Nr. 06/2015 vom 05.02.2015

Nächster Halt: Schweiz

Ein Zug an der Zigarette, viele Züge vor dem Fenster: Der Schriftsteller Pedro Lenz lebt und arbeitet in Olten, direkt an den Gleisen der SBB, wo das Rollmaterial seiner Sprache den Rhythmus gibt. «Fahre, mis Läbe isch fahre, fiu, fiu fahre, immer witer dur das ewigi Mittelland, Schwizerland, Aggloland, Raclette-Schüfeli-Mittelland», rhapsodiert Lenz, für den das Pendeln nicht nur Lebensgrundlage, sondern auch Lebenshaltung ist.

Der Film «Mitten ins Land» von Enrique Ros und Norbert Wiedmer führt in eben dieses gestaltlose Eisenbahnland, von dem man nicht genau weiss, wo es anfängt, wo es aufhört. Immer mit dabei WOZ-Kolumnist Lenz, der von Lesung zu 1.-Mai-Rede reist und dabei beobachtet, zuhört, aufschnappt. «Luft hole und öppis us der Luft usehole», sagt Lenz, der sich wie die Filmemacher für die kleinen, aber typischen Geschichten aus der Mitte der Schweiz interessiert.

So folgt der Film bekannten und unbekannten Gesichtern: SP-Nationalratskandidat Cédric Wermuth, der seine WählerInnenschaft hinter sich sammelt, oder Lokomotivführerin Jeannine Kiefer, die ihre Verantwortung leicht, aber nicht leichtfertig trägt. Die Geschichten sind nur lose miteinander verknüpft, doch findet «Mitten ins Land» immer wieder interessante Anschlüsse: vom Grümpelturnier zu Fussballstar Gökhan Inler, vom Littering zur giftigen Mondlandschaft der Sondermülldeponie Kölliken.

«Mitten ins Land» besteht aus vielen Nebengleisen, und wo der Übergang zwischen den Erzählsträngen holprig zu werden droht, hilft Lenz mit seinen Texten als Weichenwärter. Der etwas zerfahrene Eindruck ist gewollt, porträtiert der Film doch eine widersprüchliche Schweiz, zwischen Kollektivgesellschaft und Einzelbillett. Die Reise endet mit einem Tango: nicht mit dem gleichnamigen Tram von Peter Spuhlers Stadler Rail, sondern mit dem Tanz, der zusammen- und aneinander vorbeiführt und sich dabei immer im Kreis dreht.


Ab 5. Februar 2015 in den Kinos.

Hannes Nüsseler

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch