Nr. 11/2015 vom 12.03.2015

Die unseligen Jahre der Züchtigung

In der Kommune der verworfenen Kinder: «Chrieg» von Simon Jaquemet ist der stärkste Schweizer Erstling seit Ursula Meiers «Home» vor sieben Jahren.

Von Florian KellerMail an AutorIn

Die Alpen als gesetzloser Raum für die unliebsame Jugend: Benjamin Lutzke als Matteo in Simon Jaquemets Gewaltstudie «Chrieg». Still: Hugofilm

Was ist nur mit dem Schweizer Film los? Da haben wirs uns doch so bequem eingerichtet in der ewigen Klage über das ewige gleichförmige Mittelmass unseres Kinos, und die ganze Kritik an der chronischen Mutlosigkeit wirkte bald genauso mutlos, gleichförmig und mittelmässig wie die Filme, gegen die sie gerichtet war. Und jetzt? Erreicht uns nach «Dora» von Stina Werenfels schon wieder ein einheimischer Spielfilm, der uns so richtig durchschüttelt und uns alle diese lieb gewonnenen Vorbehalte nur so um die Ohren schlägt. Ihr glaubt, der Schweizer Film sei bieder, bergselig, verzagt? Wollt ihr «Chrieg»?

Der Witz daran ist, dass der Erstling von Simon Jaquemet (vgl. Monatsinterview) genau diese Stationen durchläuft: Der Film beginnt in der Biederkeit irgendeiner gepützelten Agglo und zieht sich dann in die Berge zurück. Aber das sind nur die Schauplätze. Das Aufregende ist, wie sie hier aufgeladen werden. Da wäre das Eigenheim, wo Matteo (Benjamin Lutzke) aufwächst: eine wohlbetonierte Idylle, also zum Ersticken für einen wie Matteo, der nicht weiss, wohin mit sich und seinem Trotz, seiner Wut gegen alles und nichts. Eine dicke Mama, die förmlich aufgeht in ihrer Mutterrolle. Und ein schwer tätowierter Vater, der den Sohn mit Verständnis zum Schweigen bringt: Es ist okay, alles okay.

Time-out in den Bergen

Das ist schon mal ungeheuer bestechend, wie Simon Jaquemet hier, ohne viel zu erklären, die Lebenswelt seines jugendlichen Protagonisten skizziert. Geredet wird wenig – weil die Figuren einander wenig zu sagen haben, aber auch, weil Jaquemet und sein Kameramann Lorenz Merz so dicht in Bildern erzählen können, dass sie oft kaum Dialoge nötig haben.

So gibt es etwa eine gespenstische Szene ganz ohne Worte, aus der wir dennoch fast alles erfahren, was wir über das Verhältnis zwischen Vater und Sohn wissen müssen. Da geht Matteo nachts einem merkwürdigen Geräusch nach, und er findet seinen Vater im Keller, wo dieser auf dem Laufband verbissen seine Kilometer abspult. Da rennt es, das Leistungsprinzip. Kann man sich einen erbärmlicheren Anblick für einen pubertierenden Sohn vorstellen?

Ein Time-out in den Bergen soll Matteo jetzt auf Linie bringen. Mitten in der Nacht wird er aus dem Bett geholt und auf eine Alp verfrachtet. Ein kleines Arbeitslager als Männlichkeitsdrill, das ist die Absicht des Vaters: kein Internet, keine Drogen, kein Alkohol, nur noch Chrampfen. Doch wenn der gestrenge Lagerleiter hier oben den Tarif durchgibt, ist das reine Scharade. Denn die drei Jugendlichen, die schon auf der Alp sind, haben längst die Kontrolle übernommen. Und Matteo landet zur Begrüssung im Hundezwinger.

Da wird «Chrieg» vorübergehend zum Quälfilm. Matteo macht zwar einen bösen Drill durch, aber nicht so, wie es gedacht war: Er wird von seinesgleichen drangsaliert und misshandelt, erst nach einer schwindelerregenden Mutprobe wird er in ihren Kreis aufgenommen. Doch der Film zeigt diese Kommune der verworfenen Kinder nicht einfach in ihrer fortschreitenden Verrohung, sondern auch als solidarische Gemeinschaft. Sie prügeln sich, sie melken Ziegen zusammen. Sie schiessen in die Luft und sehnen sich nach Grossmutters Küche. «Komm, schlag mich», sagt Ali, das einzige Mädchen, einmal zu Matteo – der Aufruf zur Gewalt als verkappte Freundschaftsanfrage für eine Jugend ohne Facebook. Dreinschlagen auf der Alp, um die eigene Verletzlichkeit zu spüren: Dieser Film ist das «Höhenfeuer» für die Generation «Fight Club».

Wie ein Videogame

Und «Chrieg» ist auch ein Réduitfilm, aber einer, der die Gebirgsmythologie der Schweiz nochmals ganz neu auflädt. Die Alpen sind auch hier ein Rückzugsort, aber nicht als Erbauungskulisse oder natürliche Barrikade, sondern als gesetzloser Raum für die unliebsame Jugend, als Brutstätte der Gewalt auch. Wenn die Clique ins Tal fährt, dann für nächtliche Raubzüge: Die Jugendlichen fallen in die Städte ein, ziehen durch die Strassen, als wäre die Welt ein Videogame ohne reale Konsequenzen, und ziehen sich wieder in ihr alpines Réduit zurück.

Simon Jaquemet erzählt das in dunkel pulsierenden Bildern aufgestauter Wut. Und wenn er jetzt zu Recht gefeiert wird für die unbändige Kraft, die von seinem Erstling ausgeht, so wird gerne vergessen, dass sich diese rohe Wucht erst aus ihrer Gegenkraft ergibt: aus einer künstlerischen Souveränität, die dem Anarchischen erst eine Form gibt. «Chrieg» ist ein sehniger, kein muskulöser Film, ungemein elastisch in seiner Energie.

Die Kunst ist nicht, das Chaos zu entfesseln, sondern mit ihm zu spielen. So treibt Jaquemet diesen «Chrieg» seinem erst rabiaten und dann unendlich traurigen Schluss entgegen. Und in dieser bitteren Pointe entfaltet sich erst die ganze ödipale Tragik von Matteos Wandlung. Die versuchte Züchtigung ist zwar aus dem Ruder gelaufen, aber am Ende hat die väterliche Ordnung ihr Ziel irgendwie doch erreicht: Matteo ist jetzt ein Mann, wie ihn der Vater sich gewünscht hat.

Also ist es okay, alles okay? Nein, es ist überragend.

Ab 12. März 2015 im Kino.

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