Nr. 17/2015 vom 23.04.2015

Zwischen allen Fronten

Während sich das syrische Regime selbst feiert und Islamistengruppen sich mal bekämpfen und mal verbünden, müssen die Menschen in den Flüchtlingslagern Gras und Katzen essen

Von Alfred Hackensberger

Die Armee hielt Paraden ab, organisierte Sportveranstaltungen und Theatervorstellungen. Auf Regierungsgebäuden wehte die rot-weiss-schwarze Nationalflagge, und in einigen Städten gab es Demonstrationszüge. Am vergangenen Wochenende zelebrierte die Republik Syrien den 69. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit; das angeschlagene Regime von Präsident Baschar al-Assad schwelgte in nationalen Gefühlen.

«Der Kampf gegen die damalige französische Besatzung wurde von Helden geführt, die Glaube und Würde hatten», liess der stellvertretende Aussenminister Faisal Mikdad in Damaskus verlauten – und nutzte die Gelegenheit zu einem Vergleich mit der Gegenwart. Wie seinerzeit befinde sich Syrien auch heute im Kampf um seine «Unabhängigkeit und Souveränität», und zwar gegen den Terrorismus. So erklärt das Regime seit langem den Aufstand: Terroristen, von ausländischen Mächten finanziert, wollten den demokratischen Staat zerstören.

Nur wenige Kilometer vom Aussenministerium entfernt zeigte sich ein anderes Bild. Im Vorort Duma zum Beispiel forderten einige Hundert DemonstrantInnen eine internationale Militärintervention zum Sturz von Assad und dessen Schergen. Es brauche einen «decisive storm», einen entscheidenden Sturm, skandierten sie in Anlehnung an die gleichnamige Militäroperation, die Saudi-Arabien gerade im Jemen gegen die schiitischen Aufständischen der Huthi unternimmt. Nach über vier Jahren Bürgerkrieg mit seinen über 200 000 Todesopfern und insgesamt neun Millionen Flüchtlingen in und ausserhalb Syriens ist ein Ende des Konflikts weiterhin nicht in Sicht. Weder das Regime noch die RebellInnen können den Krieg für sich entscheiden.

Die Regierung Assad überlebt nur dank militärischer und finanzieller Unterstützung aus Russland und vor allen aus dem Iran. Teheran hat die syrische Armee umgebaut und 60 000 Soldaten im Iran ausgebildet. Zudem beorderte die iranische Regierung Teile ihrer Revolutionären Garden, der libanesischen Hisbollah sowie schiitischer Milizen aus dem Irak und Afghanistan nach Syrien. Sie sind an allen Frontabschnitten im Einsatz und spielen oft eine Führungsrolle. Die Anti-Assad-RebellInnen hingegen, mehrheitlich radikale Islamisten, bekämpfen sich gegenseitig.

«Schleichender Tod» in Jarmuk

Den Menschen in Duma reicht es. Der Vorort von Damaskus ist seit achtzehn Monaten von Regierungstruppen umzingelt. Wer geblieben ist, überlebt nur durch Lieferungen des Uno-Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge UNRWA. Wie andere Quartiere in und um Damaskus ist Duma von der Aussenwelt abgeschnitten. Das Regime versucht, die Rebellenviertel auszuhungern. Aushungern als Strategie: «Früher wäre das eine feige, hinterhältige Tat gewesen», sagt Joshua Landis vom Centre for Middle East Studies an der US-amerikanischen Universität von Oklahoma, «heute scheint das kein Tabu mehr zu sein.» Es sei zur Routine geworden.

Das palästinensische Flüchtlingslager Jarmuk im Süden der Hauptstadt hat es am schlimmsten getroffen. Es wird seit Juli 2013 von Regierungstruppen abgeriegelt. Die 18 000 BewohnerInnen des Camps – vor Kriegsbeginn waren es 160 000 – hungern, wenn sie nicht Gras, Hunde oder Katzen essen; bis heute lassen die syrischen Behörden nur sporadisch Hilfslieferungen der UNRWA nach Jarmuk. Laut Amnesty International sollen mittlerweile rund 200 Menschen an Unterernährung gestorben sein.

Ekram Jalboutt hatte Jarmuk verlassen, als die Kämpfe im Dezember 2012 begannen. Die 23-jährige Studentin, die heute für die Vereinten Nationen in Damaskus arbeitet, steht noch immer mit Freunden, Bekannten und Familienangehörigen im Lager in Kontakt. «Die Menschen haben jede Hoffnung verloren», sagt Jalboutt, die lange Zeit täglich die Ereignisse protokollierte. In ihren Aufzeichnungen ist von einem Achtzehnjährigen die Rede, der seiner Mutter sagte, dass er nur kurz Essen holen wolle, aber nie zurückkam: Er hatte sich aufgehängt. Von einer Witwe mit fünf Kindern, die von Tag zu Tag schweigsamer wurde und eines Tages einfach starb. Oder von Abdelhay, dem sechsjährigen Jungen, der als Erster im Camp verhungerte. Jalboutt beschreibt in ihrem Tagebuch, wie sehr der Junge das Leben genoss, obwohl das Hungergefühl nie nachliess: «Wir haben dieses Kind getötet, weil wir schweigend zugesehen und nichts getan haben.» Ihr macht die eigene Hilflosigkeit zu schaffen – und die Enttäuschung darüber, dass «der schleichende Tod» im abgeriegelten Jarmuk bis heute so wenig öffentliche Aufmerksamkeit bekommt. «Selbst in den palästinensischen Medien spielte das Leiden im Lager lange Zeit keine grosse Rolle», sagt Ekram.

Noch verheerender wurde die Lage in den letzten Wochen: Am 1. April marschierte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Jarmuk ein und übernahm die Kontrolle. Die Dschihadisten sollen dabei fünf Männer auf offener Strasse abgeschlachtet haben. «Die Situation ist mehr als unmenschlich», sagte UNRWA-Sprecher Chris Gunness. «Die Menschen sitzen in ihren Häusern fest, auf den Strassen wird gekämpft, und es gibt Berichte von Bombardements.» Laut Salim Salamah, Sprecher der Palästinensischen Liga für Menschenrechte (PLHR), müssten «die Bewohner wieder einmal von Wasser und Gewürzen leben». Immerhin gelang es der PLHR, rund 2500 Menschen zu evakuieren. Wie viele noch im Camp sind, ist ungewiss. Schätzungen bewegen sich zwischen 6000 und 15 000 Menschen.

Gemeinsamer Gegner

Der IS war durch ein Gebiet ins Camp eingedrungen, das durch die al-Kaida zugerechnete Al-Nusra-Front kontrolliert wird. In anderen Landesteilen bekämpfen sich die beiden Dschihadistengruppen gewöhnlich bis aufs Blut. Im Fall Jarmuk aber erklärte die Al-Nusra-Front, sie bleibe «neutral» – dabei unterstützt sie den IS logistisch, ausserdem lässt sie Waffen, Munition und Kämpfer passieren. Der Grund für die ungewöhnliche Zusammenarbeit dürfte am Gegner liegen. Aknaf Beit al-Makdis ist eine der wenigen PalästinenserInnengruppen, die gegen das syrische Regime kämpfen, aber säkular ausgerichtet sind. Einigen Meldungen zufolge soll sich der IS inzwischen aus Jarmuk zurückgezogen haben; nach Angaben der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) jedoch halten die Islamisten noch achtzig Prozent des insgesamt zwei Quadratkilometer grossen Areals besetzt.

Auch anderswo dominieren die Islamisten. In Aleppo und Idlib hatte die Al-Nusra-Front die GegnerInnen der Scharia besiegt, im Oktober und November letzten Jahres wurden die Syrische Revolutionäre Front (SRF) und die Hazam-Bewegung vernichtend geschlagen und vertrieben. Beide Gruppen waren die letzten Ableger der Freien Syrischen Armee (FSA) in Nordsyrien.

Viele Fronten

Inzwischen gibt es nur mehr im Süden des Landes rund um die Stadt Daraa FSA-Verbände. Dort sind sie noch stark genug und können sich gegen die Al-Nusra-Front behaupten. Grund dafür ist die Nähe zur jordanischen Grenze: Aus dem Nachbarland kommen seit zwei Jahren immer wieder Waffen- und Munitionslieferungen, die von den USA genehmigt und von Saudi-Arabien bezahlt werden. In Jordanien soll es zudem Ausbildungslager für FSA-Rebellen geben. Die FSA-Verbände im Süden sind die letzten, die die von Washington angeführte internationale Koalition als Gegengewicht zu den radikalen Islamisten überhaupt noch aufrüsten kann.

Im Rest von Syrien besteht die Alternative zum Regime inzwischen aus einer Al-Kaida-Herrschaft oder dem IS-Kalifat. Mit der Eroberung der Stadt Idlib im März ist die Al-Nusra-Front ihrem Ziel einen Schritt näher gekommen: Auf dem Weg zur Alleinherrschaft mit eigenem Rechtssystem arbeitet der Al-Kaida-Ableger derzeit noch mit anderen Rebellengruppen zusammen.

Dabei sind diese Gruppierungen, allen voran Ahrar al-Scham, alles andere als moderat. Die «Freien Männer Syriens» wurden von langjährigen Al-Kaida-Mitgliedern im Auftrag vom Aiman al-Sawahiri, Chef des Terrornetzes in Pakistan, gegründet. Einer von ihnen, Chalid al-Suri, wurde wie viele andere Salafisten 2011 im Rahmen einer Amnestie aus syrischer Haft entlassen. Er hatte in Afghanistan gekämpft und mit Usama bin Laden eng zusammengearbeitet. Er galt als al-Kaidas offizieller Repräsentant in Syrien, bis er im Februar 2014 von einem Selbstmordattentäter getötet wurde. Ahrar al-Scham hat sich im März dieses Jahres mit Sukur al-Scham, einer anderen starken und ideologisch verwandten Rebellengruppe, zusammengeschlossen. Sie wehren sich gegen die Dominanz der Al-Nusra-Front und des IS. Der syrische Bürgerkrieg hat schon lange keine klaren Fronten mehr.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Zwischen allen Fronten aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr