15.04.2004

Der nützliche Islamist

Zur Installation der neuen Weltordnung gehört die Herstellung des Feindes. Doch der «Krieg der Kulturen» wäre der Tod jedes emanzipatorischen Projekts.

Von Oliver Fahrni

In «Globalia», dem jüngsten Roman von Jean-Christophe Rufin, einer orwellschen Vision des Empire, sagt der oberste Staatsschützer zu seinen Planern: «Früher haben wir Feinde gesucht und sie aufgepumpt, bis sie eine angemessene Bedrohung darstellten. ... Heute geht es nicht darum, einen Feind zu entdecken, sondern ihn herzustellen. Von Kopf bis Fuss. Kurzum, das Problem auf industrielle Weise zu lösen. Faszinierend, nicht?»

Pikant, weil Rufin als Kenner schreibt. Mitte der neunziger Jahre, als in der Pariser Metro Bomben explodierten, angeblich von algerischen Islamisten gelegt, war er aussenpolitischer Berater des französischen Verteidigungsministers. Rufin, Arzt, Mitbegründer von Ärzte ohne Grenzen und, schon 1991, Autor des bahnbrechenden Essays «L’Empire et les nouveaux barbares», glaubte (privat) nicht an die Islamisten-These. Er verdächtigte den algerischen Geheimdienst. Wahrscheinlich hatte er gute Quellen. Aber die Version von den bombenden Islamisten steht heute in den Geschichtsbüchern.

So besehen ist das amerikanische Kriegsregime im Irak ein durchschlagender Erfolg. Zwar fürchtet der Bush-Clan um die Wiederwahl seines Präsidenten seit Falludscha brennt und Muktada as-Sadrs Schiiten rebellieren. Verstört sehen die AmerikanerInnen auf der ersten Seite der «New York Times» Bilder wie jenes vom GI, der einen toten Kameraden im Bodybag auf der Schulter trägt. Der Irak sei Bushs Vietnam, hofft Ted Kennedy, Überlebender des Kennedy-Clans. Aber die Plünderung läuft. Wer im Irak überleben will, muss sich den Amerikanern oder Briten andienen. Baath-Partei, Armee und andere Institutionen sind zerschlagen. Die provisorische Regierung ist ein Popanz. Überhaupt ist die irakische Gesellschaft so umgerührt, dass die US-Streitkräfte und ihre Söldner auf Jahre hinaus die einzige ordnende Macht bleiben werden, die das Spiel der Kräfte zwischen alten und neuen Eliten, Exilirakern und internem Widerstand, zwischen Schiiten, sunnitischen Arabern und Kurden regulieren. Syrien duckt sich. Der Iran ist umzingelt. Ariel Scharon kann in Ruhe die Palästinenserfrage liquidieren. Die Vereinten Nationen sind zu niederen Arbeiten verdonnert, also historisch tot. Auch im Nahen Osten nimmt das Empire Gestalt an.

Wenn nun, nach dem Blutbad von Madrid, auch die früher leicht widerspenstigen Chiracs und Schröders in Washington den atlantischen Schulterschluss beschwören, übersehen sie, dass dieser «Krieg gegen den Terror» in Wahrheit eine formidable Maschine zur Herstellung von Terror ist.

Die industrielle Produktion des muslimischen Feindes kommt, nach kleineren Feldversuchen in Afghanistan und anderswo, endlich auf Touren. Von Saddam Hussein befreit zu werden, erleichterte die meisten IrakerInnen. Die Überfälle in den ersten Monaten nach dem Sturz des Blutherrschers waren das Werk von Saddam ergebenen Milizen oder von Gruppen wie Al-Ansar in Kurdistan. Längst aber radikalisiert die Erfahrung mit dem Besatzer auch viele frühere Feinde Saddams. Manche gebärden sich, wie es von Ohnmächtigen erwartet wird: wild, furchteinflössend und brutal; sie brandschatzen, schänden Leichen, nehmen Geiseln, unter lautem Absingen von Allahu-akbar-Rufen und Beschwörungen des Dschihad. Vorteilhaft, dass sie dies mit Vorliebe vor laufenden Kameras tun. Gute Monster.

Männer der US-Rechten wie Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz, der Kriegsherr im Kabinett von Bush, hatten den Islamismus schon am Ende des Kalten Krieges zum neuen Hauptfeind erkoren. Sie betreiben den Umbau der alten Weltordnung zum Empire globalisierter Eliten. Dieser Umbau muss erzwungen werden. Das geschieht durch die Inszenierung eines permanenten Ausnahmezustandes.

Aber schiere Gewalt kann das nicht richten. Bevor Ölfelder und Regierungspaläste besetzt werden, müssen die Köpfe geentert werden. Der Krieg der Kulturen, von Samuel P. Huntington («The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order», «Muslim Wars») in Anlehnung an Oswald Spengler und Arnold Toynbee formuliert und von zahlreichen Autoren variiert, ist die ideologische Blaupause des neuen Imperialismus.

Huntingtons Theorie (die er im März mit einem Angriff auf die Latino-EinwanderInnen rundete) spricht alle Ängste einer postmodernen, postfordistischen Welt an. Globalisierung, schwankende Identität, Kultur, Invasion der Barbaren, Islam, zivilisatorischer Niedergang ... Künftige Konflikte, behauptet er, würden nicht mehr um Ressourcen oder Besitz geführt, sondern um kulturelle Werte. Das soll dreierlei zeigen: Die westliche Zivilisation ist führend, mehr: Sie verkörpert, in Anlehnung an Francis Fukuyama, das Ende der Geschichte. Das macht alle anderen zu Barbaren – natürlichen Feinden der Zivilisation. Gewalt gegen diese ist Pflicht, weil zivilisatorische Mission (also eine Art westlicher Dschihad). Interessant: Im Vorbeigehen schrammt Huntington einen anderen rechten Glaubenssatz, wonach der freie Markt Demokratie nach sich ziehe. Falsch, meint Huntington. So müssen denn Markt, American Way of Life und Menschenrechte gleichermassen mit Gewalt durchgesetzt werden.

Das Herrenmenschen-Programm war schon vor dem 11. September 2001 Mainstream in US-Politik und -Medien. Paul Wolfowitz’ Gruppe, versammelt in der Regierung und im Project for The New American Century (PNAC), schmiedete aus Huntington, Carl Schmitt, Leo Strauss et cetera eine Theorie für den globalen Bürgerkrieg. Sie sehnten den 11. September herbei, verglichen die Attacke frohlockend mit Pearl Harbor. Einige neurechte Denker Europas wie Alain Finkielkraut schwenkten darauf ein («Ich bin ein Soldat der Zivilisation»), andere Köpfe beharrten vorerst darauf, Erkundungen über die Gründe des Konfliktes mit den Islamisten einzuziehen, die Verhältnisse und die Geschichte zu befragen. Lange hielt diese Anstrengung nicht an.

Im März, nach dem Massaker von Madrid, schwoll der Chor der Kulturkrieger auch in Europa zum Getöse an. Furcht vor einem unkenntlich gewordenen Gegner und alte, dramatische Feindschaften mischten sich mit der Empörung darüber, dass die wirkliche Welt, der Alltag der Menschen von Kinshasa, Grosny oder Kalkutta, über den Westen gekommen ist. Das Denken erlitt einen Ermüdungsbruch. Nicht mehr verstehen wollen, nicht mehr denken müssen. Endlich wieder Eindeutigkeit, ein Feind, eine bipolare Welt, geschieden in Gut und Böse. Den eigenen Hass geniessen und das «Glück, ein Vasall zu sein» (Titel eines «Zeit»-Essays). Dazugehören, zur überlegenen Zivilisation, der man eben noch ihre neue Kälte und Gewalt, Entmenschung und wachsende Prekarität vorgehalten hatte.

Oft bemäntelt, manchmal krude, tourt auf allen Kanälen die Kriegsmaschine: Der Islam sei mittelalterlich. Stehe gegen die Moderne. Gewalt sei in dieser Religion angelegt. Die muslimische Welt neide uns Freiheit, die Islamisten wollten die Demokratie zerstören. Sie seien fanatisch, nihilistisch, irrational. Sie verstünden nur Gewalt. Und immer wieder der Dreisatz: Ein Muslim ist ein Islamist ist ein Terrorist.

Dass sogar das Leibblatt deutschsprachiger Intelligenz mit dem Bankrott des Denkens wuchert, offenbart den rasanten Zerfall unserer Öffentlichkeit. «Nennen wir es nicht ’Islamismus’, sondern ’Faschismus’», schreibt «Zeit»-Chefredaktor Josef Joffe in einem Editorial, das von keiner Kenntnis über die muslimische Welt getrübt wird. Er trommelt zum Krieg und vergleicht die ausgebombten Züge von Madrid en passant mit KZs. Das kommt gut an, verfasst von einem Vertreter jenes Kontinentes, der gerade das blutigste Jahrhundert der Menschengeschichte angerichtet hat, sechs Millionen Juden ermordete, zwei Weltkriege anzettelte, noch 1974 Kolonialkriege in Afrika führte, die Welt mit Sklaverei, Kolonialismus, Apartheid und Hunger überzog und auch seither bei manchem Massenmord zündelt (die Franzosen versuchen gerade, ihre Beteiligung am Genozid in Ruanda 1994 zu schönen).

Das haben die Köpfe anderer Weltgegenden an uns Europäern schon immer bestaunt: diese Fähigkeit zur Unschuld, dies schnelle milde Vergessen.

Der Islamismus wird aus jeder sozialen und politischen Wirklichkeit ausgeklinkt, auf Gewalt reduziert und als eine der Zivilisation fremde Einheit betrachtet. Kurzum: Der Islamismus ist der Feind.

Merkwürdig, denn schon auf den ersten Blick in die wirkliche Welt lässt sich erkennen, dass es zwischen al-Kaida und den Islamomarxisten in Rabat, zwischen den Taliban und der liberal-islamistischen FIS Algeriens (oder der tunesischen al-Nahda), zwischen saudischen Wahhabiten und dem linken Flügel des iranischen Klerus, zwischen salafistischen pakistanischen Desperados in London und ihren Sufi-Brüdern zuhause, zwischen dem gemässigten tadschikischen PRI (oder jordanischen Moslembrüdern) und indisch-pakistanischen Radikalen der Deobandi-Bewegung, zwischen ägyptischem Dschihad und ägyptischer Moslembruderschaft, zwischen libanesischer und anatolischer Hisbollah, zwischen palästinensischer und algerischer Hamas, zwischen der türkischen Refah und den marokkanischen Attentätern von Madrid kaum Gemeinsamkeiten gibt – es sei denn die Referenz an den Koran und seine Auslegungen in den «Hadith» (sogar Letztere sind umstritten). Und vielleicht eine wachsende Animosität angesichts westlicher Hegemonie. Diese Gruppen teilen weder dieselbe Vorstellung von der richtigen Gesellschaft und der Rolle der Religion noch stimmen sie in Fragen der Moral, der Stellung der Frau, der Demokratie oder der Anwendung von Gewalt überein. Sie divergieren in allen wichtigen sozialen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Fragen. Manche beteiligen sich an demokratisch gewählten Regierungen, andere versuchen, jedes Menschenrecht auszurotten. Einige suchen ihre Nationen zu modernisieren, andere möchten sie in die vermeintlich glücklichen Zeiten der ersten Kalifen zurückführen. Den grossen Feind Islamismus, wie wir ihn uns vorspiegeln, gibt es nicht.

Doch warum sollten wir uns die Mühen der Ebene machen und dieses Nebulöse des Islamismus erkunden? Immerhin bomben radikale Gruppen, und diese Männer führen erkennbar weder Demokratie noch eine offene Gesellschaft im Schilde. Ausreichend für eine plausible Feindschaft, so scheint es.

Ein paar egoistische Gründe und ein elementarer Einwand sprechen gegen die Unterlassung. Lassen wir uns auf den amerikanischen Krieg der Kulturen ein, brennen nicht nur die Vorstädte von Lyon oder London, Berlin oder Rom. Das Leben würde schnell unerträglich, Rassismus, ethnische Zerwürfnisse und Gewalt wären programmiert.

Schwerer aber wiegt: In der Auseinandersetzung mit dem radikalen Islam wird das Empire installiert. Sie ist zugleich der Hebel, die westlichen Gesellschaften zu militarisieren, Bürgerrechte zu kippen, eine autoritäre Ordnung zu errichten–- der Sicherheit zuliebe. Der Krieg der Kulturen wäre der Tod jeden emanzipatorischen Projekts.

Frankreichs Linke hat das erkannt. Im deutschsprachigen Raum dagegen sind noch nicht einmal die wichtigsten Bücher der Islamismus-Forscher übersetzt (von Gilles Kepel abgesehen). Die Materie scheint unappetitlich, unserem Verständnis entzogen.

Ach was. Es genügt, die üblichen Instrumente politischer Analyse an den Islamismus zu legen. Der Islamismus ist keine religiöse Spielart, sondern eine Form politischer Organisation. Ein gläubiger Muslim richtet sein Leben nach den Regeln des Korans ein. Zum Islamisten wird er, wenn er ein politisches Projekt auf diese muslimischen Referenzen packt. Er kann also Islamist sein und zugleich die eigene religiöse Praxis gering schätzen. Die meisten Islamis-tenchefs sind schlechte Theologen. Warum begründet der Islamist sein Vorhaben nicht sozialistisch, ultraliberal, nationalistisch, radikaldemokratisch? In den arabischen, türkischen, afrikanischen und zunehmend auch asiatischen Nationen der muslimischen Welt ist ein weit verbreitetes Phänomen zu beobachten, die Drei-Generationen-Regel: Der Grossvater kämpfte als Nationalist für die Befreiung von Kolonialherrschaft, der Vater war Sozialist, der Sohn ist Islamist. Wie kommt das? Quasi sämtliche politischen Systeme der muslimischen Welt sind autoritär – Monarchien (Marokko, Jordanien, Saudi-Arabien), Militärdiktaturen (Algerien, Syrien, Ägypten, der alte Irak, Türkei, Sudan), die wenigen Islamischen «Republiken» (Iran, Mauretanien). Die autoritäre Herrschaft stützt sich in der Regel auf traditionell, oft feudal verfasste Gesellschaften, Klientelismus et cetera. Demokratische, sozialdemokratische, kommunistische Bewegungen werden unterdrückt.

Sich muslimischer Referenzen zu bedienen war ab den siebziger Jahren eine Möglichkeit, einen politischen Raum zu öffnen. Fast alle islamistischen Bewegungen der ersten Generation suchten den Sturz ihrer Herrscher, nicht die Konfrontation mit dem Westen. Doch auch viele Machthaber bedienten sich dieser Referenz (der marokkanische König etwa nennt sich «Führer aller Gläubigen»). So wurde das politische Feld zunehmend islamistisch definiert, mit Gruppen, die von Islamischer Linke bis zu Islamischen Faschisten reichen. Will heissen: Der politische Streit wird wie in vergleichbaren nichtmuslimischen Ländern ausgefochten, aber in einem nicht-europäischen Referenzsystem. Beispiel Saudi-Arabien: Während das mit den USA verbündete Königshaus derzeit das wohl brutalste fundamentalistische System ist, samt Scharia, Händeabhacken et cetera und einen wahhabitischen, fundamentalistischen Islamismus in die ganze Welt exportiert, kämpfen radikalislamistische schiitische Gruppen im Königreich für Menschenrechte und Demokratie – und werden dafür unterdrückt. Da versagt die simple westliche Lesart. Die säkularen Gruppen kamen dabei zunehmend unter die Räder, könnten aber in vielen Ländern wieder eine stärkere Rolle spielen.

Denn dreierlei Entwicklung hat im letzten Jahrzehnt den politischen Islam von Grund auf verändert. Zum einen scheiterten die linken Islamisten – wie die linken Bewegungen in weiten Teilen der Welt: Die konservativen, fundamentalistischen Kräfte hielten die Macht. Zugleich scheiterte das Projekt Islamische Republik – der Islamismus ist, das scheint die gegenwärtige Entwicklung des Iran zu zeigen, allenfalls eine (vielleicht notwendige) Übergangsphase dieser Gesellschaften zu einem säkularisierten Raum. Schliesslich, und dies hat hohe Sichtbarkeit, hat sich der Islamismus unter diesem doppelten Scheitern in eine Vielzahl von Bewegungen aufgesplittert und, in einzelnen Fällen, zugleich internationalisiert.

Die Büchse der Pandora öffneten die Amerikaner, als sie Zehntausende von Islamisten ausbildeten und bewaffneten, um sie gegen die Sowjets in Afghanistan zu schicken. Gleichzeitig förderten sie (und fördern teilweise heute noch) im Verbund mit den Saudis und der pakistanischen Militärdiktatur neofundamentalistische Bewegungen im ganzen geopolitisch wichtigen Gürtel zwischen Nahost und China. Ein Teil dieser Neofundi-Gruppen wendet sich heute gegen ihre früheren Förderer. Und die muslimische Welt bezahlt einen hohen Preis für den Fluch des Erdöls und dafür, dass sie das strategische Scharnier zwischen China, Russland und USA bildet.

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