Nr. 17/2015 vom 23.04.2015

«Behaltet das Geld, und öffnet die Türen»

Die senegalesische Autorin Mariétou Mbaye, deren Bücher unter dem Pseudonym Ken Bugul erscheinen, plädiert für die Abschaffung der Entwicklungshilfe. Jetzt porträtiert sie ein Schweizer Dokumentarfilm.

Von Katleen De Beukeleer (Interview und Foto)

Ken Bugul: «Die EU zwingt Afrika mörderische Handelspartnerschaften auf.»

WOZ: Frau Bugul, in Ihren Büchern vermitteln Sie Einblicke in die nachkoloniale westafrikanische Gesellschaft. Die Schweiz besass nie eigene Kolonien. Sind Ihre persönlichen Beziehungen mit den Schweizerinnen und Schweizern anders als mit Leuten aus Kolonialmächten wie Belgien?
Ken Bugul: Manche Menschen aus den alten Kolonialmächten öffnen uns die Arme zu schnell und zu weit. Ich interpretiere das oft als eine unbewusste «Entschuldigung» und als unangebrachten Paternalismus. Wir wollen diese Verkindlichung nicht. Jene Schweizer hingegen, mit denen ich zu tun hatte, geben uns nicht dieses Gefühl, da wir keine gemeinsame Geschichte haben. Weder eine gute noch eine tragische.

Was ist mit den in der Schweiz versteckten Diktatorengeldern?
Es ist obszön, dass afrikanische Führer ihre gestohlenen Diamanten und Millionen bei Schweizer Banken deponiert haben. Aber ich nehme das nicht in erster Linie der Schweiz übel, sondern vor allem den habsüchtigen afrikanischen Machthabern, die weder Visionen noch Ambitionen für ihr Volk haben. Doch seit kurzem bereitet mir die Entwicklung in der Schweiz Sorgen, weil man sich hier in Volksabstimmungen gegen Einwanderer ausgesprochen hat. Ich betrachte die Schweizer noch nicht als rassistisch oder faschistisch, aber es betrübt mich doch.

Im Dokumentarfilm «Ken Bugul. Niemand will sie» sprechen Sie die westlichen Entwicklungshelfer direkt an: «Das Volk hasst euch», «Hört auf, den guten Samariter zu spielen». Was machen diese Helferinnen und Helfer falsch?
Als ich in einer internationalen NGO arbeitete, sah ich oft, wie mehr als die Hälfte der Projektbudgets von allgemeinen Kosten wie Reisen oder Hotels verschlungen wurde. Es blieb fast nur ein Viertel für die Hilfe vor Ort. Offizielle Besuche, Treffen in Davos, diese Trinksprüche auf die «Gesundheit des Volks»: Diese Kosten sollten aufs Minimum reduziert werden. Was hat sich seit dem Anfang der sogenannten Entwicklungszusammenarbeit denn verändert? Es gibt immer mehr Elend, Armut und Epidemien in der Welt.

«Ihr behandelt die falschen Kranken», sagen Sie den Vertretern von Ärzte ohne Grenzen im Film. Wer sind denn die richtigen Kranken?
Wenn Ärzte ohne Grenzen Leben retten, ist das gut. Aber die wirklich Kranken, das sind die afrikanischen und westlichen Machthaber. Das System ist krank, der liberale Kapitalismus mit seinen fresssüchtigen multinationalen Konzernen, seinen Superreichen, seinem Mangel an Moral und Ethik. In Afrika schuften sich die Leute in der Landwirtschaft ab, und da sagt die Europäische Union: «Die europäischen Agrarprodukte sollen ohne Einschränkungen nach Afrika gehen dürfen.» Die kleinen Felder im Süden können es doch nicht mit der subventionierten Landwirtschaft Europas aufnehmen! Die EU zwingt Afrika mörderische Handelspartnerschaften auf.

Was wäre denn die Alternative zu diesen Partnerschaften?
Afrika braucht fairen Handel, für seine Landwirtschaft und für seine enormen Rohstoffvorräte, von denen es nicht profitiert. Afrika ist nicht arm. Die Menschen dort sind arm.

Ihre Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit ist Wasser auf die Mühlen der Rechten in der Schweiz, die die jährlichen Ausgaben von knapp drei Milliarden für Entwicklungszusammenarbeit kürzen wollen.
Das mag sein, aber viele Vertreter aus der Schweiz und anderswo teilen meine Meinung. Wenn die Rechte in der Schweiz meint, diese paar Milliarden sollten reichen, damit es keine Migrationsbewegungen mehr gibt, sage ich: Behaltet das Geld, von dem die Leute im Alltag nichts sehen, öffnet stattdessen eure Türen den Einwanderern, und legalisiert die Illegalen bei euch. Das wäre richtige Entwicklungshilfe. Die Schweiz könnte von guten Arbeitskräften profitieren. Und das Leid von Millionen Menschen, die nur ein würdiges Leben wollen, würde gelindert. Die Summe, die Ausgewanderte in ihre Heimatländer schicken, ist mindestens 1,5-mal so gross wie die internationale Entwicklungshilfe. Mit dem Geld der Ausgewanderten schicken Familien ihre Kinder in die Schule, heilen ihre Kranken, essen besser und können kleine Geschäfte aufmachen.

Gibt es auch wirkungsvolle Entwicklungszusammenarbeit?
NGOs, die direkt vor Ort arbeiten, erreichen konkrete Resultate. Viele von ihnen arbeiten mit Afrikanerinnen und Afrikanern zusammen. Sie spenden zum Beispiel alte Spitalbetten – auch wenn sie abgenutzt sind, bringt das viel, denn in sogenannten Schwellenländern wie dem Senegal gibt es immer noch Frauen, die auf dem Fliesenboden gebären, wenn es denn einen gibt. Diese Hilfe sieht man.

Zwei Frauen, ein Film

Sich trauen, «ich» zu sagen

Als Kind glaubt die 1947 geborene Mariétou Mbaye, dass sie von den Galliern abstammt. So wurde es ihr in der französischen Schule beigebracht. In ihrem senegalesischen Dorf ist sie das erste Mädchen, das zur Schule geht. Von ihrer Mutter wird sie verlassen, als sie fünf ist. Ihr Vater ist zu diesem Zeitpunkt 85 Jahre alt, sitzt ganztags als Marabout, als religiöser Lehrer, unter dem Baobabbaum und betet. Ihre Geschwister sind viel älter als sie. Die Schule, die Bücher, die Gallier – daraus konstruiert sie sich ihre Welt. Mit 23 Jahren will sie diese Abstammungsgeschichte immer noch glauben. Während eines dreijährigen Studienaufenthalts in Belgien, dem Land ihrer Träume, wird sie schwer enttäuscht: Ihre Begeisterung für Europa stösst auf keine Gegenliebe. Es folgen schwierige Jahre im Senegal, Auslandsaufenthalte, eine lange Suche nach Heimat und Freiheit.

1983 publiziert Mbaye ihr erstes autobiografisches Buch, «Le Baobab fou», das auf Deutsch 1991 unter dem Titel «Die Nacht des Baobab» im Unionsverlag herauskommt. Sie schreibt unter dem Pseudonym Ken Bugul, was auf Deutsch heisst: «Niemand will sie». Das Buch, in dem Bugul schildert, was es bedeutet, unter Weissen eine schwarze Frau zu sein, wird ein internationaler Erfolg. Bugul wird berühmt, es folgen weitere Bücher, Auftritte, Seminare und Literaturpreise.

Zwischen 1983 und 1993 arbeitet sie für die NGO International Planned Parenthood Federation: Familienplanung, Erziehung, Weiterbildung, in vielen Gegenden Afrikas. Sie strebt Fortschritte für ihren Kontinent, seine Frauen und Kinder an. Doch primär sieht sie sich als Autorin.

Die Schweizer Filmemacherin Silvia Voser hat einen Dokumentarfilm über die mittlerweile 68-jährige Autorin gedreht, der zurzeit in der Schweiz zu sehen ist. «Ken Bugul. Niemand will sie» ist das Porträt einer starken Frau, die auch anderen Mut machen will: «Man muss sich trauen, ‹ich› zu sagen», sagt Mariétou Mbaye, «Freiheit bedeutet, den Mut zu haben, anders zu sein.»

Katleen De Beukeleer

«Ken Bugul. Personne n’en veut» in: Luzern, Stattkino, Mittwoch, 29. April 2015, um 18.30 Uhr in Anwesenheit von Mariétou Mbaye und Silvia Voser; Sonntag, 3. Mai 2015, 16 Uhr.

Am Samstag und Sonntag, 3./4. Mai 2015, ist Mariétou Mbaye in Genf am Salon du Livre anwesend. 
www.kenbugulfilm.com

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