Nr. 45/2011 vom 10.11.2011

Aufwachsen ohne Familie

Die Art, wie mit internierten Kindern umgegangen wird, erzählt viel über das Menschenbild einer Epoche. Urs Hafner ist der Geschichte der damit verbundenen Projektionen, Theorien und Praktiken nachgegangen.

Von Wolfgang Hafner

Kinder und Jugendliche sind Projektionsflächen der Erwachsenen. Diesen Projektionen ausgeliefert sind vor allem Kinder und Jugendliche, die nicht in ihrer Herkunftsfamilie aufwachsen. Wer im Mittelalter etwa ohne Familie aufwuchs, fand sich einfach ins «Spital» ausgelagert. Dort lebten all jene, die auf die Barmherzigkeit der Gesellschaft angewiesen waren. Betteln war erlaubt, und wer als Reicher gab, erlangte die göttliche Gnade.

Mit der Reformation verlor die Armut ihren «Status» innerhalb des göttlichen Schöpfungsplans – die Arbeit, beziehungsweise Arbeitsfähigkeit, avancierte zu einem wichtigen Wert. Damit änderten sich auch die Vorstellungen über die Art und Weise, wie das Grossziehen von Kindern und Jugendlichen ohne Familie zu organisieren sei. Es ist diese Geschichte der Projektionen, der damit verbundenen Theorien sowie des Widerspruchs zwischen Realität und Vorstellungen, der Urs Hafner in «Heimkinder – Eine Geschichte des Aufwachsens in der Anstalt» fundiert nachgeht. Das Buch hebt sich wohltuend ab von subjektiven Erlebnisberichten sowie den oft sehr theoretischen, auf Michel Foucault basierenden Analysen über Überwachen, Strafen und Wegschliessen.

Religiös geprägte Vorstellungen

Hafner zeigt auf, wie zeitgebunden bestimmte Ausprägungen des Verhaltens waren. Meistens versuchten religiös ausgerichtete ErzieherInnen, die verloren geglaubten Jugendlichen mit einer negativen Pädagogik vom Müssiggang fernzuhalten: durch körperliche Züchtigung und andere Formen von Strafen. Eher selten gab es Perioden, in denen sich aufgeklärte PädagogInnen wohlwollend den Kindern und Jugendlichen näherten. Waren in den katholischen Anstalten vorwiegend Ordensschwestern für die Erziehung zuständig, versuchten reformiert-pietistische Einrichtungen, mit einem «Elternpaar» an der Spitze die ideale Familie zu reproduzieren. Da nach der Niederlage der katholischen Kantone im Sonderbundskrieg das Tätigkeitsfeld für katholische Organisationen eingeschränkt war, stürzten sie sich umso inbrünstiger auf die noch offenen Felder, zu denen auch die Heime gehörten. «Ora et labora» – bete und arbeite – blieb bis zur Heimkampagne der siebziger Jahre das Leitmotiv der Heime.

Im Zuge des grossen Bevölkerungswachstums und der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde es zunehmend üblich, elternlose Kinder und Jugendliche wegzuschliessen: Viele Heime waren jetzt Besserungseinrichtungen für Erwachsene angegliedert. Auf der andern Seite entstanden auch Anstalten im Grünen. Sie basierten auf der Idee, die (vorwiegend männlichen) Zöglinge könnten sich dort ungestört und in natürlicher Umgebung zu einem für die Gesellschaft tragbaren Mitglied entwickeln. In der Realität errichteten die Leiter oder Leiterehepaare oft eine von harten Strafen gezeichnete Tyrannei. Aufgeklärte PhilanthropInnen wollten diese Erziehungsanstalten, auf die sie durchaus stolz waren, lieber in den Zentren ansiedeln.

Projektionen und Sündenböcke

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfuhren die eher philanthropisch ausgerichteten Erziehungsideale eine zweite Blüte – vor allem in den Landerziehungsheimen für bessergestellte Zöglinge, vereinzelt aber auch in Erziehungsanstalten, in denen zunehmend straffällig gewordene Jugendliche untergebracht wurden. Doch die religiöse Verbrämung blieb auf allem haften. Erst mit der Heimkampagne und unter dem Druck der selbstbewusster gewordenen InsassInnen begann die religiöse Orientierung zu verblassen.

Hafners historische Analyse macht deutlich, wie umfassend der jeweilige «Zeitgeist» den Umgang mit einem verletzlichen Teil der menschlichen Gesellschaft prägt. Gerne noch mehr erfahren würde man über die Funktion der Projektionen in einer Gesellschaft, etwa über die des überhöhten Topos «Familie» in der Zwischen- und Nachkriegszeit. Und darüber, ob und wie die Gesellschaft, um diese Vorstellung zu bestätigen und zu legitimieren, Sündenböcke nicht nur benötigte, sondern auch produzierte.

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