01.04.2004

Champagner und Kerosin

Frédéric Beigbeder hat einen trivialen Roman über die Allmachtsfantasien eines Vierzigjährigen geschrieben und dafür den 11.9.2001 als Kulisse benutzt.

Von Karl-Markus Gauss

Tote können sich nicht wehren. Nicht wenn in ihrem Namen Kriege geführt werden, nicht wenn ihr Leiden zu Markte getragen wird. Und auch nicht dagegen, wenn sich ein Schriftsteller ihres Sterbens bemächtigt, um über sein privates Seelenleid zu klagen. Frédéric Beigbeder stellt seinem Roman über den Anschlag auf die Twin Towers die schlichten, doch keineswegs bescheidenen Worte voran: «Gewidmet den 2801 Toten». In der umfangreichen Danksagung am Ende des Buches lesen wir hingegen: «Dank an Julien Barbera, der mir im Cipriani Downtown den besten Tisch reserviert hat. Dank an Yann Le Gallais für den Champagner.»

Menschen, die in Stücke zerrissen, langsam geröstet, von Stahl und Beton erdrückt werden – und Champagner in noblen Restaurants, in die auch ein französischer Bestsellerautor nur mit Empfehlung hineinkommt. Die Unangemessenheit von Widmung und Dank ist Beigbeder nicht aufgefallen, aber sie prägt seinen Roman von der simplen Komposition bis ins abgeschmackte Detail. Dieser Roman ist beides zugleich: eine grobe Störung jenes Rechtsgutes, das in zivilisierten Gesellschaften als «Totenruhe» geschützt wird – und ein auftrumpfend trivialer Roman über die Obsessionen, Allmachtsfantasien und Versagensängste eines Vierzigjährigen, für den nur der Erfolg zählt und der sich dafür verachtet; und gerade für diese in eitlen Tiraden ausgebreitete Selbstverachtung geliebt zu werden begehrt.

Weltcup des Zynismus

Am 11. 9. 2001 schlug um 8.46 Uhr eine aus Boston kommende und von radikalen Islamisten gekaperte Maschine der American Airlines zwischen dem 94. und 98. Stock des Nordturms im World Trade Center ein. Das Flugzeug hatte eine Geschwindigkeit von 800 Stundenkilometern und verstreute beim Einschlag 40000 Liter Kerosin. Von den Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt in den Etagen über dem 94. Stock aufgehalten haben, ist keiner mit dem Leben davongekommen. Auch nicht jene 171 Personen, die schon zu so früher Stunde im obersten, dem 110. Stock, das Restaurant Windows on the World besuchten oder dort arbeiteten.

Über das, was die Menschen in dem Gebäude litten, ist die Welt durch ein Dossier informiert worden, in dem die vielen Telefongespräche, die die Eingeschlossenen per Handy noch mit Angehörigen oder Freunden führten, gesammelt und ausgewertet wurden. Die «New York Times» hat die «letzten Worte aus dem Trade Center» veröffentlicht. Manche der Eingeschlossenen waren offenbar bis zuletzt überzeugt, sie würden gerettet werden, viele sind in völlige Apathie versunken, andere haben ihre letzten Minuten damit verbracht, zu helfen, wo nicht mehr zu helfen war. Weil die Leitungen aufgerissen wurden, standen die Leute nach einer Stunde bis zur Hüfte im Wasser und sind dabei doch zugleich langsam verbrannt.

Beigbeder kennt die Dokumentationen, aber er hat sich dafür entschieden, die Ereignisse im Restaurant nicht dokumentarisch zu arrangieren, sondern sie, wie er sagt, «zu erfinden». Berühmt geworden ist der erfolgreiche Werbefachmann mit dem Roman «39,90», in dem er einen ekelhaften Werbefachmann über die herzlose Glitzerwelt der Werbebranche herziehen lässt. Nachdem der Roman zu einem internationalen Bestseller geworden war, konnte Beigbeder von der Werbung hauptberuflich zur Schriftstellerei wechseln, was bei ihm aber nur den Wechsel des Mediums, nicht der Haltung zur Welt oder der Strategien, in ihr Karriere zu machen, bedeutete. Seine Romane machen immer Reklame für das Produkt, das sie bewerben, und dieses heisst Beigbeder, der in Frankreich ein Fernsehstar mit eigener Literatursendung ist: der Schriftsteller als Werbeträger des Fernsehstars, dessen besondere Note es ist, einen Schriftsteller zu mimen, der unerschrocken Tabus bricht, die es längst nicht mehr gibt.

Da es in der Welt der Werbung nur so wimmelt von lauter Schönen, die einander zum Verwechseln ähneln, behauptet Beigbeder seine Unverwechselbarkeit gerade umgekehrt damit, das grösste Arschloch der Epoche zu sein. «Im Weltcup des Zynismus bin ich ein heisser Anwärter aufs Siegertreppchen», rühmt er sich in seinem neuen Roman, der eigentlich nicht von ihm, sondern den zwei letzten schrecklichen Stunden im «Windows on the World» zu handeln verspricht und 2801 Toten gewidmet ist. In einer über drei Seiten sich ziehenden Litanei der Selbstanklage ruft der Autor uns zu: «Ich klage mich an, karrieregeil und käuflich zu sei. Ich klage mich an, weil mir alles egal ist ausser mir.» Da klagt sich einer an, der grösste Schurke von allen zu sein, aber sein Ehrgeiz ist unverkennbar, immerhin der Grösste zu sein, wie es sein eingestandenes Begehren ist, ausgerechnet für diese als Selbstanklage getarnte narzisstische Orgie verehrt zu werden.

Terrorismus im Rücken

Was das alles mit einem Roman über den 11 9. zu tun hat? Im Grunde nichts und im vorliegenden Fall doch alles. Denn Beigbeder hat sich eine Komposition einfallen lassen, die es ihm ermöglicht, zugleich im 110. Stock inmitten der Gepeinigten zu sein und in noblen Cafés von Paris oder New York zu dinieren und dabei von den Verbrennenden so zu schreiben, als würden sie an seiner statt krepieren. Der Roman ist aus lauter Kapiteln von zwei, drei Seiten gebaut, deren Überschrift jeweils eine Zeitangabe in Minuten erhält. Das Ganze beginnt um «08:31» – so auch der Titel des ersten Kapitels – und endet mit «10:29». Diese Einteilung suggeriert eine an den äusseren Fakten orientierte Chronologie, die ihr freilich nur als Ausrede dient. Denn Beigbeder hatte die grandiose Idee, immer ein Kapitel im Inneren der Hölle, nämlich im Restaurant unter dem Dach des brennenden Gebäudes spielen zu lassen, und das nächste der larmoyanten Erzählung seines eigenen Lebens vorzubehalten. In den ungeraden Minuten erfahren wir, was einem fiktiven 43-jährigen amerikanischen Millionär namens Carthew Yorston und seinen beiden Söhnen David und Jerry widerfährt, in den geraden Minuten unterrichtet uns Beigbeder, wie er sich fühlt, seitdem er ein berühmter Schriftsteller ist, seine kleine Tochter und deren Mutter verlassen hat und ihm klar geworden ist, was für ein verkommener Mensch er ist.

Eben noch geht es um Leben und Tod, Liebe und Schuld: Carthew hatte seine Frau verlassen, wollte aus schlechtem Gewissen mit seinen Söhnen einmal einen schönen Tag gemeinsam verbringen und diesen mit dem Besuch des Trade Centers beginnen. Jetzt brennt es, und er muss seine geschiedene Frau per Handy bitten, den Fernseher aufzudrehen. Schon sind wir in der nächsten, der geraden Minute wieder bei Beigbeder, der sich eine Liebesszene für einen neuen Roman halluziniert, indem sich die Geliebte dem Akt mit den Worten verweigert: «Sorry, heute hat meine Muschi Ramadan!» Und Beigbeder selbst, kein vorgeschobener Erzähler, setzt fort: «Ich möchte mich für diesen Scherz (...) bei den muslimischen Autoritäten entschuldigen. Seien Sie grossmütig! Eine Fatwa tut nicht Not: Ich bin auch so schon bekannt genug.»

Warum die Terroristen in das World Trade Center rasten, darüber haben sie ihre wirre Selbstauskunft hinterlassen. Dank Beigbeder wissen wir, dass das nur vorgetäuschte Gründe waren. In Wahrheit haben sie es wegen Beigbeder getan, weil der «unter dem Deckmantel der Selbstkritik Selbstbefriedigung betreibt». Dass die Terroristen deswegen alleine im Nordturm gleich 2801 Menschenleben auslöschten, war für Beigbeder der günstige Anlass, ein Buch zu schreiben, von dem er selber sagt, dass es «nicht ganz aufrichtig» sei, weil «mit dem ersten grossen Attentat des Hyperterrorismus im Rücken meine Prosa (...) eine Kraft gewinnt, die sie sonst nicht hätte». Wer mit Attentaten im Rücken Prosa schreibt, unterhält zwar vielleicht zur Sprache kein liebendes, sondern ein schweinisches Verhältnis, aber er ist gewiss keiner, dem wir verzeihen müssen, weil er nicht wüsste, was er tut. Wo Krieg herrscht, gibt es auch Kriegsgewinnler; Beigbeder ist einer der abstossendsten unter ihnen.

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