Nr. 25/2006 vom 22.06.2006

Schnell, agil und aggressiv

Frauenfussball ist die Zukunft. Das zeigt der Women’s World Cup in den USA. Nur hierzulande dümpelt man immer noch in uralten sexistischen Vorurteilen.

Von Lilian Räber

Am letzten Samstag, dem 19. Juni, hat in den USA die Frauen-Fussball- Weltmeisterschaft mit dem Eröffnungsspiel USA gegen Dänemark angefangen. Das haben Sie nicht gewusst? Aha. Wissen Sie wenigstens, wer die derzeitigen Weltmeisterinnen sind? Auch nicht. Zu Ihrer Information: Es ist Norwegen.

Aber sicher sassen Sie bei der Männer-WM regelmässig vor der Glotze, um sich die Übertragung anzuschauen und bei brenzligen Situationen wie aus einer Kehle aufzubrüllen. Richtig geraten? Hab ich es mir doch gedacht. Gegen die Frauen, die dort mit Ihnen das Spiel verfolgten, haben Sie nichts. Im Gegenteil: Eigentlich finden Sie es ganz nett, wenn in diesen Männerrunden auch ein paar Frauen sind, die so tun, als ob sie das Offside verstehen würden. Kann schliesslich nie schaden und lockert die Stimmung auf, was?

Wenn die Weiber selbst Fussball spielen wollen, ist das natürlich etwas ganz anderes. Wenn Sie ehrlich sind, zweifeln Sie daran, ob die das überhaupt können. Fussball ist ein hartes Spiel, und Frauen sind einfach feiner gebaut - das heisst richtige Frauen. Nicht die Mannsweiber, die da auf dem Platz auf den Ball hacken. Sie haben keine Ahnung, wieso Sie sich so was anschauen sollten, die tragen ja noch nicht einmal Röckchen. Entschuldigen Sie. Darf ich Ihnen etwas sagen? Sie sind ein Arschloch.

Frauenfussball ist Pop

1996 hat Fifa-Sepp Blatter verkündet: «Die Zukunft des Fussballs ist weiblich.» Das klingt, als hätten sie ein neues Dritte-Welt-Land entdeckt, das wirtschaftlich entwicklungsfähig ist. Und genauso ist es gemeint. Der Slogan ist das Signal für die Sponsoren. Jetzt einsteigen - langfristig profitieren. Das Produkt Frauenfussball wird von der Fifa gezielt aufgebaut. Das Olympiafinale zwischen den USA und China 1996, das vor über 75 000 ZuschauerInnen stattfand, war die erste Etappe. USA 1999 soll den definitiven Durchbruch bringen. An der dritten Weltmeisterschaft wird Weltklasse gezeigt. Die Teams sind hochkarätig, der Zuschauerrekord ist abzusehen in einem Land, in dem acht Millionen Frauen und Mädchen Soccer, wie Fussball hier genannt wird, spielen. Die Tickets für das Eröffnungsspiel sind so gut wie ausverkauft. Jürgen Klinsmann hat als Glücksfee bei der Gruppenauslosung assistiert und sich anschliessend bei seinen Landsmänninnen entschuldigt: Ausgerechnet in die berüchtigte «Group of Death» hat er sie verfrachtet, wo sie mit Brasilien und Italien schon in der Vorrunde auf zwei der FavoritInnenteams treffen werden.

Die US-amerikanische Star-Stürmerin Mia Hamm, die erst kürzlich in ihrem 172. Länderspiel ihr 108. Tor erzielt hat und damit neue Weltrekordhalterin wurde, tritt als Werbepartnerin bei der Lancierung einer Frauen-Fussball Barbie-Puppe auf, einer PR-Aktion, die darauf abzielt, Frauenfussball schon bei kleinen Mädchen populär zu machen. An der Eröffnungsfeier treten die Megastars ’N Synch auf, siebenfache Platinträger und so genannte Pop-Halbgötter. In Norwegen, dem Land der Titelverteidiger, werden sämtliche Spiele der Heimmannschaft sowie das Eröffnungsspiel live übertragen. Auch Deutschland und Italien übertragen die Spiele der eigenen Mannschaft live. Fifa-Partner Adidas hat erstmals einen eigenen Ball und einen eigenen Pokal für den Women’s World Cup 99 in Auftrag gegeben. Das Fifa-Magazin pfeffert jeden Text mit einem gehörigen Schuss «Erfolg». Das Hochglanzheft stellt die 12 WM-Teams und ihre besten Spielerinnen vor, legt den Focus auf die Favoritinnen, beschreibt Vorbereitungsspiele und zeigt erstklassiges Bildmaterial. Brenzlige Tor-Szenen aus dem Olympia-Halbfinal 1996 zwischen Norwegen und USA zum Beispiel. Ausserdem gibt es Werbung für Frauenfussballschuhe mit dem schönen Slogan: «Quick, agile, aggressive. These are the qualities that define Kristine Lilly and the shoes she wears.»

Die professionelle Rhetorik verbreitet sofort positive Vibes und steckt an. Das Vokabular signalisiert gleichzeitig Ernsthaftigkeit und Vorfreude. Das Ziel der Fifa heisst Professionalisierung und Kommerzialisierung des Frauenfussballs. Natürlich geht es um Geld und Sponsoring - zum Glück. Der Fussballfieber-Groove im Fifa-Heft zeigt: wird er so verkauft, gibt es keine andere Wahl, als Frauenfussball ernst zu nehmen. Mit der richtigen Einstellung erzeugt man die richtige Einstellung. So einfach ist das.

Schweizer Steinzeit

In der Schweiz ist alles noch ein bisschen anders. Es braucht keinen Skandal à la Wettswil-Bonstetten, um das zu verdeutlichen. Auch wenn die Boulevardpresse gerade nicht auf Jagd nach Lesben im Frauenfussball geht, ist das hiesige Klima für Fussballerinnen eher unbekömmlich. Die Stammtischmentalität schlägt bei diesem Thema voll durch, blöde Sprüche sind an der Tagesordnung. Die Akzeptanz ist auffällig gering. Gut, es ist wahr, die Schweizerinnen haben sich nicht für den Womens’ World Cup qualifiziert. Aber es ist verlogen, wenn die Medien das als Grund angeben, wenn sie gefragt werden, warum sie über die Weltmeisterschaft nicht berichten. Denn eigentlich ist die Sachlage umgekehrt: Weil sich die Sportredaktionen so gar nicht dafür interessieren, hat die Schweizer Frauen-Nati keine Chance. Frauenfussball leidet hierzulande unter männerbündnerischer Missachtung. «Das Traurige ist, du gewöhnst dich daran, dass du die Resultate der Nati-A-Spiele immer ab Teletext lesen musst», sagt Prisca Steinegger, Fussballerin, zurzeit noch bei den Blue Stars. In den ganzen fünfzehn Jahren seit sie lizenziert ist, sei nie irgendje- mand gekommen, der sich einfach für guten Fussball interessiert habe und darüber berichten wollte. Und vom ganzen Rest, der gedruckt und gesendet wird, hat sie wirklich die Nase voll.

Von professioneller Rhetorik ist man auch im Schweizerischen Fussballverband (SFV) weit entfernt, wenn es ums Frauentschutten geht. In der Ausgabe 1999, die der SFV zum Frauenfussball und zu dem Problem seiner Akzeptanz herausgegeben hat, stehen folgende Sätze zu lesen: «Eine Frau verdient normalerweise weniger, braucht aber mehr Geld für Coiffeur und Kleider. Welcher Mann hat nicht gerne eine attraktive Frau oder Lebenspartnerin? Hingegen welcher Mann berappt die Auslagen für diese, wenn der berühmte Gürtel sowieso enger geschnallt werden muss.» Logik verstanden? Wenn Frauen Fussball spielen, müssen Männer dafür bezahlen, dass ihre Frauen trotzdem gut aussehen - oder so irgendwie. Dieser Gesinnungsmatsch lässt sich nicht einmal mehr richtig analysieren. Kommen wir denn nie weiter?

Warum sucht man die Ursache für den schlechten Schweizer Frauenfussball nicht bei der Tatsache, dass sich der SFV, seit die Damenliga 1993 offiziell in den Verband aufgenommen wurde, nie richtig dafür eingesetzt hat, dass sich das Umfeld professionalisiert? Oder hat man schon davon gehört, dass sich die Herren überlegt hätten, wie sie die Zuschauer eines Cup-Finals der Männer auch noch für den Cup-Final der Frauen nutzen könnten. Wie in Deutschland, wo die beiden Spiele kurz hintereinander im selben Stadion stattfinden? Und wurde vielleicht schon einmal darüber nachgedacht, dass man, wie in Norwegen, wo die ehemalige Fussballerin Karen Espelund Generalsekretärin des gesamten Fussballverbandes ist, vom Verband her Geld zur Unterstützung der Spitzenvereine bereitstellen könnte, damit sie in die Infrastruktur und in den Marketingbereich investieren können? «Andere so genannte ‘Randsportarten’ werden schliesslich auch gesponsort», sagt Nati-Trainer Simon Steiner. 7000 lizenzierte Schweizerinnen tschutten 1999 in Juniorinnen- und Frauenteams, zum Philips-Cup melden sich nach Angaben des SFV jährlich 10 000 Schülerinnen an, und der Weltverband macht vorwärts. Nur hier wird noch gepennt.

Eine Fussball-Karriere

Prisca Steinegger wird 22. Gerade hat sie die Matura abgeschlossen. Jetzt zieht es sie an eine Universität in den USA. Nicht an irgendeine, wohlgemerkt, sondern an die University of Georgia, die mit ihrem Women’s Soccer-Team «Bulldogs» in der First Division spielt, vergleichbar mit der Schweizer Nationalliga A, nur besser. Prisca will Fussball spielen, so oft und so gut wie möglich. Was eine Frau in der Schweiz mit Fussball erreichen kann, hat sie erreicht. Lange drei Wochen wartete sie auf den definitiven Entscheid. Ihre fussballerischen Leistungen wurden zuerst geprüft; sie hat einen Videozusammenschnitt ihrer Länderspiele eingeschickt und einen Lebenslauf mit ihrer sportlichen Karriere beigelegt. Georgia hat sie ins Soccer-Team aufgenommen. In einem zweiten Test ging es um Sprachkenntnis.

Die Universität zahlt ihr jetzt 75 Prozent der Ausbildung. «Prinzipiell gehe ich, um zu tschutten. Da es eine Uni ist, muss ich auch studieren. Ich habe mich für Psychologie entschieden.» Sie holt den Plan für das Aufbautraining hervor, das sie bis zur Abreise im August absolvieren soll, damit sie in Topform dort eintrifft. Montag Kondition, Dienstag technische Übungen, Mittwoch wieder Kondition und so weiter.

Am Samstag muss sie laufen, und zwar von Woche zu Woche eine Meile mehr. «Die haben mir ein Jahresheft geschickt, das sämtliche Spielerinnen mit Bild und kurzer Bio vorstellt. Es ist ein halbes Buch und auf Hochglanzpapier gedruckt. So was sieht man bei uns nicht. Und den Briefkopf musst du dir mal anschauen.» Sie findet das alles gigantisch. Der Stellenwert des Frauenfussballs sei dort oft grösser als jener des Männerfussballs, sagt sie. Überhaupt würde Women’s Soccer einfach viel ernster genommen. Das Umfeld muss professionell sein, damit sie richtig tschutten kann. Spielen tue sie seit immer und reagiert habe nie jemand doof, meint Prisca. Mit ihrem Bruder, der sie nach dem Chindsgi auf den Schulhausplatz entführte, hat sie angefangen, dann kamen die Grümpis und später die Junioren. Aber bei den Bueben durfte sie nicht während der Meisterschaft, sondern nur bei Freundschaftsspielen aufs Feld: «Die anderen haben sich immer amüsiert. ‘Lueg emal, die händ es Meitli.’ Hinterher haben sie ihre Klappe gehalten», sagt sie trocken. Schliesslich wurde sie angehauen, ob sie nicht zu den Blue-Stars-Juniorinnen kommen wolle. Prisca wollte und spielte. Mit 15 Jahren hatte sie ihr erstes Nationalliga-A-Spiel mit der ersten Mannschaft der Blue Stars. Mit 18 Jahren hatte sie bereits das Aufgebot für die Nati. Für die Schülerin, die bei jedem Zusammenzug nach Bern reisen musste, und dies zudem unter der Woche, war das damals nicht gerade attraktiv. «Die Nati-Spielerinnen müssen für ein Länderspiel Ferien eingeben, die wir selber bezahlen müssen, Reisekosten werden uns vergütet, das Hotel wird organisiert - aber das ist alles. Einen Lohn gibt es schon gar nicht.» Trotzdem steht sie gerne im Natitrikot auf dem Feld, wenn die Nationalhymne ertönt. Angesprochen auf ihren tollsten Moment überlegt sie kurz und sagt dann: «Zum Beispiel, als wir im letzten Herbst das Länderspiel gegen Polen hatten, in dem es darum ging, unseren Abstieg zu verhindern. Wir haben 1:0 gewonnen. Ich habe das Tor geschossen.»

Wenn sie nach einem Jahr US-Women’s-Soccer in die Schweiz zurückkommen sollte, wäre sie hoffnungslos zu gut. «Es gibt schon ein, zwei gute Teams hier. Schwerzenbach zum Beispiel, die dieses Jahr Meister geworden sind, oder auch Bern.» Aber schliesslich braucht es auch echte Gegnerinnen. Dann würde sie sich ernsthaft überlegen, nach Deutschland zu einem Team zu gehen. Wie es schon viele vor ihr gemacht haben.

Die Spiele der Frauenfussball-WM werden live auf «Eurosport» übertragen.

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