Nr. 13/2015 vom 26.03.2015

Der Vulkan und die Hungersnot

Ein weiterer Jahrestag, der nicht vergessen werden darf: Im April 1815 begann in Indonesien eine Katastrophe, die ein Jahr später auch den Westen erreichte.

Von Stefan Keller

Dass die Katastrophe im April 1815 begonnen hatte, genauer gesagt am 5. April, liess sich erst viele Jahrzehnte später beweisen. Bis heute gibt es zwar Stimmen, die an der Ursache zweifeln. Ein interkontinentaler Klimakollaps, ausgelöst durch ein Ereignis in Südostasien? Hatte man denn nicht schon früher über schlechte Ernten geklagt? Waren die europäischen Sommer nicht seit 1811 kühl und nass gewesen? Gab es nicht ohnehin Hungersnöte in dieser Zeit der napoleonischen Kriege? Was allerdings nach dem Ereignis vom 5. April 1815 in den zwei folgenden Jahren passierte, das hatte noch nie jemand erlebt.

In der Ostschweiz zum Beispiel, Frühjahr 1816: Ende März ist die Erde hart gefroren, ans Pflügen kann nicht gedacht werden, im April gibt es dafür Sommergewitter, es hagelt «grosse Steine». Im Mai Dauerregen und Schnee. Erneuter Hagel in die verspätete Obstblüte hinein, die Kartoffeln verfaulen unter der Erde. Im Juni wieder Schnee bis auf die Hügel, während es in den Niederungen pausenlos regnet. Ende des Monats treten Bodensee und Rhein über die Ufer. Im August wird es etwas trockener, wenig Korn und Weizen lassen sich ernten. Im September normale Temperaturen, man hofft jetzt auf das übrig gebliebene Obst und auf die zum zweiten Mal gepflanzten Kartoffeln: Stattdessen brechen Winterfröste herein, die Obsternte erfriert, die Weinernte verfault, ungeerntete Hafer- und Einkornfelder liegen noch im November unter hohem Schnee. Der milde Dezember mit viel Sonnenschein «bei angenehmer, nicht zu strenger Winterkälte» kann da auch nichts mehr retten.

1817 bleibt das Wetter ähnlich miserabel, allerdings ist es jetzt weniger kalt, daher schmilzt in den Bergen der Schnee, der im Vorjahr auf mancher Alp liegen blieb. Wochenlanges Regenwetter, und wieder stehen von Juni bis August breite Landstriche unter Wasser. Ein Ostschweizer Zeitzeuge, der Fabrikant und Schriftsteller Johann Heinrich Mayr aus Arbon, beschreibt, wie sein Haus, das er nur noch mit dem Boot verlassen kann, in der Nässe anfängt, «weich» zu werden. Wie im Garten die Obstbäume faulen. Wie man in der Wohnstube viertelpfündige Fische fängt und wie überall Frösche quaken, «ärger als zur Zeit der Egyptischen Plagen». Seine Arbeiter, auf jeden Lohn angewiesen, nehmen die Fabriktätigkeit wieder auf, bevor das Wasser weg ist: Im grössten Gestank produzieren sie Indiennes, farbige, mit wechselnden Motiven bedruckte Tücher aus dünnem Stoff für den Export.

Auf den Getreidemärkten steigen die Preise ins Unermessliche. Aber wer besitzt überhaupt noch Geld, um Getreide zu kaufen? Zu den meteorologischen Notständen kommt nämlich eine schwere Krise des Baumwollgeschäfts: Die englische Textilindustrie hat sich während der napoleonischen Einfuhrsperre mechanisiert und bietet ihre Produkte jetzt zu Preisen an, mit denen die Manufakturen des Kontinents nicht mehr konkurrenzieren können. Der Absatz einheimischer Textilien bricht zusammen. Selbst bei allerbestem Erntewetter wäre schon ein Grossteil der Ostschweizer Bevölkerung von industriellem Erwerb abhängig.

Die Hungersnot der Jahre 1816/17 ist oft beschrieben worden. Der Ammann des Städtchens Bischofszell hat erzählt, wie die Menschen im Oberthurgau Gras und Unrat frassen und wie ihre Körper aufschwollen, bevor sie in «unersättlicher Esslust» verstarben. Die Ursache des Unglücks ahnte man auch in Bischofszell nicht. In den Zeitungen jener Jahre finden sich kaum Berichte über die enorme Explosion des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa am 5. April 1815, der während Monaten immer neue, zum Teil noch grössere Explosionen folgten.

Es ist einer der gewaltigsten Vulkanausbrüche in der Geschichte, man hört ihn 800 Kilometer weit. Gegen 100 000 Menschen tötet der nachfolgende Tsunami. Etliche Kubikkilometer Asche und Gase werden in die Stratosphäre geschleudert, sie absorbieren dort das Sonnenlicht und machen sich auf den Weg um die Welt. Ob in Nordamerika oder in Europa, in den Niederlanden oder in der Schweiz: 1816 wird ein rätselhafter Klimawandel festgestellt, ein Jahr, in dem der Sommer fehlt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch