Nr. 06/2016 vom 11.02.2016

«Mithilfe dieser verdammten Russen wird dieser Bastard noch überleben»

Die Opposition ist schwach und uneins, das Assad-Regime wieder auf dem Vormarsch. Manche träumen von einer Invasion.

Von Alfred Hackensberger

«Sie kamen mit Knüppeln und Messern, manche hatten auch Macheten, um uns von der Strasse zu verdrängen.» So aufgeregt, als wäre das erst gestern passiert, erzählt Muhammad aus Aleppo vom Anfang der syrischen Revolution vor beinahe fünf Jahren. «Aber wir haben uns nicht vertreiben lassen. Wir wollten Freiheit, Demokratie und vor allen Dingen, dass Baschar al-Assad verschwindet.» Ein gute Zeit sei das gewesen, fügt der 26-Jährige, der anonym bleiben muss, lächelnd hinzu. Dabei vergisst er, die Toten, die Massenverhaftungen und Folterungen in den Gefängnissen zu erwähnen.

Nostalgie ist alles, was dem jungen Aktivisten von der syrischen Revolution heute geblieben ist. Denn nun scheint es mit allen Idealen und Wunschvorstellungen vorbei zu sein. Die syrische Armee und ihre verbündeten Milizen aus dem Iran, dem Libanon und aus Afghanistan sind unter dem Schutz russischer Luftangriffe auf dem Vormarsch. Sie haben militärische Erfolge erzielt wie nie zuvor – das Regime von Präsident Assad ist wieder «back on track».

Wo bleibt das Wir?

Muhammad ist nicht der Einzige, der von einem Wir spricht und dabei «die Rebellen» meint, die die verhasste syrische Armee bekämpfen. Das gleiche Wir benutzte er auch noch im letzten September, als die russische Militärintervention begann: «Wir werden sie besiegen und aus dem Land treiben.» Dabei existiert schon lange kein Wir mehr, und schon gar keines, das vereint genug wäre, um sich mit einer Grossmacht anzulegen.

Die Gründung der Rebellenkoalition Dschaisch al-Fatah (Armee der Eroberer) im Frühjahr 2015 mag darüber hinweggetäuscht haben. Es ist ein breites Bündnis von eher gemässigten Rebellen bis hin zu ultraradikalen Al-Kaida-Gruppen wie der Al-Nusra-Front. Gemeinsam hatten sie 2015 die Provinzhauptstadt Idlib eingenommen und waren weiter in das Gebiet entlang der Mittelmeerküste um Latakia vorgedrungen – die Machtbasis des Regimes. Trotzdem ist die Opposition schon seit Jahren ein zersplitterter Haufen. Regelmässig kommt es aus ideologischen oder politischen Gründen und oft nur aus einem Machtkalkül heraus zu Kämpfen zwischen verschiedenen Oppositionsgruppen. Ein Wir, wie es Muhammad gerne sieht, gibt es nicht.

Auch bei den Friedensverhandlungen von Genf, die letzte Woche gescheitert sind, sollte das Hohe Verhandlungskomitee (HNC) Einheit unter den Oppositionsgruppen suggerieren. Die siebzehnköpfige Delegation repräsentierte zwar ein wesentlich grösseres Spektrum, als es die Syrische National-Koalition (SNC) bei vorangegangenen Gesprächen getan hatte. Aber wichtige Organisationen fehlten. Darunter fallen ausgerechnet die Hardcore-Islamisten von Ahrar al-Scham und der Al-Nusra-Front, zwei der stärksten Militärfraktionen unter den Rebellen. Ohne ihre Zustimmung hätte das HNC keine bindenden Absprachen treffen können. Bei den für den 25. Februar neu angesetzten Verhandlungen wird sich das wohl nicht ändern.

Das HNC war aus Genf abgereist, weil das Regime die Bombardierungen und das Aushungern eingekesselter Orte nicht aufgeben wollte. Als scheinbares Zeichen des guten Willens hatte die syrische Regierung siebzehn Lastwagen mit Hilfsgütern nach al-Tal passieren lassen, einem belagerten Vorort der syrischen Hauptstadt. Aber die Bombardements gingen gleichwohl weiter. Russland leitete gar mit schweren Luftangriffen eine Grossoffensive der syrischen Armee im Norden von Aleppo ein. «Wir kommen zurück, wenn sich die Ereignisse am Boden nach unseren Vorstellungen geändert haben», sagte Mohammed Allusch, der Verhandlungsführer der Opposition, bevor er Genf verliess. Dabei stellt sich allerdings die Frage, ob er jemals wieder in einer vergleichbar starken Position an den Verhandlungstisch zurückkommen kann. Denn militärisch steht es um die Rebellen schlecht.

Letzte Woche durchbrach die syrische Armee mithilfe russischer Kampfjets die seit über drei Jahren bestehende Blockade zweier schiitischer Städte. Das war eine militärische Operation, die für den weiteren Verlauf des syrischen Bürgerkriegs gravierende Konsequenzen haben könnte. Die beiden Städte, Nubl und Sahraa, liegen etwa zwanzig Kilometer nordwestlich der ehemaligen Industriemetropole Aleppo. Mit dem Durchbruch der Regierungstruppen wurde die letzte Nachschubroute der Rebellen abgeschnitten. Sie führt von Aleppo nach Bab al-Salameh, einem Grenzübergang in die Türkei. Dabei geht es nicht nur um Lebensmittel, sondern auch um Erdöl und Benzin für die nordsyrische Stadt sowie die gesamte Provinz Idlib.

Dem Rebellenbündnis Dschaisch al-Fatah droht nun dort eine Benzinknappheit – mit fatalen Auswirkungen. Die gesamte Stromerzeugung läuft dort über Generatoren. Bäckereien können ohne Strom kein Brot backen. Das Benzin kauften die Rebellen bisher von ihrem Feind, dem sogenannten Islamischen Staat (IS). Die extremistischen Islamisten kontrollieren den überwiegenden Teil der syrischen Ölquellen. Bisher gab es eine informelle Handelsroute aus dem IS-Territorium im Nordosten von Aleppo bis in den Westteil der Stadt und nach Idlib. Erst im Juni war es zu einer neuen Absprache zwischen Dschaisch al-Fatah und dem IS gekommen: Der Weg sollte für Händler offen gehalten werden, die zwischen den Herrschaftsgebieten hin- und herreisen. Die Armee der Eroberer erhielt so den benötigten Sprit, und der IS bekam dafür Geld oder Nahrungsmittel. Aber durch den Vorstoss der Regierungstruppen besteht keine Verbindung mehr zwischen dem IS-Gebiet und dem der «normalen» Rebellen.

Aleppo umzingelt

Der Kampf um Aleppo war vom Regime als «Mutter aller Schlachten» bezeichnet worden. Lange waren alle Versuche gescheitert, die Rebellen in der ehemaligen Industriemetropole zu umzingeln. Heute ist dies dem Regime geglückt; die Stadt ist vom Nachschub aus der Türkei abgeschnitten. Neben den militärisch-strategischen Gesichtspunkten hat die Einnahme Aleppos grossen symbolischen Charakter.

Für Muhammad wäre der Verlust seiner Heimatstadt eine Katastrophe. Die neuen Erfolge des verhassten Regimes lösen bei ihm schon depressionsähnliche Gefühle aus. Das Horrorszenario aller Assad-GegnerInnen scheint nun Wirklichkeit zu werden. «Mithilfe dieser verdammten Russen wird dieser Bastard noch überleben», sagt Muhammad. Sein Zorn ist umso stärker, weil er die Macht der russischen Luftwaffe unterschätzt und nie eine Niederlage seiner Rebellen, seines Wir, in Betracht gezogen hatte. Als sich im Dezember Regimetruppen der vom IS besetzten Stadt al-Bab näherten, hatte Muhammad schon gespürt, dass sich etwas ändert. Er wollte unter keinen Umständen, dass al-Bab, eine der ersten von der Revolution eroberten Städte im Norden des Landes, zurück in die Hände des Regimes fällt.

Muhammad ist völlig desillusioniert. Ein Ausweg scheint nicht in Sicht. Die russischen Kampfjets haben die Intensität der Bombenangriffe verstärkt. Die Regierungstruppen rücken weiter vor. Er hofft, die Verbündeten der Rebellen – die Türkei, Saudi-Arabien und Katar – könnten Luftabwehrraketen schicken. Selbst eine Invasion türkischer Truppen und Bodenoperationen saudi-arabischer Soldaten kämen ihm jetzt recht. Aber er traut den Medien nicht, die davon berichteten.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text «Mithilfe dieser verdammten Russen wird dieser Bastard noch überleben» aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr