Nr. 37/2016 vom 15.09.2016

Die Letztgeborene entfacht das Feuer neu

Die südafrikanische Autorin Malaika Wa Azania berichtet furios über ihre Jugend nach der Apartheid. Ihr offener Brief wird zur Anklage gegen den fortdauernden Rassismus. Nun kommt sie auf Lesetour in die Schweiz.

Von Kaspar Surber

Eine Kindheit im Township: In «Born Free» zeigt Malaika Wa Azania, warum Südafrika immer noch dem alten Apartheidstaat gleicht.

Endlich kann sie an der Stellenbosch-Universität am Westkap ihr Studium in Physik aufnehmen. Doch an der Party zum Semesterbeginn beschleicht Malaika Wa Azania ein mulmiges Gefühl. Die wenigen schwarzen StudentInnen dort stehen gedrängt in einer Ecke. Wa Azania wagt sich dennoch an die Bar, um eine Limonade zu bestellen.

«Der Weg von einem Ende des Gartens zum anderen kam mir vor, als wanderte ich durch das Tal der Schatten des Todes. Um mich herum lachten blasse Gesichter. Sie tanzten und unterhielten sich auf Afrikaans.» Als sie bestellen will, fragt die Studentin hinter der Bar gereizt: «Wat soek jy?» Darauf antwortet Wa Azania, sie verstehe Afrikaans nicht, die Sprache der einstigen burischen Kolonialherren. «Was willst du?», wechselt die Alterskollegin wütend ins Englische. Sie fragte nicht nur, was ich trinken wollte, sondern auch, wieso ich mich dazu entschlossen hatte, ihre Welt mit meiner schwarzen Anwesenheit zu stören, denkt sich Wa Azania.

Wenige Wochen nach der Demütigung verlässt sie die Universität. Das Südafrika von heute sei nur eine andere Version des Südafrika von gestern, schreibt die 25-jährige Malaika Lesego Samora Mahlatsi. Unter dem Künstlerinnennamen Wa Azania – das lateinische Wort für die Gebiete südlich der Sahara, oft von BefreiungskämpferInnen verwendet – hat sie das Buch «Born Free» verfasst. Zwar stünden Rassismus und Rassendiskriminierung nicht mehr in der Verfassung, doch sie seien «die Fäden in dem Netz, aus dem die südafrikanische Gesellschaft geknüpft ist». Formal als offener Brief an den Afrikanischen Nationalkongress ANC gerichtet, ist das Buch gleichermassen furiose Anklage wie liebevoller Lebensbericht. Es verschafft einen einmaligen Einblick in das Leben der Generation, die nach dem Ende der Apartheid in den Townships aufgewachsen ist.

Der Regenbogen verblasst

Die Grossmutter von Wa Azania fand einst in Soweto Unterschlupf, nachdem sie dem perspektivlosen Landleben entflohen war. Ihr Leben verbrachte sie «in der Küche» als Hausangestellte bei den Weissen. Bald zieht die Familie in eine eigene Hütte, kann sich später ein Haus leisten. Wie eng der Befreiungskampf mit dem Familienleben verknüpft ist, zeigt die Autorin mit geschickten Perspektivenwechseln. Sie lässt ihre Grossmutter berichten, was für einen Schock es bedeutet, als die Tochter wegen politischer Aktivitäten an der Schule verhaftet wird. Ihre Mutter wiederum lässt sie schildern, wie sie die Freilassung von Nelson Mandela erlebte. Wie elektrisiert sei sie gewesen, als «Madiba» im Nationalstadion vor die Menge trat – überzeugt, dass nun eine neue politische Ära beginne, in der alle Kinder der Regenbogennation gleichberechtigt aufwachsen würden.

Doch spätestens als Wa Azanias Lieblingsonkel als Kleinkrimineller erschossen wird, zeigen sich erste Risse in der neuen Gesellschaft. Längst nicht alle finden eine reguläre Arbeit. Das Haus der Familie wird zwangsgeräumt, sie muss zurück in die Hütte. Die kleine Malaika erweist sich trotz der widrigen Umstände als wissbegierige Schülerin, die vom Township den Sprung an eine gemischte Schule schafft. Dort wird die Diskriminierung in der Infrastruktur wie im Lehrplan sichtbar: «Institutionalisierter Rassismus zeigt sich darin, dass die Zukunft eines schwarzen Kindes davon abhängt, wie gut es Macbeth versteht, eine Geschichte, die mit seinen eigenen Erfahrungen und seiner Welt rein gar nichts zu tun hat.»

Erfrischend kämpferisch

Weil Wa Azania ihre Mutter oft beim politischen Engagement begleitet, wird sie von deren Kolleginnen als «Letztgeborene der Revolution» bezeichnet. Und obwohl sich die Mutter enttäuscht vom ANC abwendet und in eine Depression versinkt, bleibt Wa Azania von der Notwendigkeit des Widerstands überzeugt. Aus dem Debattierklub der Schule tritt sie bald aus, weil dort nur seichte, liberale Themen wie der Einfluss von Rapmusik auf die Gewaltbereitschaft von Teenagern diskutiert würden statt Rassen- oder Landfragen. «Ich hatte bald genug davon», schreibt die Autorin im selbstbewussten Ton der jungen Erwachsenen. Manchmal klingt sie etwas besserwisserisch, über die ganze Strecke des Buchs aber herrlich erfrischend.

Ab 2013 arbeitet Wa Azania mit Julius Malema zusammen. Der einstige Präsident der ANC-Jugendliga stellt radikale Forderungen zur Umverteilung, unter anderem die Verstaatlichung der Minen. Nach Hetzreden wird er vom ANC ausgeschlossen. Landreformen werden auch zum grossen Thema für Wa Azania, die mittlerweile Geowissenschaften studiert, ebenso der Panafrikanismus, der sich gegen den Rassismus unter Schwarzen starkmacht. Auch wenn sie sich mit Malema bei der Gründung von dessen eigener Partei, den Economic Freedom Fighters, überwirft, ist gewiss: Von dieser kämpferischen Stimme wird noch zu hören sein.

Lesetour mit Malaika Wa Azania vom 18. bis 25. September 2016 in Zürich, Bern, St. Gallen, Frauenfeld, Winterthur. Mehr dazu auf www.rotpunktverlag.ch/cgi-bin/germinal_shop.exe/VOLL?prolitnummer=500068....

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