Nr. 18/2015 vom 30.04.2015

Wenn der tunesische Parkwächter das Schweizer Liebespaar stört

Gleichberechtigt zwischen den Kulturen arbeiten: Das Theater Maralam präsentiert eine Koproduktion zwischen Tunesien und der Schweiz. Mit höchst aktuellem Bezug.

Von Nina Scheu

Nur halb geglückte Kulturfusion: Baghdadi Aoun, Mehran Mahdavi, Meret Bodamer. Foto: C. Tobler

Die Katastrophe im Mittelmeer, die Hunderte von Ertrunkenen – sie verleihen der Theateraufführung «So viel Meer zwischen uns» in der Roten Fabrik in Zürich zusätzliche Brisanz. Der Gedanke an das Elend der Menschen, die aus Afrika in den Norden flüchten, schärft den Blick über den Bühnenrand hinaus.

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Veranstaltungsreihe in der Roten Fabrik von der Realität eingeholt wird. Erst kürzlich war es das Lampedusa-Festival, das geplant worden war, lange bevor das Thema wieder in den Medien hochgespült wurde – als wäre die Erkenntnis neu, dass die Flucht von Afrika nach Europa Tausende von Menschenleben kostet.

Gleichberechtigt

Im Zusammenhang mit aktuellen kriegerischen Konflikten und entsprechenden Flüchtlingsdramen wird von PolitikerInnen und Medien die Angst vor einem Siegeszug des gewaltbereiten Islamismus geschürt. Doch die globalen Zusammenhänge des wirtschaftlichen Nord-Süd-Gefälles, aber auch kulturelle Differenzen sind wichtigere Ursachen der humanitären Katastrophe als die erst in jüngerer Zeit hochgekochten Religionskonflikte.

Leider konzentriert sich das Projekt des Theaters Maralam zu sehr auf den Konflikt zwischen Islam und Christentum. Dabei zeigt die hochinteressante Entstehungsgeschichte, wie viel breiter das Thema angegangen werden kann. Konzipiert ist «So viel Meer zwischen uns» nämlich als Zusammenspiel gleichberechtigter UrheberInnen aus der Schweiz und aus Tunesien: Der tunesische Autor Baghdadi Aoun schrieb seine Dialoge noch unter dem Eindruck des Arabischen Frühlings in Tunis, die Texte des Schweizer Schriftstellers Roland Merk entstanden in Basel. Ebenso wurde die Musik zum Stück (von G-Raz, Zürich, und DJ Killa, Tunis) in Nordafrika und der Schweiz zugleich komponiert. Und während Jelida Medeni in Tunis die Entwürfe für die Kostüme zeichnete, arbeitete Nicole Müller in Zürich daran.

Integration ist seit den Anfängen die Triebfeder des Theaters Maralam, das Mitte der achtziger Jahre in Zürich gegründet wurde und häufig mit LaienschauspielerInnen aus verschiedenen Kulturen zusammenarbeitet. «So viel Meer zwischen uns» ist die Quintessenz dieser Bemühungen, das Resultat von zwei gleichberechtigt beteiligten Kulturen. Auf der Bühne stehen der tunesische Autor des Stücks, Baghdadi Aoun, als Schauspieler und die beiden jungen SchweizerInnen Mehran Mahdavi (der als G-Raz auch für einen Teil des Sounds verantwortlich zeichnet) und Meret Bodamer. Die Texte, die sie spielen – und manchmal auch arg pathetisch deklamieren –, kreisen um die Ängste und Vorurteile der Menschen im wohlgenährten Europa gegenüber den Asylsuchenden aus den arabischen Staaten und vor allem gegenüber Muslimen und Musliminnen, die anscheinend allesamt unter Terrorismusverdacht stehen.

In den locker aneinandergereihten Szenen freut sich ein postkolonialer Handlungsreisender über die Gewinne, die er mit überteuertem Weizen in Arabien einstreichen kann, während er gleichzeitig die langfädigen Höflichkeitsrituale beklagt, die dem schnellen Abschluss im Weg stehen. Ein Schweizer Liebespaar fühlt sich in seiner Intimität gestört, weil ein tunesischer Parkwächter nebenan die Grünanlagen reinigt, Touristen in Dscherba üben sich in Herrenmenschenattitüden, und ein tunesischer Einwanderer muss seinen Laden in der Schweiz schliessen, weil die Kundschaft aus Misstrauen vor seinen Glaubensbrüdern und -schwestern ausbleibt.

Plakativ

Die Szenen in diesem Stück sind plakativ und über weite Strecken vom pädagogischen Zeigefinger diktiert. Zumal alles nacheinander in Deutsch, Französisch und Arabisch repetiert wird, damit auch ja alle alles verstehen. Die blumige Sprache der arabischen Texte, die Konflikte häufig mit poetischen Gleichnissen umschreibt, steht dabei im Kontrast zu den abstrakt verschlungenen Gefühlsschilderungen aus der Schweiz. Besser gelingt der kulturelle Schulterschluss in der Musikcollage, die viel Unausgesprochenes zu transportieren vermag. So ist das Experiment der kulturpolitischen Fusion nur halb geglückt.

Nichtsdestotrotz regt das Ergebnis zum Nachdenken über weitere Möglichkeiten des kulturellen Austauschs an – und natürlich auch über allfällige Ressentiments. So ist es hilfreich, dass «So viel Meer zwischen uns» durch zahlreiche weitere Veranstaltungen unter dem Titel «Da, Hier, Dort. Gesellschaften im Wandel» ergänzt wird. Neben einer Auswahl tunesischer Kurzfilme, die nach Zürich auch noch im Rahmen der Winterthurer Kurzfilmtage zu sehen sein werden, laden im Mai mehrere Vorträge und Gesprächsrunden zur Auseinandersetzung mit den kulturellen Unterschieden zwischen Tunesien und der Schweiz und mit den Vorurteilen ein, die weiterhin auf beiden Seiten die Diskussionen bestimmen.

Weitere Aufführungen in der Aktionshalle der Roten Fabrik in Zürich Donnerstag, 30. April 2015, Freitag, 1. Mai 2015, Samstag, 2. Mai 2015, jeweils 20 Uhr, Sonntag, 3. Mai 2015, 18.30 Uhr.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Da, Hier, Dort. Gesellschaften im Wandel» der Roten Fabrik finden zudem vom 10. bis 17. Mai 2015 sechs Diskussionen zum Islam in der Schweiz statt. http://www.rotefabrik.ch/de/konzept/gesellschaften.php

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch