Nr. 17/2015 vom 23.04.2015

Der alte Stalin bröckelt vor sich hin

Die Vergangenheit kann man nicht einfach entsorgen: Im georgischen Schwerpunkt am Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in Nyon zeigt sich ein Land, das auf seine Zukunft wartet.

Von Susanne Ruckstuhl, Nyon

Es beginnt wie im Theater. Der Vorhang öffnet sich und gibt in einer langen, unbewegten Einstellung den Blick auf einen dreistöckigen Flachdachbau frei. Aus der Ferne ist Hundegebell zu hören, eine Frau mit zwei Eimern tritt aus der Tür, an ihrer Seite ein fahlgelber Hund. Die Frau läuft aus dem Bild, der Hund antwortet kläffend auf das entfernte Gebell. Es geschieht eigentlich nichts in Salomé Jashis Dokumentarfilm «Bakhmaro», aber dieses Nichts ist nicht wenig. Die Dramatik spielt sich im Kleinen, im Alltäglichen ab. Ein Mann öffnet einen Rollladen, eine Frau schrubbt den Flur und schlägt den fahlgelben Hund in die Flucht, ein Kind singt Karaoke unter dem strengen Blick seiner Mutter.

Das so scharf ins Bild gerückte Flachdachgebäude, zu Sowjetzeiten ein Hotel mit Renommee, dient heute als Restaurant. Das jedenfalls entnehmen wir dem Presseheft. Der Saal mit den giftgrün und blutrot gekachelten Wänden bleibt leer. Auf den gedeckten Tischen: rosa Stoffservietten. Das Personal in Überzahl, alle warten sie auf Gäste, die nicht kommen. Unterdessen färbt sich eine der Angestellten die Haare und kämmt sich unaufhörlich Farbe über den Kopf. Eine zweite assistiert ihr mit einem Handspiegel. «Es ist hart, alt zu werden», sagt sie. Worauf ihre Kollegin trocken erwidert, auch junge Leute würden ihre Haare färben. Dann beginnt sie zu singen: «Jetzt, wo ich älter werde, werden meine Haare grau.» Und weiter: «Jetzt macht es keinen Unterschied, wenn es keine Liebe mehr gibt.»

Tragikomisch

In ihrem vierten Film entwickelt die 33-jährige Georgierin Salomé Jashi ein grosses Gespür für skurrile Dialoge und subtile Tragikomik – was manchmal an die Theaterinszenierungen eines Christoph Marthaler erinnert. Ihr Blick gilt den resignierten Menschen rund um das Restaurant, und aus dieser Beschränkung heraus entwirft sie das Bild einer Gesellschaft, die sich nicht aus ihrer Starre zu lösen vermag.

Salomé Jashi lebt heute in Berlin und zählt zu einer neuen Generation georgischer Filmschaffender. Viele von ihnen haben im Ausland studiert und entwickeln aus der Ferne einen wachen Blick auf ihre Heimat. Die Visions du Réel in Nyon rücken jetzt fünfzehn neuere, oft international preisgekrönte Dokumentarfilme aus Georgien in den Fokus. Das Kino öffnet hier ein Fenster zu einem Land, von dem wir oft nur aus den Nachrichten erfahren, wenn im einstigen Gliedstaat der Sowjetunion wieder Krieg geführt wird – das letzte Mal 2008.

Dabei besitzt Georgien eine lange Filmtradition. Schon 1958 gewann Michail Kalatozow mit dem Spielfilm «Wenn die Kraniche ziehen» («Letjat schurawli») in Cannes die Goldene Palme. In den sechziger Jahren folgten namhafte Autorenfilmer wie Otar Iosseliani, der immer wieder mit der sowjetischen Zensur zu kämpfen hatte, ehe er nach Frankreich auswanderte.

Augenzwinkernd

Mit dem Erbe des kommunistischen Grossreichs setzt sich nun der 49-jährige Shalva Shengeli auseinander, der in Nyon den Film «Khelmtsipe» («The Ruler») zeigte. Im Mittelpunkt steht das 200-Seelen-Dorf Tsromi, wo auf dem Grundstück unmittelbar neben der Kirche eine lädierte Stalin-Statue vor sich hin bröckelt – ein Relikt vom Ende des Zweiten Weltkriegs. Als eine Gruppe von Nonnen in ein leer stehendes Nachbarhaus zieht, um dort ein neues Kloster einzurichten, löst das im Dorf eine Debatte über die Statue aus.

Regisseur Shengeli folgt der lebhaften, teils hitzigen Diskussion an der Gemeindeversammlung, die sich wie ein roter Faden durch den Film zieht. Dabei wahrt er eine gewisse Distanz und erschafft so ein augenzwinkerndes Spektakel. In Interviews mit den Leuten aus dem Dorf bringt er diese auf subtile Weise dazu, über Sinn und Unsinn der Stalin-Statue nachzudenken.

Unterschiedliche Wertvorstellungen prallen aufeinander: Da sind die Strenggläubigen, die sich damit schwertun, ein Symbol zu würdigen, das für die Abschaffung der Religion steht. Da ist eine jüngere Generation von Frauen, die sich unverblümt dafür aussprechen, die Statue zu entsorgen und das Geld stattdessen in die Jugend zu investieren. Da ist aber auch der Dorfälteste, der in Erinnerungen schwelgt. Er berichtet von der Liebesgeschichte zwischen der schönen Schwester seines Vaters und dem jungen Stalin, als dieser auf der Flucht in Tsromi Unterschlupf fand.

So erzählt «Khelmtsipe» nebenbei ein Stück Politgeschichte und enthüllt peu à peu auch das Mysterium um die Herkunft der Statue. Ähnlich wie Salomé Jashi stellt auch Shalva Shengeli keine Einzelpersonen ins Zentrum, sondern eine Gruppe, eine mehr oder weniger funktionierende Gemeinschaft. Sein mit Feingefühl und Humor gezeichnetes Porträt eines georgischen Dorfs zeigt ein Land, das auf der Schwelle zwischen Vergangenheit und Aufbruch steht und auf ein neues Kapitel seiner Geschichte wartet.

«Visions du Réel» noch bis 25. April 2015 in Nyon. 
www.visionsdureel.ch

Im Internationalen Wettbewerb

Wir sind die Ausserirdischen

Vor uns sitzt ein älterer Herr mit geschlossenen Augen und berichtet, was er sieht. Er erzählt von unbeschreiblichen Räumen, die sich vor ihm auftun, und die Kamera gleitet dazu durch die prunkvollen Hallen eines Museums. Wo sind wir hier gelandet? In einem bildungsbürgerlichen Meditationskurs? Nein, der Träumer ist kein Esoteriker, sondern der britische Raumfahrtingenieur Chris Welch, und er geht für uns den Ernstfall durch: Angenommen, eine unbekannte Lebensform aus dem All würde auf Erden landen, was würde er sehen, wenn er deren Raumschiff erkunden würde?

«The Visit» des dänischen Regisseurs Michael Madsen ist eigentlich ein Unding: Ein Film, der erklärtermassen Ereignisse dokumentiert, die nie stattgefunden haben, ist das überhaupt ein Dokumentarfilm? Es ist auf jeden Fall die Vision einer möglichen Wirklichkeit, wie sie im internationalen Wettbewerb von Nyon bestens aufgehoben ist. Nach einem Film über die Endlagerung atomarer Abfälle («Into Eternity») holt Madsen jetzt Fachleute vor die Kamera, die sich berufshalber oder gar von Amts wegen mit der Wahrscheinlichkeit eines Besuchs von Ausserirdischen beschäftigt haben. Da ist zum Beispiel der Theologe, der die französische Raumfahrtbehörde in ethischen Fragen berät. Da ist die texanische Sozialpsychologin, die über die plausiblen menschlichen Reaktionen angesichts der Landung einer fremden Lebensform sinniert. Und da ist die malaysische Astrophysikerin Mazlan Othman, bis 2013 amtierende Direktorin des Büros der Vereinten Nationen für Weltraumfragen in Wien.

So gesehen, ist «The Visit» ein Spiel-Film im eigentlichen Sinn: Die Fachleute spielen mit gebührendem amtlichem Ernst durch, was wir sonst höchstens im fantastischen Modus des Hollywoodkinos vorgespiegelt bekommen. Also ganz konkret: Wie würden wir den Unbekannten begegnen? Nach welchem offiziellen Protokoll, wenn es denn eines gibt, würde der Kontakt erfolgen?

Und da ist noch ein Clou, den Madsen eingebaut hat: Das unbekannte Objekt in dieser dokumentarischen Simulation sind wir, das Publikum. Zu Beginn heisst uns der Regisseur aus dem Off auf der Erde willkommen: Wir sind das Alien. Um unseren anderen Blick auf den Planeten suggestiv zu verstärken, spielt Madsen immer wieder mit extremen Zeitlupen und anderen optischen Tricks. Das ist anfangs irgendwie beklemmend, bald einmal beliebig und irgendwann nur noch redundant.

In den besten Momenten wirft uns «The Visit» auf eine fundamentale Fremdheit zurück – und da funktioniert dieser Film als Reflexion über den Umgang mit dem irdischen Anderen. Und wenn jemand im Tonstudio dem Regisseur das Mikrofon abgestellt hätte, wären uns sogar die philosophischen Plattitüden erspart geblieben, mit denen Michael Madsen sein Experiment regelmässig auf den Boden der Banalität zurückholt.

Florian Keller

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