Nr. 08/2015 vom 19.02.2015

Aus den Zeiten der Anormalen

Im Heim soll zurechtgerückt werden, was verbogen ist. Eine historische Studie zeigt, wie verhaltensauffällige Jugendliche abgerichtet wurden.

Von Stefan Howald

Jugendliche sind in der Schweiz immer wieder weggesperrt worden. Aktuell wird der Skandal um die Verdingkinder aufgearbeitet, früher hatten wir die «Kinder der Landstrasse». Und dann gab und gibt es natürlich die Erziehungsheime. Der Historiker Wolfgang Hafner legt dazu ein Buch vor, das der Geschichte der Heim- und Sonderpädagogik ab 1920 bis in die achtziger Jahre nachgeht.

Die Studie ist ein Auftragswerk des Fachverbands Sozial- und Sonderpädagogik (Integras). Einst, bei der Gründung 1923, hiess dieser noch Schweizerischer Verband für Schwererziehbare und war ein Unterverband der Schweizerischen Vereinigung für Anormale.

Und das waren diese Kinder damals auch. «A-normal», nicht den Normen entsprechend. So wie andere Schichten der Gesellschaft, die den gutbürgerlichen Verhältnissen gefährlich werden konnten. Hafner stützt sich ausführlich auf Verbandsprotokolle und Schriften der führenden Schweizer Sonderpädagogen (und ganz wenigen Sonderpädagoginnen) ebenso wie auf literarische Verarbeitungen ehemaliger HeiminsassInnen. So zeigt er, wie eine gesellschaftliche Abrichtung geschehen sollte: mittels Religion, Arbeitsregime, Reglementen und Strafen. Dabei lassen sich allerdings bald zwei Richtungen feststellen: eine direkt autoritäre und eine, die Eingliederung zu erlangen sucht, indem die Jugendlichen selbst ihre eigene Unzulänglichkeit einsehen sollten.

Die «Königreiche» der Heimleiter

Hafner skizziert sowohl wichtige pädagogische Vordenker ebenso wie die Strukturen des Heimwesens. Das Heim erscheint als «Königreich» der Heimleiter, was selbst Reformansätze in eine hierarchische Struktur einbindet. Das Buch demonstriert das Verhältnis und die Bedeutung der Verbände und der Wissenschaften zur Heimpraxis. Und es spürt detailgenau Verschiebungen nach. Begriff und Konzept der ursprünglichen «Heilpädagogik» zum Beispiel sind religiös geprägt und auf die Bekehrung des vereinzelten Individuums gerichtet, die neuere «Sonderpädagogik» ist mit ihrer Konzentration aufs Soziale zutiefst ambivalent: Einordnung in die Volksgemeinschaft oder Erziehung zur selbstständigen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft.

Kürzer geraten sind die Kapitel über «Nachkriegsjahre und Aufbruch» sowie die Infragestellung des Heimkonzepts im Gefolge der Achtundsechzigerbewegung. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzten bald eine Systematisierung und Professionalisierung ein. Mehr staatliches Geld bedeutete mehr staatliche Kontrolle. Ab Anfang der fünfziger Jahre wurde statt der strikten Abrichtung des Einzelnen dem Gemeinschaftsleben mehr Bedeutung zugemessen. Zugleich stellte sich die alte Frage neu, ob das Mittel des Arbeitszwangs zur Besserung reicht oder ob es weitere Betreuung braucht.

Manager oder Fachleute

Mit dem Aufbruch der Achtundsechziger geriet das ganze Heimkonzept in die gesellschaftliche Krise. Die sogenannte Heimkampagne von 1970/71 ermutigte Jugendliche, aus den Heimen auszubrechen, oszillierte dabei allerdings zwischen grundsätzlichem Angriff auf die Institution Heim und progressiven Reformansätzen. Etwas überraschend spricht Hafner bereits für die siebziger Jahre von einem «Paradigmenwechsel von Grundwerten bei der Erziehung und auch des Menschenbildes». Doch das geht in unterschiedliche Richtungen: Einerseits werden Heimleiter zu Managern ihrer Betriebe; andererseits öffnet sich der Raum für den Beizug psychoanalytisch geschulter Fachleute. Insgesamt ergibt sich eine Verbreiterung der Möglichkeiten. Dazu hätte man sich als Leser durchaus noch mehr gewünscht.

Hafners Buch ist ungemein reich an Details und Analysen. Dieser Reichtum ist gelegentlich ein Problem. Der Autor skizziert die sozioökonomische und politische Situation, soziale Strukturen, gesellschaftliche Diskurse, und er bringt zahlreiche Beispiele und Einzelbelege. Doch die beiden Ebenen sind nicht immer zwingend miteinander verbunden. Hafner merkt verdankenswerterweise an, wenn er einen Kausalnexus nicht schlüssig belegen kann. Aber die Darstellung suggeriert zuweilen Eindeutigkeit, wo es nicht ganz so einfach ist, vor allem auch, wenn mit Belegen aus unterschiedlichen Zeiten gearbeitet wird. Das schmälert Hafners Verdienst bei der Aufarbeitung einer subkutanen Schweizer Disziplinierungsgeschichte nicht.

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