Nr. 07/2015 vom 12.02.2015

Islamismus ohne Koran und Prophet

Michel Houellebecqs jüngstes Werk ist nicht die befürchtete oder erhoffte Skandalisierung des Islam. Es zeigt vielmehr, wie sich kulturelle Hegemonie herstellen lässt.

Von Erich Keller

Viel wurde spekuliert über Michel Houellebecqs neuen Roman «Soumission» (deutsch: «Unterwerfung»). Verschwiegene Teams hatten im Geheimen an der Übersetzung gearbeitet, nichts vom Inhalt durfte vor Veröffentlichung nach draussen dringen. Doch wer glaubte, die Religion (oder ihre aufgeklärte Schwester, die Blasphemie) spiele eine zentrale Rolle, wird enttäuscht: Es geht letztlich ziemlich aufgeklärt zu und her in «Unterwerfung». Nüchtern legt Houellebecq in seiner Fiktion die politische Anatomie eines möglichen zukünftigen, aufgeklärten und westlichen Islamismus frei.

Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: Im Frankreich der nahen Zukunft steht kurz vor den Wahlen der Front National in Umfragen als stärkste Partei da. Um den Sieg des Front zu verhindern, koalieren die auf Platz zwei liegende Linke, die beinahe gleich starke Bruderschaft der Muslime, die Partei der französischen Moslems, und die bürgerliche UMP. Nun aber kippt das Kräfteverhältnis: Wenige Prozentpunkte mehr für die Bruderschaft als vorausgesagt, und schon wird alles anders. Die Mehrheitsarithmetik der parlamentarischen Demokratie ist gnadenlos. Kaum ist der muslimische Präsident Mohamed Ben Abbès installiert, zeigt sich die Bruderschaft, zuvor moderat, als islamistisch. Ihre Ziele sind der Umbau des französischen Staats und die Islamisierung Europas. Nichts und niemand steht diesen Zielen mehr im Weg – der liberale Staat ist über Nacht weggewischt, an seiner Stelle entsteht eine totalitäre Theokratie.

Die islamistische Revolution schildert Houellebecq als unvermeidliches Resultat einer morschen Demokratie. Wer sie angreift, wird siegen. Selbst die erklärten GegnerInnen der Islamisten und des Islam überhaupt knicken nach einem kurzen Bürgerkrieg ein. Die Parteien, die Zivilgesellschaft, sie alle danken schweigend ab, und auch die vierte Kraft im Staat, die Medien, schwenkt rasch um. Auch die linksliberale «Libération» geht den staatlichen Verheissungen einer neuen, vermeintlich solidarischen Wirtschaftsordnung auf den Leim. Ja, selbst der Papst lobt den sogenannten Distributismus, den die Islamisten als sozial gerechtes Ökonomiemodell propagieren.

Lockende Polygamie

Das neue Regime soll aber keineswegs – dieser historische Vergleich wird in Rezensionen des Romans oft gezogen – als Pendant zu Vichy-Frankreich gesehen werden. Es ist keine Besatzung, die sich über Frankreich legt und sich mittels brutaler Gewalt hält. Im Gegenteil ist die Übernahme beinahe friedfertig, und vor allem ist sie total. Keine Résistance weit und breit, denn längst war die französische Gesellschaft auf das Kommende vorbereitet, wie aus einem Lehrbuch Antonio Gramscis über das Erringen einer erfolgreichen kulturellen Hegemonie.

Die Frauen, Hauptbetroffene des Regimes, treten in «Unterwerfung» in einer einzigen Rolle auf, der von vollkommen Unterworfenen. Stumm und passiv werden sie im Planspiel herumgeschoben. Und doch lohnt es sich, diesen Aspekt im Auge zu behalten. Erzählt wird die Geschichte nämlich aus der Sicht des Literaturwissenschaftlers François, eines Experten für das Werk des Décadence-Schriftstellers Joris-Karl Huysmans. Dieser konvertierte im späten 19. Jahrhundert zum Katholizismus, von den Verhältnissen seiner Zeit angewidert.

Ob am Ende von «Unterwerfung» auch François konvertieren wird – zum Islam, freilich – bleibt offen. Nach der Machtübernahme zunächst seines Professorenpostens enthoben, bietet ihm der neue Präsident der Sorbonne, der charismatische Robert Rediger, die Wiedereinstellung an. Bedingung ist die symbolische Unterwerfung unter die neuen Gesetze. Und das ist der Kern von Houellebecqs Roman: Es geht nicht darum, dass François widerrufen müsste. Kein religiöses Bekenntnis wird von ihm verlangt, einzig die patriarchalischen Verheissungen des neuen Regimes soll er annehmen. Gänzlich diesseitig locken Reichtum und Polygamie.

In Houellebecqs Zukunftsroman macht der politische Islam jene moderne Aufklärung durch, die er als buchstabengetreue Offenbarungsreligion bislang verweigert hat. Bezeichnenderweise hat der Autor dem zentralen, fünften Kapitel ein Zitat vorangestellt, nämlich einen Ausspruch Ajatollah Chomeinis: «Wenn der Islam nicht politisch ist, ist er nichts.»

Houellebecq schraubt in «Unterwerfung» die Religion noch weiter runter, bis sie zu einer Art mystisch raunendem Kreationismus wird, einem metaphysischen Hintergrundrauschen. Denn Houellebecq weiss: Wenn religiöse Vorstellungen sich in irdische Belange einmischen, geschieht dies nicht in theologischen Seminaren und mittels buchstabengläubiger Hermeneutik, sondern mit Politik und Krieg. Davon handelt «Unterwerfung».

Für die natürliche Selektion

Es ist in dieser postreligiösen Fiktion nicht einmal mehr der Koran, aus dem die neuen Machthaber ihre Legitimation bezögen. Der Sorbonne-Professor und zukünftige Aussenminister Rediger hat ein zum Bestseller gewordenes Buch mit dem Titel «Zehn Fragen zum Islam» verfasst, einen islamistischen Katechismus fürs Volk. Rediger offenbart im Gespräch mit dem orientierungslosen, aber mit Friedrich Nietzsches Atheismus geimpften Literaturwissenschaftler François, worum es wirklich geht: Das neue Frankreich ist eine sozialdarwinistische Gefälligkeitsdiktatur für Männer.

Nur eine ungleiche Verteilung des Reichtums, erklärt Rediger, könne die «Zufälle der Genetik» aushebeln. «Die natürliche Selektion», so der Professor, «ist ein universelles Prinzip, das für alle Lebewesen gilt.» Aus diesem Grund müssten die Eliten ihre Reproduktion sicherstellen – dafür sei die Polygamie da. Je reicher, desto mehr Frauen. Keine religiöse, sondern eine biologistische und damit «westliche», europäische Begründung für die Vielehe ist das.

Nun ist «Unterwerfung» bloss ein Roman und dazu noch einer, der in der Zukunft spielt. Doch gerade dystopische Literatur kann den Finger auf wunde Stellen legen. Ein gelungener Zukunftsroman wird sich irgendwann als hochsensible Seismografie entpuppen. Oder als paranoide Schauergeschichte, vielleicht, weil der Roman selbst als Menetekel funktioniert und Einfluss auf den weiteren Gang der Geschichte genommen hat. Am bekanntesten ist die Metapher des Big Brother aus Orwells «1984», die sich wiederholt angeboten hat, um staatlich gelenkte Überwachung zu kritisieren. Vielleicht gilt dies auch für Michel Houellebecqs «Unterwerfung», eine Dystopie über die Verwestlichung des Islamismus. Wer kann das heute schon sagen.

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