Nr. 16/2013 vom 18.04.2013

Das Herz abgeschnürt

Von den einen wird Eyal Sivan für seinen kompromisslosen Mut gelobt, von den anderen als Antisemit verschrien: Das internationale Filmfestival Visions du Réel in Nyon widmet dem israelischen Filmemacher eine Werkschau.

Von Sascha Lara Bleuler

Genauer Blick auf die Orange: Eyal Sivans Film «The Orange's Clockwork» von 2009.

Der 1964 in Haifa geborene Eyal Sivan, das Enfant terrible des israelischen Dokumentarfilms, lebt heute im selbstgewählten Exil in Paris. Bereits 1987 erklärte er sich mit seinem Erstlingsfilm «Aqabat-Jaber. Passing Through» zum gnadenlosen Kritiker der israelischen Politik. Der Film zeigt den harschen Lebensalltag in einem palästinensischen Flüchtlingslager im Westjordanland und zerlegt die zionistische Erzählung der Rückkehr des jüdischen Volks ins Land seiner Vorväter. Sieben Jahre später besuchte Sivan das Lager erneut und gab den 3000 BewohnerInnen und ihrem Wunsch nach Rückkehr in «Aqabat-Jaber. Peace with No Return?» eine fordernde Stimme.

Mit «Izkor. Slaves of Memory» brach Sivan 1991 ein weiteres Tabu der jüdischen Gesellschaft. Er zeigte die Instrumentalisierung des Holocaust innerhalb des Bildungssystems auf und prangerte eine Erziehung an, die schon im frühen Kindesalter das Gedächtnis einer Nation formt. Der französische Philosoph Alain Finkielkraut betitelte Sivan in der Folge als «self-hating jew», und auch die Filmförderung zu «Jaffa. The Orange’s Clockwork» (2009) wurde viele Jahre später zur Zerreissprobe und mobilisierte zahlreiche GegnerInnen des «antiisraelischen» Künstlers. Anschuldigungen, die Sivan selbst stets zurückwies; er sieht sich allerdings als Antizionisten, der es zu seiner filmischen Lebensaufgabe gemacht hat, an der festgefahrenen Geschichtsschreibung zu rütteln und die etablierten Sichtweisen herauszufordern.

Entlang der Demarkationslinie

In «Route 181» (2004), sicherlich sein politischster Film, den er zusammen mit dem palästinensischen Filmemacher Michel Khleifi realisiert hat, reisen die beiden Männer der 1947 von der Uno vereinbarten Demarkationslinie zwischen Israel und Palästina entlang. Sie sprechen mit BewohnerInnen, deren Meinungen unterschiedlicher nicht sein könnten, und ertasten den Gemütszustand in einem Land voller Widersprüche. Der Blick ist auch hier selektiv, die Zeitlupenaufnahmen von Zugsgeleisen haarsträubend polemisch. Den Vergleich mit dem Holocaust in der Palästinenserfrage zu bemühen, ist deplatziert, und die Hasstiraden in den jüdischen Medien waren ihm sicher. Sivan scheint das zuweilen bewusst zu provozieren, um seinen Werken zur Beachtung zu verhelfen – was man ihm durchaus ankreiden darf.

Sivans filmische Stärke liegt in seiner Fähigkeit, Bilder der Vergangenheit in einen Dialog mit der Gegenwart treten zu lassen. Am besten gelingt ihm dies 1999 in seiner essayistischen Auseinandersetzung mit dem Eichmann-Prozess, «The Specialist». Der Film verwendet ausschliesslich Archivaufnahmen der historischen Gerichtsverhandlung 1961 in Jerusalem, die 1962 in der einzigen jemals von Israel vollstreckten Todesstrafe gipfelte.

Der Prozess, der insgesamt neun Monate dauerte und weltweit für Aufsehen sorgte, wurde mit vier Kameras aufgenommen und komplett dokumentiert. Erst in den neunziger Jahren wurden zwei Filmkopien aus den 350 Tapes angefertigt – eine davon erhielt das Steven-Spielberg-Archiv in Jerusalem, die andere blieb im Gerichtsarchiv.

Entlang des Archivmaterials

Sivan schnitt aus dem Materialberg einen beklemmenden Film von 128 Minuten und schuf eine eigenwillige künstlerische Interpretation von Hannah Arendts philosophischer Begrifflichkeit zu Adolf Eichmann und der «Banalität des Bösen». Sivans ausgewählte Archivsequenzen vertreten eine klare These: Sie zeigen Eichmann als Menschen, nicht als Monster. Monströs erscheint hingegen Staatsanwalt Gideon Hausner, der die Verhandlung gegen Eichmann leitete. Man kommt nicht umhin, Hausner sadistische Freude an der zuweilen zum emotionalisierten Showprozess ausartenden Befragung zu unterstellen. Dies wurde dem Film immer wieder vorgeworfen, und 2005 wurde Sivan von Hillel Tryster, Leiter des Steven-Spielberg-Archivs, beschuldigt, Aufnahmen des Prozesses willentlich «gefälscht» zu haben, um Eichmanns Verbrechen zu verharmlosen. Durch die manipulative Montage stelle der Film erzählerische Verbindungen her, die bewusst den geschichtlichen Sachverhalt und die juristische Glaubwürdigkeit der Verhandlung verdrehten.

Doch Sivans Film leistet mehr, als Eichmann als harmlosen Bürokraten und den Staatsanwalt als Henker zu inszenieren. Vielmehr verschiebt er die gängige Achse von Gut und Böse und zeigt Aspekte der gerichtlichen Dynamik, die zum Denken anregen. Zugegeben, Sivan schneidet und vertont die Bilder so, dass man zum Schluss kommen muss, dieser Prozess sei alles andere als fair gewesen. Dies wirft wiederum die Frage auf, ob Menschen wie Eichmann überhaupt eine objektive Behandlung vor Gericht – noch dazu einem jüdischen – erfahren können. Eichmann selber sagte einmal, dass er das Gefühl habe, bei lebendigem Leibe gegrillt zu werden. Die Gräueltaten steckten noch in den Knochen der aussagenden Überlebenden, die während des Prozesses oftmals in Ohnmacht fielen. Da wäre es wohl vermessen, etwas anderes zu erwarten – das Todesurteil war Eichmann sicher.

Gerade als Porträt eines «Verdammten», der um sein Schicksal weiss und doch bis zum letzten Augenblick keine Reue zeigt, leistet Sivans Film Grossartiges. Es schnürt einem regelrecht das Herz ab, wenn wir sehen, wie dieser alte Mann nicht einmal im Angesicht des Todes aufhört, ein guter Beamter zu sein. Geduldig und steif sitzt er in seiner gesicherten Angeklagtenbox und beantwortet gehorsam jede Frage. Einen Moment lang meinen wir Menschlichkeit durchschimmern zu sehen, als Eichmann erzählt, wie er einmal sein Büro verliess, um beim Zugtransport nach Auschwitz nach dem Rechten zu sehen: Als er sah, wie ein deutscher Soldat einer Frau das Baby aus den Armen schoss, musste er erbrechen.

Die brennende Frage des Films bleibt auch hier, ob wir Eichmann überhaupt als «normalen» Menschen sehen wollen: Dies bleibt jedem freigestellt, aber Sivan thematisiert die Gefahr, dass die Gesellschaft Verbrecher gerne als Psychopathen abstempelt – und somit weit von den eigenen Abgründen wegschiebt.

Die freie Interpretation

«The Specialist» schlug 55 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Israel wie auch im Ausland hohe Wellen. Claude Lanzmann, der Regisseur des neunstündigen Holocaust-Zeitzeugen-Epos «Shoah», warf Sivan Respektlosigkeit gegenüber den Opfern und ebenfalls Geschichtsfälschung vor. Sivan wehrt sich bis heute gegen diese Vorwürfe mit dem Argument, dass er die Archivaufnahmen zu einer eigenen künstlerischen Interpretation umgeschnitten habe, was das Recht jedes Künstlers sei: «‹The Specialist› zeigt nicht den Eichmann-Prozess als solchen, sondern es ist ein Film, der aus dem umfangreichen Archivmaterial kreiert wurde – das ist ein wichtiger Unterschied!»

Die Problematik von Sivans Filmen scheint also mehr im Realitätsanspruch der BetrachterInnen zu liegen, der von Dokumentarfilmen absolute Glaubwürdigkeit erwartet, insbesondere wenn Archivaufnahmen verwendet werden. Filmemacher wie Sivan haben aber mit ihrer Arbeitsweise längst bewiesen, dass es auch im Dokumentarischen keine Authentizität gibt. Montage, Tonspur und überhaupt jeder Bildausschnitt einer Kamera sind alles andere als objektiv. Das Resultat darf und muss von den RezipientInnen kritisch betrachtet und sein Wahrheitsgehalt befragt werden.

Die Polemik um Sivans Filme, mit der seine Gegner ihm zu schaden versuchen, resultiert oftmals im Gegenteil. Sivan nutzt seine Position als unbequemer Linksaktivist gerne als Werbeträger und rennt damit im tendenziell israelkritischen Europa offene Türen, sprich Kinosäle ein. Mittelmässige Filme wie der dreiteilige «Route 181» sorgen so für mehr politische Aufregung, als sie aufgrund ihrer filmischen Qualität verdienen. Die heftige Kritik gegen Sivan in den israelischen Medien vermag aber auch eine Diskussion über künstlerische Freiheit anzustossen, die immer politische Brisanz hat. Es spricht demnach für die israelische Filmförderung, dass «Nestbeschmutzer» wie Sivan oder auch Amos Gitai, die beide ihr künstlerisches Exil in Paris zelebrieren, stets finanziell von ihrem Heimatland unterstützt wurden.

Das internationale Festival Visions du Réel in Nyon findet zwischen dem 19. und 26. April 2013 statt. Die Filme von Eyal Sivan werden im Rahmen einer Werkschau gezeigt. www.visionsdureel.ch

«Visions du Réel» Nyon

Filme aus der globalisierten Welt

Es geht um «Reflexion, Erkundung und Entdeckung» beim Festival International de Cinéma Nyon, kurz «Visions du Réel». Gegen 3500 Filme sind vom künstlerischen Leiter Luciano Barisone und seinem Team gesichtet worden. 110 Filme sind nun in verschiedenen Kategorien Teil des Wettbewerbs.

FilmemacherInnen aus aller Welt erkunden mit unterschiedlichen filmischen Mitteln neue Lebensentwürfe, spekulieren über eine Welt von morgen oder informieren über Veränderungen auf den letzten «weissen Flecken» der Weltkarte.

Der dänische Regisseur Daniel Dencik reist mit einem Team, dem Wissenschaftler, Künstlerinnen und Schriftsteller angehören, in die nördlichsten Gegenden Grönlands. Als Folge der Klimaerwärmung sind diese Regionen seit einigen Jahren während weniger Wochen im Sommer jeweils zugänglich. «Die Expedition ans Ende der Welt» (2013) ist als Voreröffnungsfilm des diesjährigen Festivals zu sehen.

Ein Schwerpunkt ist dem dokumentarischen libanesischen Filmschaffen gewidmet. Vierzehn kürzere und längere Filme, die zur Hälfte als internationale Koproduktionen realisiert wurden, berichten zumeist über die Konflikte und die Bürgerkriege, unter denen der Libanon seit 1975 immer wieder zu leiden hatte. So zeigt «A World Not Ours» (2012) von Mahdi Fleifel den Alltag im palästinensischen Flüchtlingscamp Ain el-Hilweh. In «Sector Zero» (2012) erkundet Nadim Mishlawi das ausserhalb von Beirut gelegene Karantina, das seit einem Massaker von 1974 ein verlassenes Gebiet ist. Die Rolle der Massenmedien in einem instabilen Land, das seit langem auf der Suche nach einer neuen Identität ist, beleuchtet Wissam Charaf mit seinem Film «It’s All in Lebanon» (2012).

Richard Wagner, dessen 200. Geburtstag dieses Jahr flächendeckend gefeiert wird, erhält in Form der «graphic novel» «The Wagner File» von Ralf Pleger eine Würdigung – und eine Smartphone-App. Dem brasilianischen Musiker Gilberto Gil, der zwischen 2003 und 2008 Kulturminister in der Regierung von Lula da Silva war, wird mit «Viramundo» eine Hommage gewidmet, die ihn bei einfühlsamen Begegnungen mit MusikerInnen rund um den Globus zeigt.
Fredi Bosshard

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