Nr. 11/2015 vom 12.03.2015

Von der Township auf die Bühne getanzt

Im südafrikanischen Katlehong ist der Alltag der Menschen von Armut und fehlenden Perspektiven geprägt. Die Filmerin Irene Loebell begleitete über mehrere Jahre die aus der Township stammende Tanzgruppe Taxido. Diese ist nun zu Gast in der Schweiz.

Von Stephanie Danner (Text) und Andreas Bodmer (Foto)

So geht der Pantsula-Tanz: Zephe Zwane von der Tanzgruppe Taxido begeistert an der Kantonsschule Wiedikon in Zürich die SchülerInnen mit Bewegungen aus den Townships.

Jerry Zwane steht mit dem Rücken zur Kinoleinwand. Gelbliches Scheinwerferlicht ist auf ihn gerichtet. Aus dem stillen Kinosaal sehen ihm neugierige Blicke entgegen. Soeben sind die letzten Szenen des Filmes «Life in Progress» der Dokumentarfilmerin Irene Loebell gelaufen. Es ist Zeit für Fragen und Diskussionen.

Jerry Zwane stellt sich dieser Situation mit einer bemerkenswerten Ruhe und Professionalität. Am Schluss sagt er: «Wir dürfen nicht darauf warten, dass irgendjemand die Veränderung zu uns bringt. Wir müssen selbst die Veränderung hervorbringen. Wir dürfen nicht ständig über unsere Vergangenheit nachdenken, sondern müssen uns eine Zukunft erschaffen.» Einen Moment lang herrscht Stille, dann applaudiert das Kinopublikum begeistert.

Auch Zephe Zwane, Venter Rashaba, Tshidiso «General» Mokoena und Teboho «Murder» Moloi – alle Mitte zwanzig – stehen im Scheinwerferlicht des Zürcher Alternativkinos Riffraff. Diese jungen Schwarzen leben in der südafrikanischen Township Katlehong und gehören zum Tanz- und Theaterkollektiv Taxido. Taxido steht für «Together-as-one Community Development Organisation». Jerry Zwane ist der Gründer der Gruppe und zugleich Tanzlehrer und enger Vertrauter seiner SchülerInnen. Die Schweizerin Irene Loebell hat ihn und einzelne Taxido-Mitglieder, die alle der ersten «frei geborenen» Generation nach der Apartheid angehören, über vier Jahre lang immer wieder mit der Kamera begleitet, hat die harte Lebensrealität der jungen Township-BewohnerInnen, aber auch ihren Zusammenhalt und ihre Leidenschaft für den Tanz dokumentiert. Aus dieser Zusammenarbeit ist eine Einladung in die Schweiz hervorgegangen, wo die fünf Gäste aus Südafrika nun für vier Wochen Tanzworkshops an verschiedenen Schulen geben.

Training unter widrigen Umständen

Loebell erzählt, dass es ihre ursprüngliche Absicht war, einen Film über Menschen zu machen, die das Apartheidregime als Heranwachsende noch am eigenen Leib hatten erfahren müssen. Eine Generation, für die es angesichts der Gräuel in ihrer Vergangenheit und vor allem wegen der immer noch herrschenden gravierenden Ungleichheit schwierig ist, einen Platz im demokratischen Südafrika der Gegenwart zu finden. Zwischen 1990 und dem endgültigen Ende des Apartheidregimes 1994 entstand in vielen Gegenden, gerade auch in den Townships der schwarzen Bevölkerung, ein Machtvakuum, das zu bürgerkriegsähnlichen Kämpfen führte. Die Township Katlehong war eines der Zentren dieser Auseinandersetzungen.

Loebells Recherchen führten sie an diesen Ort, zu Jerry Zwane und letztlich zu einer anderen Fragestellung: Wie ergeht es der ersten «freien» jungen Generation nach der Apartheid?

Jerry Zwane gehört mit seinen vierzig Jahren zwar anders als alle seine SchülerInnen nicht mehr dieser Generation an. Er selbst hat sich mit einer Vergangenheit auseinanderzusetzen, auf die er nicht stolz ist, die er aber auch nicht verschweigt. Wie viele andere in der Zeit der Unruhen brach Zwane die Schule ab und schloss sich den blutigen Kämpfen an, wurde gar Kommandant einer paramilitärischen Gruppe. Damals schien es für ihn fast unmöglich, wieder den Anschluss an ein ziviles Leben zu finden. Er schlug sich als Kleinkrimineller durch, trank zu viel und hatte keinerlei Perspektive.

Erst die Gründung der Tanzgruppe 2003 brachte die Wende in Jerry Zwanes Leben. Jetzt wollte er nicht nur sich, sondern auch anderen eine neue Perspektive verschaffen. Er hat eine Alternative zum Herumhängen auf der Strasse geschaffen, hat seinen SchülerInnen beigebracht, Verbindlichkeiten einzuhalten und Ziele zu verfolgen, die über den Kampf gegen Hunger und Elend hinausgehen. Der harte Kern der Gruppe trainiert täglich, oft unter widrigen Umständen und mit grosser Disziplin.

Zwane führt ein strenges Regiment. Nachlässigkeit beim Training wird schon mal mit einem Schlag auf die Innenseite des Unterarms bestraft. Zwane sagt, er müsse ein strenger Lehrer sein. «Wenn ich das nicht wäre, dann könnte ich das Projekt gleich aufgeben.» Eines ist ihm jedoch wichtig: «Ich wende nur körperliche Bestrafung an, solange es unbedingt notwendig ist. Wenn die Schüler bereit sind, hart zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen, dann höre ich damit auf.»

Stolz erzählen Jerry und seine Frau Zephe Zwane von der World Dance Championship, bei der sie sich 2013 in Kroatien auf den ersten Platz tanzten. Und tatsächlich kann die Gruppe immer mehr Erfolge feiern, wird an Festivals eingeladen, hat zahlreiche Preise gewonnen, und manchmal bringt das Tanzen auch ein bisschen Geld, das unter den fast dreissig Mitgliedern gerecht verteilt wird.

Auf sicherem Terrain

Im Kinosaal in Zürich stehen einige dieser Mitglieder nun fast ein wenig schüchtern im Rampenlicht. Gerade wurden ihre Lebensumstände einem Publikum in einem der reichsten Länder der Erde vorgeführt: die Armut, mit der sie schon ihr ganzes Leben lang zu kämpfen haben; die Hütten ohne Badezimmer, in denen sie sich mit Ungeziefer herumschlagen müssen; das tägliche Bangen um einen gefüllten Bauch. Fast wirken sie ein wenig steif.

Ganz anders durfte man sie noch zwei Tage zuvor erleben: Es ist Freitag, wir sind bei einem Tanzworkshop in einer Turnhalle der Kantonsschule Wiedikon. Eine Schar GymnasiastInnen ist in der Halle in vier Gruppen aufgeteilt. Ihre Blicke richten sich jeweils auf Tshidiso, Zephe, Teboho oder Venter. Mit grosser Energie und Schnelligkeit tanzen die Profis die Schritte vor, die die SchülerInnen nachzumachen versuchen – dies geschieht mit teils beeindruckendem Talent, da und dort auch mit der Ungelenkigkeit eines mitten im Wachstum steckenden Teenagerkörpers.

Was jedoch alle zu teilen scheinen, ist eine Begeisterung für diese Art des Tanzens. Die Teenager hängen an den Lippen der südafrikanischen TänzerInnen und folgen den Anweisungen, die zwischen charmant und leicht kommandierend changieren. Es gelingt den vier TänzerInnen, die SchülerInnen in den Tanz hineinzuziehen, sie ihre Unsicherheiten vergessen zu lassen. Und der grosse Einsatz wird auch mit Anerkennung belohnt. «Die Jugendlichen haben mit ihrer Begeisterung meinen Tag perfekt gemacht», sagt Venter Rashaba nach dem Workshop.

Das Ubuntu-Prinzip

«Pantsula Dance» heisst die Tanzrichtung, in der sich die SchülerInnen in Wiedikon versuchten (vgl. «Bewegung aus dem Alltag» im Anschluss an diesen Text). Die Gruppe Taxido beherrscht sie meisterhaft. Das ist ihre Profession, hier sind sie auf sicherem Terrain – egal auf welchem Staatsboden.

Ein wesentlicher Aspekt des Pantsula ist der Tanz in der Gruppe. Die Gruppe kann aus- und wieder zusammenschwärmen, aber der einzelne Tänzer oder die Tänzerin steht immer in einem Verhältnis zu den anderen – durchaus auch mit kompetitiven Zügen. Das für afrikanische Gemeinschaften in Südafrika wichtige Prinzip des Ubuntu ist hier direkt sichtbar: Ein Mensch wird durch andere Menschen zum Menschen.

Als die TänzerInnen vor dem Zürcher Filmpublikum stehen und gefragt werden, was der Dokumentarfilm und die Aufträge in der Schweiz eventuell für sie verändern könnten, fallen die Antworten sehr unterschiedlich aus. Während Zephe Zwane nach anfänglicher Euphorie über die Einladung in ein so reiches Land nun etwas enttäuscht feststellen muss, dass das, was sie hier verdienen, zwar den Alltag für einige Zeit erleichtern, aber niemals für den Traum vom Studium reichen wird, sieht Teboho Moloi die Sache positiver. Er hofft, dass die Aufmerksamkeit aus dem reichen Ausland auch die eigene Regierung motivieren könnte, ihre harte Arbeit und ihren Durchhaltewillen anzuerkennen und zu fördern, damit sie irgendwann von dem leben können, was sie lieben – dem Tanz.

Irene Loebells Film «Life in Progress» läuft im Zürcher Kino Riffraff und an der Pädagogischen Hochschule Zürich. In Basel ist der Film 
im Kult.Kino Atelier zu sehen, in Bern im Kino Kunstmuseum (vgl. «Politour»-Rubrik).

www.lifeinprogress.ch, www.taxidoarts.co.za

Pantsula-Tanz

Bewegungen aus dem Alltag

Der Pantsula-Tanz entwickelte sich in den fünfziger Jahren in den Townships als friedliche Form eines lustvollen, körperlichen Widerstandes. Dabei ging es nicht nur um die Rückforderung nach Autonomie über das eigene Sein, sondern um eine bestimmte Lebenshaltung: um den Tanz als Ausdruck einer Kraft gegen aufgezwungene Lebensumstände und die Verformung der eigenen Geschichte unter der Gewalt eines rassistischen Regimes.

Im Pantsula werden Bewegungen aus dem Alltag aufgenommen, in Tanzschritte umgewandelt und in Choreografien eingebaut. Das kann das Laufen sein, wenn man zu spät dran ist, oder der vorsichtige Blick nach hinten während eines illegalen Würfelspiels auf der Strasse. Vor allem aber ist mit diesem «Alltagsrecycling» auch die Lebensweise und die Architektur der Townships direkt in den Tanz eingeflossen. Die ganz eigene Städteplanung der Townships – sie waren von den Apartheidarchitekten vor allem für die nächtliche Unterbringung billiger Arbeitskräfte gedacht, die tagsüber in den Fabriken schuften sollten und somit keiner Infrastruktur bedürften – ist in die Bewegungen ihrer BewohnerInnen eingeschrieben.

Die Reproduktion solcher alltäglicher Abläufe in einem künstlerischen Kontext steht in einer Tradition, die vom «Vater des Township-Theaters», Gibson Kente, geprägt und zum Teil überhaupt ermöglicht wurde. Er hat in den sechziger Jahren zum ersten Mal gezeigt, dass der Alltag in der Township ebenso seine Berechtigung auf der Bühne hat wie jede andere Geschichte.

Einen wichtigen Einfluss hatte auch der «Gumboot Dance», der seine Ursprünge in den Goldminen Südafrikas hat. Die Minenarbeiter trugen oft Gummistiefel, weil die Minenbetreiber das verseuchte Abwasser nicht aus den Minen pumpen liessen. Da die Arbeiter nicht miteinander sprechen durften, entwickelten sie ein Kommunikationssystem über das Klatschen auf ihre Stiefel – einen rebellischen Code, der zum «Gumboot Dance» weiterentwickelt wurde und der auch den Pantsula-Tanz stark beeinflusste.

Stephanie Danner

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