer erschienenes Buch würdigt diese Leistung.

Aus dem Basler «Daig»

Lucius Burckhardt (1925–2003) – mit «ckdt» – stammte aus dem Basler «Daig», so wie seine Frau Annemarie (1930–2012), geborene Wackernagel. Er war ein liberaler Bildungsbürger, der seinen Habitus sprengte. Als neugierig, offen, zugänglich, geradezu charismatisch wird er beschrieben. Seine Frau nahm nicht nur an den wissenschaftlichen Unternehmungen teil und tippte alle Manuskripte ab, sondern war organisatorisches Zentrum des gemeinsamen Unternehmens und garantierte durch ihre soziale Kompetenz die Betreuung vieler Studierender und die gesellschaftliche Vernetzung.

Das den beiden Burckhardts gewidmete Buch «Raum und Macht» liefert aber nicht nur Materialien für eine Doppelbiografie. Burckhardts Werk wird zugleich mit zeitgenössischen Strömungen verglichen, vor allem mit Henri Lefebvre (1901–1991), dessen Schlachtruf von einem «Recht auf die Stadt» gegenwärtige urbanistische Debatten befeuert. Auch werden verschiedene Disziplinen, von der Raumplanung bis zur Sozialarbeit, darauf befragt, inwiefern Ideen von Burckhardt wirksam geblieben sind. Leitkategorie ist dabei die Macht. Denn Raum sei nichts Statisches, verkündete Burckhardt, sondern von Machtbeziehungen durchzogen. Gegen die herrschenden Wirtschaftsinteressen, aber auch gegen die mit «Sachzwängen» argumentierende Planungsbürokratie forderte er eine demokratische, partizipative Stadtentwicklung. In seine konkreten Interventionen mischten sich bewahrende und umwälzende Vorstellungen, und seine partizipative Stadtentwicklung setzte auf Prozesse des Aushandelns und auf Pluralität.

Burckhardt fortgeführt

Verantwortlich für den Band zeichnen sieben Autorinnen und Autoren unter der Leitung von Ueli Mäder, der als Soziologieprofessor in Basel nicht zuletzt mit seinen Studien zum Reichtum in der Schweiz ein Markenname ist. Manche der Texte stützen sich auf Interviews mit Beteiligten und versuchen so auch, Oral History zu betreiben. Entsprechend werden 25 mittellange Interviews durch das Buch gestreut.

Damit nicht genug. In einem rund hundert Seiten umfassenden Teil mit dem Titel «Engagierte Praxis» werden die Basler Verhältnisse untersucht, die Burckhardt immer wieder beschäftigten. Ausführlich werden die Pläne zur Umwandlung der Klybeckinsel in ein «Rheinhattan» (siehe WOZ Nr. 51/2013) sowie Beispiele von Urban Gardening und der Basler «Wagenplatz» erläutert. Das geht nicht ohne Wiederholungen ab. «Kleine Eingriffe» war ein Kampfbegriff von Burckhardt gegen von oben verordnete Masterplanung – doch die Stadtgartenprojekte und die acht Leute des Wagenplatzes bekommen mit ihren langfädigen und euphorischen systemsprengenden Ansprüchen etwas gar viel Gewicht. Mindestens so interessant sind da die Gespräche mit im Text eher als Negativfiguren gezeichneten Machern wie dem Stararchitekten Jacques Herzog, mit Regierungsrat Hans-Peter Wessels oder mit dem eloquenten Provokateur Thomas Kessler vom Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stadt.

Und die «Spaziergangswissenschaft»? Nun, letztes Jahr sind Ueli Mäder und andere AutorInnen des Buchs, durch das Instrumentarium von Lucius Burckhardt alimentiert, zweimal öffentlich durch Basel gewandert. Die von WOZ und Rotpunktverlag organisierten Veranstaltungen sind auf grosses Interesse gestossen und haben urbanistische Partizipation aktuell vorgeführt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Die Stadt muss verhandelt werden aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr