Nr. 04/2015 vom 22.01.2015

Lieber anonym als privat

Die privatwirtschaftliche Überwachung wird immer unheimlicher. Wer weiss noch, was andere über sie oder ihn wissen?

Von Roland Fischer

Wir haben die Schlacht um die Privatsphäre verloren. Also brauchen wir einen neuen Kampfbegriff: die Anonymität. Auch die ist bedroht, und um sie lohnt es sich wirklich zu kämpfen. Dagegen die Privatsphäre: Die Schwammigkeit des Begriffs hat nur noch jenen in die Hände gespielt, die sie sowieso schon für hinfällig hielten. Was beschreibt sie? Gilt sie absolut, oder muss sie immer neu verhandelt werden? Wer schützt sie, und mit welchen Mitteln? Im juristischen und philosophischen Gewühl verliert man rasch den Überblick und denkt: Was solls.

Die Anonymität hingegen ist für unser Zusammenleben zentral. Sie bedeutet viel mehr, als vermummt zu demonstrieren oder unerkannt einen Hackerangriff zu starten. Vieles, was wir an Freiheiten als selbstverständlich erachten, beruht darauf, dass wir unsere Identitäten und damit alle weiteren persönlichen Details nicht kennen, wenn wir uns begegnen – und dass wir selber darüber entscheiden, wie viel von uns wir jeweils offenbaren. Diese gesellschaftliche Grundlage gerät derzeit durch technische ebenso wie politische Entwicklungen ins Wanken, und alle versammelten DatenschützerInnen der Welt können dagegen nicht viel tun. Zum Beispiel bei der Gesichtserkennung: In manchen Warenhäusern – auch in der Schweiz – wird man bereits beim Haupteingang automatisch mit einer schwarzen Liste von Ladendieben abgeglichen – kein Untertauchen in der Masse mehr.

Noch viel weniger geht das online. Digitale Geschäftsideen beruhen fast durchwegs darauf, dass möglichst viele Informationen über uns gespeichert und miteinander kombiniert werden – und bei Gelegenheit auch gern ausgetauscht beziehungsweise weiterverkauft werden. So wird es zum Beispiel möglich, in Onlineshops flexible Preise anzubieten, abgestimmt auf die algorithmisch errechnete 
Dicke des Portemonnaies der NutzerInnen. Man nennt das «surveillance as social sorting»: die 
Überwachung als sozialer Klassifikationsapparat – daraus folgen 
nicht nur ganz neue Geschäfts-, 
sondern auch Diskriminierungsmöglichkeiten.

Klar, dass das umso besser funktioniert, je genauer die privaten Datenbanker wissen, wer wir sind. Und so richtig interessant ist das Geschäft mit den Daten erst, wenn Online- und Offline-Identitäten kombiniert werden – wenn die Datensammler nicht nur die Computernutzerin XY kennen, sondern auch ihre Adresse und ihre Gehaltsklasse. Eine ganze, am liebsten diskret operierende Branche arbeitet genau darauf hin; noch kennt kaum jemand die Namen der global agierenden Datenbroker wie Acxiom oder Experian.

Angesichts dieser privatwirtschaftlichen Überwachung lachen sich die staatlichen Geheimdienste ins Fäustchen: Sie brauchen bloss die Informationen der grossen privaten Datensammler abzugreifen, die National Security Agency (NSA) hat es vorgemacht. Der zwanglose Zugriff ist bis heute gewährleistet, weil die Gesetzgeber die entsprechenden Kompetenzen erteilt und auch die grossen Firmen sich gefügt haben – es gibt da durchaus einen ideologischen Gleichklang, was die komplett transparente Gesellschaft angeht. Auch wenn das Silicon Valley seit den Snowden-Enthüllungen aufzubegehren begonnen hat.

Gerade in sicherheitspolitisch erschütterten Zeiten müssen wir dafür sorgen, dass uns nicht pauschal alle Möglichkeiten zum Unerkanntsein genommen werden – mit politischen Vorstössen und digitalen Versteckspielen, das heisst mit einfach zu bedienender Verschlüsselungstechnik für alle. Es muss einen Aufwand bedeuten, die Anonymität aufzuheben, es muss bedeuten, eine juristische und gesellschaftliche Hürde zu überwinden. Rechtfertigen sollen sich diejenigen, die diese Hürde überwinden, nicht diejenigen, die sie bewahren wollen.

Wenn wir jetzt nicht um unsere Anonymität kämpfen, dann tun wir bald alles, was wir tun, im grellen Scheinwerferlicht (und merken es nicht einmal). Ausser wir lassen uns zum Schein auf den faulen Deal ein: Okay, ihr könnt unsere Privatsphäre haben – wir verbarrikadieren uns dafür im Schutz der Anonymität.

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