Nr. 18/2015 vom 30.04.2015

Eine unerschrockene Kämpferin und Journalistin

Am 14. April ist die Gewerkschafterin und langjährige ProWOZ-Präsidentin Verena Bürcher gestorben. Ihr Kollege und Weggefährte Hans Schäppi erinnert sich an eine humorvolle und engagierte Mitstreiterin.

Von Hans Schäppi

Resignation war nicht ihre Art: Verena Bürcher, circa 2007 in Saint-Brevin an der französischen Atlantikküste. Foto: Matthias Bürcher

Ich habe Verena Bürcher nicht in der Gewerkschaft kennengelernt, obwohl sie durch und durch eine Gewerkschafterin war. Anfang der 1970er Jahre gab es zwei «revolutionäre», marxistisch ausgerichtete SP-Sektionen im Kanton Zürich. Die wichtige war diejenige im Kreis 7 der Stadt Zürich, die legendäre SP 7, in der Verena Bürcher der politisch führende Kopf war. Ich gehörte nur zur Dependance, zur Sektion Uetikon am See, wo ich zusammen mit der Historikerin Heidi Witzig und anderen KollegInnen ohne grösseren Erfolg die ArbeiterInnen der Chemiefabrik zu politisieren versuchte.

Ich unterrichtete aber damals am Realgymnasium Rämibühl in Zürich, und so war es nur ein Katzensprung an die Freiestrasse, wo Verena Bürcher das Zepter führte und wo diskutiert, beschlossen, geschrieben, gegessen, geraucht – und natürlich auch italienischer Rotwein getrunken wurde. Es war also nichts als konsequent, dass ich sie auf die frei werdende Redaktionsstelle bei der Gewerkschaft Textil Chemie Papier (GTCP) aufmerksam machte, wo ich selber zu arbeiten begonnen hatte.

Reportagen aus den Betrieben

Verena Bürcher war während gut zwanzig Jahren die politische Redaktorin der Zeitung der GTCP, und nach dem Zusammenschluss mit der Gewerkschaft Bau und Holz redigierte sie die «Neue Gewerkschaft», die Zeitung der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI). Ihre Bewerbung als Redaktorin im Zentralvorstand der GTCP im April 1983 begründete sie mit ihrer Nähe zur kämpferischen Politik dieser Gewerkschaft und ihrer Sympathie für die zahlreichen in der Textilindustrie unter harten Bedingungen arbeitenden Frauen. Auch fühle sie sich mit der Zeitung der GTCP verbunden und betrachte sie als das beste gewerkschaftliche Verbandsorgan. Und ohne zu übertreiben, können wir feststellen, dass diese Zeitung es bis zum Ende ihrer Amtszeit geblieben ist. Redaktorin in der GTCP war damals ein politisches Amt. Verena Bürcher war Mitglied der Geschäftsleitung, und wer sie kannte, weiss, dass sie an all den Diskussionen und Auseinandersetzungen, die wir in dieser interessanten Zeit hatten, prägend beteiligt war.

Ihre Spezialität als Journalistin waren Reportagen und Berichte über die KollegInnen in den Betrieben. Mit den besser gestellten BetriebsfunktionärInnen aus der Basler Chemie kam es im Zentralvorstand hingegen manchmal zu Auseinandersetzungen. Denn Fragen der Umweltzerstörung, der Bio- und Gentechnologie waren ihr wichtige Anliegen. Auch die UnternehmerInnen lasen die Gewerkschaftszeitung sehr genau und intervenierten oft im Zentralvorstand.

Die schönste Erinnerung an Verena Bürcher bleibt für mich der Besuch des Europäischen Sozialforums 2002 in Florenz. Sie liebte Italien, verbrachte dort meist ihre Ferien und kannte die dortige linke Szene wie keine andere. Auch war sie begeistert von der seit 2001 gerade in Italien rasch angewachsenen Antiglobalisierungs- und Antikriegsbewegung. In Florenz herrschte eine einmalige Aufbruchstimmung mit Zehntausenden von Pace-Fahnen. Die Demonstration gegen den bevorstehenden Irakkrieg mit über einer Million TeilnehmerInnen, vorab Jugendlichen, war die grösste und farbigste Demo, die wir erlebt haben.

Die andere Welt im Denknetz

Umso herber war nachher die Enttäuschung über den US-amerikanischen Einmarsch in den Irak und über den Niedergang der europäischen Linken – die zwiespältige Haltung des Ulivo-Bündnisses zur italienischen Beteiligung am Irakkrieg, Tony Blairs New Labour und Gerhard Schröders Agenda 2010. Gerade die Entwicklung in Italien muss Verena Bürcher besonders zugesetzt haben.

Resignation war aber nicht ihre Art. Aus der globalisierungskritischen Bewegung stammte ihr Interesse an den Bewegungen und Regierungen in Lateinamerika, wo neue Wege eingeschlagen wurden. Innerhalb des Thinktanks Denknetz bildeten wir die Gruppe Otro mundo, die sich mit dem Linksrutsch in Lateinamerika beschäftigte. Verena Bürcher hat in dieser Gruppe mitgearbeitet, soweit es ihre Gesundheit zugelassen hat. Anfang 2013 planten wir, am Weltsozialforum in Tunis teilzunehmen, um uns mit den Revolten und Entwicklungen in den Maghrebländern auseinanderzusetzen. Dies hat ihr Gesundheitszustand dann leider nicht mehr zugelassen.

Verena Bürcher bleibt in unserer Erinnerung erhalten als Kämpferin, als Internationalistin, aber auch als liebenswürdige, fröhliche und humorvolle Frau.

Hans Schäppi war ab 1978 Sekretär, ab 1984 Präsident der GTCP, später Vizepräsident der GBI. Heute ist er Präsident des Solifonds.

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