Nr. 45/2012 vom 08.11.2012

Die Gefährlichkeit der Poesie

Fast vierzig Jahre lang hiess es von offizieller Seite, Pablo Neruda sei eines natürlichen Todes gestorben. Eine Autopsie könnte nun den Verdacht untermauern, dass der chilenische Dichter am 23. September 1973 vergiftet wurde – als Staatsfeind.

Von Erich Hackl

Die Ortschaft Isla Negra, achtzig Kilometer südlich von Valparaíso an der chilenischen Pazifikküste gelegen, zieht täglich ein paar Dutzend TouristInnen an. Zumeist ausländische BesucherInnen, die das Haus des Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda (1904–1973), eigentlich eine Wohnstätte aus mehreren kleinen Gebäuden, besichtigen wollen. Es mutet in Konstruktion und Ausstattung ebenso poetisch an wie sein lyrisches Werk.

Neruda hatte das Anwesen schon 1938 erworben, nach seiner Rückkehr aus dem republikanischen Spanien. Er hatte es im Lauf der Jahre mehrmals umgebaut und erweitert, aber nur zeitweise bewohnt. Einerseits wegen der Verfolgung, der er in den späten vierziger Jahren ausgesetzt war, als der damalige chilenische Präsident Gabriel González Videla die Kommunistische Partei verbot und Neruda, seinen schärfsten Kritiker, zur Verhaftung ausgeschrieben hatte. Andererseits wegen der vielen politischen wie literarischen Verpflichtungen, denen der Dichter später, in der wieder errungenen Legalität, unermüdlich nachkam. Die letzte hatte er 1970 übernommen, nach dem Wahlsieg seines Freundes Salvador Allende, der ihn als chilenischen Botschafter nach Paris entsandte.

Kurz nach dem Staatsstreich

Gemeinsam mit seiner Frau Matilde Urrutia kehrte Neruda im November 1972 nach Chile zurück, um sich auf Dauer, wie er hoffte, in Isla Negra niederzulassen. In Frankreich war ihm Prostatakrebs diagnostiziert worden, den die Ärzte allerdings als nicht unmittelbar lebensbedrohend einschätzten. Er arbeitete fieberhaft an mehreren Gedichtzyklen, trat bei Kundgebungen des Regierungsbündnisses Unidad Popular auf. Und er war zunehmend besorgt wegen der immer aggressiveren Methoden, mit denen Unternehmerverbände und Rechtsparteien auf Betreiben und mit Unterstützung des US-amerikanischen Geheimdienstes die Regierung stürzen, die Verstaatlichung der Bodenschätze sowie die Bewirtschaftung von Latifundien durch Kooperativen rückgängig machen und das soziale Hilfsprogramm für die armen BewohnerInnen der Poblaciones, der städtischen Armenviertel, zerschlagen wollten.

Auf den unerwartet deutlichen Wahlsieg der Unidad Popular bei den Parlamentswahlen von April 1973 – mit dem besten Ergebnis, das eine Regierungskoalition nach drei Amtsjahren je hatte erzielen können – reagierte die Opposition mit Mordanschlägen, Boykottmassnahmen, Hassparolen und erlogenen Horrormeldungen.

Die Atmosphäre im Land erinnerte Neruda an die Lage der Spanischen Republik unmittelbar vor Ausbruch des Bürgerkriegs 1936, die er als chilenischer Konsul und dann als Initiator eines Komitees von KünstlerInnen und Intellektuellen miterlebt hatte. Er ahnte, dass es wie dort zu einem Militärputsch kommen würde.

Im August besuchte ihn Luis Corvalán, der Generalsekretär der Kommunistischen Partei, der Neruda seit 1945 angehörte, und bemühte sich, seine Befürchtungen zu zerstreuen – wenigstens hinsichtlich der Möglichkeit, dass die Aufständischen in ihrer Zerstörungswut nicht einmal Isla Negra verschonen würden. «Ja, es kann zu einem Putsch kommen. Aber dir, Pablo, wird man kein Haar krümmen. Du bist zu berühmt, als dass sie so etwas wagen würden.» «Du irrst dich», antwortete Neruda. «García Lorca war der Zigeunerprinz, und du kennst sein Schicksal.» Nerudas Freund, der Dichter Federico García Lorca, war zu Beginn des Bürgerkriegs 1936 von einem rechten Mordkommando erschossen worden.

Vielfache Angebote, Chile wenigstens für einige Monate zu verlassen – sie kamen von Regierungsseite wie auch von FreundInnen und GönnerInnen im Ausland –, lehnte Neruda bis kurz vor seinem Tod ab. Am 11. September 1973 erfuhr er im Radio von der Erhebung der Marine, wenig später vom Angriff auf den Präsidentenpalast La Moneda und von Allendes Ende. Tags darauf nahmen Soldaten in Isla Negra eine Hausdurchsuchung vor. «Suchen Sie ruhig, Leutnant», sagte der bettlägrige Neruda zu ihrem Kommandanten. «Waffen werden Sie nicht finden. Hier gibt es nur eine Sache, die Ihnen gefährlich werden könnte: Poesie.»

Ein Angebot aus Mexiko

Nerudas Gesundheitszustand verschlechterte sich. Sechs Tage nach dem Staatsstreich liess er sich von Matilde und seinem jungen Chauffeur Manuel Araya im Rettungswagen nach Santiago bringen und in die Klinik Santa María einweisen. Auf Drängen seiner Frau nahm er das Angebot des mexikanischen Präsidenten Luis Echeverría an, ihn nach Mexiko-Stadt ausfliegen zu lassen. Der Abflug wurde, auf Nerudas Wunsch, auf den Vormittag des 24. September verschoben. Aber der Dichter starb am Abend davor.

Wie Matilde später berichtete, war sie am 22. September mit Araya noch einmal nach Isla Negra gefahren, um Bücher zu holen, die Neruda ins Exil mitnehmen wollte. Dort erreichte sie sein Anruf, bei dem er sie bat, sofort nach Santiago zurückzukehren. «Ich kann jetzt nicht reden», sagte er. Sie befürchtete, er werde gerade verhaftet. Bei ihrer überstürzten Rückkehr fand sie ihn aufgewühlt vor, aus Empörung und Schmerz. In ihrer Abwesenheit hätten ihm Besucher, unter ihnen die Botschafter Schwedens und Mexikos, das ganze Ausmass der Repression geschildert, das Matilde ihm bis dahin verschwiegen hatte. Die Verhaftungen, die Morde, die Folterungen, die Bücherverbrennungen auch seiner Werke. «Die Leichenhallen sind überfüllt, vor ihnen stehen Hunderte, um ihre Toten zu suchen. Weisst du denn nicht, was sie Víctor Jara angetan haben? Er ist einer von den Zerstückelten, sie haben ihm die Hände abgeschlagen.» Jara war Chiles berühmtester Liedermacher; bevor sie ihn erschossen, hatten ihm Soldaten die Handgelenke gebrochen.

Matilde versuchte Neruda zu beruhigen, die Besucher hätten übertrieben. Sie rief ihm besonders schöne Stunden in Erinnerung, die sie zusammen erlebt hatten. Für eine Weile schien er die Gegenwart vergessen zu haben. Aber am Abend desselben Tages meinte er ruhig und bestimmt, dass er Chile nicht verlassen werde. Matilde: «Da verstand ich, dass er hier alles hatte, was er am meisten liebte, und dass es ihm unmöglich war, die grausame Verfolgung des Volkes aus der Ferne zu verfolgen. Ich versprach ihm, den mexikanischen Botschafter am nächsten Tag von seiner Entscheidung zu verständigen.»

Nach Mitternacht begann Neruda mit weit aufgerissenen Augen zu fantasieren, er sah Soldaten vor sich, Gewehre, Ströme von Blut, wie in der letzten Strophe seines berühmten Gedichts aus dem Spanischen Bürgerkrieg, «Explico algunas cosas»:

«Ihr fragt, warum seine Dichtung / uns nichts von der Erde erzählt, von den Blättern, / den grossen Vulkanen seines Heimatlandes? / Kommt, seht das Blut in den Strassen, / kommt, seht / das Blut in den Strassen, / kommt, seht doch das Blut / in den Strassen!»

Neruda fieberte stark, erkannte seine Frau nicht mehr. Am Nachmittag des 23. Septembers gab ihm eine Krankenschwester eine Spritze, angeblich ein Schlafmittel. Er schlief ein und wachte nicht wieder auf.

Nerudas Chauffeur sagt aus

Unlängst ist in Chile ein Buch des spanischen Journalisten und Historikers Mario Amorós erschienen, «Sombras sobre Isla Negra. La misteriosa muerte de Pablo Neruda» («Schatten über Isla Negra. Pablo Nerudas mysteriöser Tod»), das an beiden bisher bekannten Versionen Zweifel aufkommen lässt – sowohl an der offiziellen, von Nerudas Leibarzt Sergio Draper bestätigten, wonach der Dichter an den Folgen seiner Krebserkrankung gestorben sei, als auch an der von Matilde Urrutia überlieferten, dass sein Tod der Erschütterung über das faschistische Unwesen geschuldet sei.

Genährt werden diese Zweifel durch Amorós’ Gesprächspartner Manuel Araya, den Chauffeur und Leibwächter, der sich auch in der Klinik um Neruda und seine Frau gekümmert hatte.

Araya, der behauptet, mit Matilde erst am Todestag nach Isla Negra gefahren zu sein, ist davon überzeugt, dass Neruda vergiftet wurde. Dieser habe Matilde telefonisch nämlich mitgeteilt, dass ihm in ihrer Abwesenheit ein unbekanntes Mittel gespritzt worden sei. Nach ihrer Rückkehr sei die Haut rund um die Einstichstelle rot verfärbt gewesen, und Nerudas Befinden habe sich deutlich verschlechtert.

Ein ihm unbekannter Arzt habe ihn, Araya, kurz nach seinem Eintreffen in der Klinik beauftragt, in einer Apotheke ein dringend benötigtes Medikament zu besorgen. Auf dem Weg dorthin wurde er angehalten, angeschossen und bewusstlos geprügelt. Er kam erst wieder im zu einem Konzentrationslager umgewandelten Nationalstadion zu sich, wo er gefoltert und nach einigen Tagen auf Betreiben des Kardinals Raúl Silva Henriquez, eines Verehrers Nerudas, freigelassen wurde. Von Silva erfuhr er auch, dass Neruda in der Zwischenzeit verstorben war.

Man könnte Arayas späten Bericht – er ist damit erst voriges Jahr an die Öffentlichkeit gegangen – als den eines Wichtigtuers abtun. Aber da ist auch die Krankenschwester Rosa Núñez aus San Antonio, die in Isla Negra regelmässig nach Neruda gesehen hatte. Sie behauptet, Matilde Urrutia habe ihr nach Jahren anvertraut, dass Neruda ermordet worden sei.

Plötzlich ist Pablo Nerudas Krankengeschichte in der Klinik Santa María nicht mehr auffindbar. Und seit Dezember 2009 weiss man, dass der Christdemokrat Eduardo Frei Montalva, der den Militärputsch anfangs begrüsst hatte, sich dann aber zu einem scharfen Kritiker des Regimes wandelte, in derselben Klinik nach einer Leistenbruchoperation 1982 mittels einer durch Senfgas und Thallium herbeigeführten Infektion ermordet worden ist.

Ermordet wurde auch Nerudas Freund und Sekretär Homero Arce, dem der Dichter bis zuletzt seine Lebenserinnerungen diktiert hatte.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Neruda sowohl in Chile als auch in der Verbannung die Verbrechen der Diktatur angeprangert hätte. Ein Attentat auf ihn, wie es die Regimekritiker General Carlos Prats und die Politiker Orlando Letelier und Bernardo Leighton in Buenos Aires, Washington und Rom durch den militärischen Geheimdienst Chiles ereilte, hätte dem Regime mehr geschadet als genützt. Ihn noch in der Klinik sterben zu lassen, das wäre nach der Logik seiner Feinde die bessere Option gewesen.

Baldige Autopsie?

Aus all diesen Gründen hat die Kommunistische Partei Chiles schon vor sechzehn Monaten bei Gericht eine Autopsie des Leichnams beantragt, der – Pablo Nerudas Wunsch entsprechend – an der Seite seiner 1985 verstorbenen Frau nach langem Hin und Her in Isla Negra bestattet wurde. Es ist zu erwarten, dass der zuständige Richter dem Antrag in Kürze stattgeben wird.

Denn Chile hat, wie der Historiker Amorós schreibt, an Pablo Neruda eine Schuld abzutragen. «Die Umstände seines Todes dürfen nicht im Dunkeln bleiben, und schon gar nicht im Schatten des Terrors.» Sie aufzuklären, das hat sich ein Dichter verdient, der seine Augen in den schwarzen Tagen der chilenischen Geschichte offen halten wollte.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch