Nr. 03/2015 vom 15.01.2015

Vorsicht vor zu viel Geothermie-Eifer

Von Susan Boos

Das war es jetzt. Ein bisschen traurig, denn die Idee war schön und gut. Die Stadt St. Gallen wollte mit Geothermie heizen. Man bohrte, und die Erde schüttelte sich. Das war im Sommer vor einem Jahr. Dann kam mehr Gas als warmes Wasser aus dem Loch. Blöd gelaufen. Diese Woche hat nun das St. Galler Stadtparlament das Projekt definitiv abgeschrieben. Rund sechzig Millionen Franken hat das Loch gekostet, einen Teil der Kosten wird der Bund übernehmen. Damit ist schon das zweite Geothermieprojekt grandios gescheitert. Vor acht Jahren hatte man es in Basel probiert, auch dort kam es zu einem Erdbeben; man wagte nicht weiterzumachen.

Im Kanton Thurgau ist noch ein Projekt in Planung. In Etzwilen in der Nähe von Stein am Rhein soll eine Geothermieanlage entstehen. Die AnwohnerInnen haben sich schon mit einer Petition dagegen gewehrt. Nun hat die Kantonsregierung versprochen, man werde erst ein Gesetz für die Nutzung des Untergrunds ausarbeiten, das regeln soll, wer für die Schäden haftet, wenn die Erde beben sollte. Noch ist dieses Projekt nicht gescheitert, aber es wird massiv verzögert.

Und das ist gut so. In der Geothermie steckt viel drin, mehr als in den meisten anderen erneuerbaren Energien. Oder wie es in der kürzlich publizierten Studie «Strom aus dem Untergrund» vom Zentrum für Technikfolgen-Abschätzung heisst: «Im Vergleich mit den meisten anderen Formen erneuerbarer Energie schneidet die Geothermie deutlich besser ab. Einzig die Wasserkraft belastet die Natur noch etwas weniger als die Energie aus dem Erdinnern.» Auch finanziell könnte die Geothermie mithalten. Und das Potenzial ist gigantisch.

Nur gibt es auch ein grosses Aber: Man weiss fast nichts über den Untergrund. Was heute über den Wärmefluss in der Erde bekannt ist, stammt von 150 Bohrlöchern – auf 41 000 Quadratkilometern Schweiz. Fürs Wallis und die Ostalpen hat man noch überhaupt keine Daten.

Es ist den lokalen Regierungen hoch anzurechnen, dass sie einfach mal mutig mit der Geothermie angefangen haben. Aber es ist relativ unwissenschaftlich. Es bräuchte einen Masterplan, um gemeinsam herauszufinden, wo man möglichst gefahrlos und effizient die ersten Versuche wagen kann. Nicht dass aus lauter Energiewendeeifer tödliche Fehler gemacht werden, die den Ruf der Geothermie auf ewig vernichten.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Vorsicht vor zu viel Geothermie-Eifer aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr