Nr. 14/2015 vom 02.04.2015

Zerfall der Kleinfamilie

Von Lennart Laberenz

Es dauert eine Weile, bis man Isabel und Georg, die Hauptfiguren in Kristine Bilkaus Roman «Die Glücklichen», akzeptiert. Sie Cellistin, er Journalist, gerade Grossstadteltern geworden, der Bioladen und alle hübschen, teuren Annehmlichkeiten um die Ecke. Sie ist überspannt, mit gluckenhaftem Sicherheitsfetisch und der Angst, dem Neugeborenen könne etwas passieren. Sie will in sich und der Liebe zum Kind versunken bleiben.

Der Roman ist brav konstruiert: Bilkau schreibt mit einer flachen Sprache, wie sie auf Journalismusschulen gelehrt wird, «transparent» heisst so was da. Alle wichtigen Informationen sind mit grosser Sorgfalt wie nebenbei über die ersten Kapitel gestreut, die Dialoge wirken ausgestellt. Nebenfiguren dienen zur Illustration.

Doch dann zerfällt das Leben der beiden, Isabels Bogenhand zittert immer stärker, die Versagensängste nehmen überhand, Georg verliert den Job, die Wohnung wird renoviert und teuer, alle Sicherheit weicht: Isabel und Georg können ihren Standard nicht halten, die Ehe wird leer. Das Internet wird ihre Projektionsfläche: Isabel schaut auf das Glück der anderen, Georg sucht nach einem einsamen Hof.

«Die Glücklichen» ist ein Thesenroman über den Abstieg einer Kleinfamilie aus dem modernen Bürgertum, an dem Selbstwahrnehmung und wirtschaftliche Realität zehren. Und gerade im Abstieg gelingen Bilkau überraschende Momente. Isabel jedenfalls packt «die kalte Panik, ihnen wird die Luft ausgehen, ganz egal, wohin sie ziehen, zusammen zu scheitern ist schlimmer als allein. Wer allein ist, wird nicht beobachtet, muss keine Haltung bewahren, muss sich nicht als Ursache für das nächstbeste Problem fühlen und die Frage, wer recht oder unrecht hat, ist auch nicht mehr wichtig.» Es sind Innenansichten über das, was SoziologInnen wie Pierre Bourdieu als Essenz des Neoliberalismus herausgearbeitet haben: Entsolidarisierung, Vereinzelung, Selbstentwertung. Leider hält Bilkau den Blick in den Abgrund nicht durch.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch