Nr. 10/2015 vom 05.03.2015

Der Vandale hinter der Plexiglasscheibe

Von Stephanie Danner

Ein Aufschrei ging letzte Woche durch diverse Zeitungsfeuilletons: Hamburgs letzter Banksy zerstört! Unbekannte beschmieren «Bomb Hugger»! Achtung: Vandalen!

Was eine bereits zuvor über dem Graffito angebrachte Plexiglasscheibe nicht vermochte, das soll nun eine Holzkonstruktion rund um den exklusivsten Betonpfeiler Hamburgs leisten. Zumindest so lange, bis der Restaurator kommt. Ja, es wurde gar gefordert, den ganzen Pfeiler in sichere Gefilde zu verlegen.

Etwa zeitgleich wurde aus dem englischen Cheltenham vermeldet, dass der Banksy-Graffito «Spy Booth» – der im letzten Jahr auch durch eine Zerstörungstat bekannt wurde und «gerettet» werden konnte – vom Stadtrat unter Denkmalschutz gestellt wird. Die Polizei von Gloucestershire rief damals potenzielle AugenzeugInnen dieses «Akts von Vandalismus» auf, sich zu melden. Eine Satire, wie sie nur das Leben schreiben kann, denn ein Zitat, das Banksy zugeschrieben wird, lautet: «Man weiss ja, was der Hip-Hop mit dem Wort ‹Nigger› gemacht hat – ich versuche dasselbe mit dem Wort Vandalismus, nämlich, es zurückzubringen.»

Street-Art als Zurückeroberung des öffentlichen Raums, als Antagonismus zu Ikonen des Warenfetischs. Dabei ist Banksy längst selbst Marke geworden.

Was bedeutet es für einen Street-Art-Künstler, wenn seinen Werken der subversive, der temporäre und flüchtige Charakter durch so viel institutionelle Zustimmung und Konservierungswut entzogen wird? Was, wenn aus kritischer Haltung reiner Marktwert wird? Nun, die letzte Konsequenz könnte sein, dass Banksy wieder zum wirklichen Vandalen wird und selbst seine Werke übersprayt.

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