Nr. 12/2008 vom 20.03.2008

Über die Grenzen hinaus

Die grösste Schweizer Gewerkschaft Unia weiss, dass ihre Zukunft auch von einer gezielten Frauenförderung abhängt. Noch immer sind Gewerkschaften aber eine klassische Männerdomäne.

Interview: Elvira Wiegers

WOZ: Vania Alleva, wie weit kann es eine Frau bei der Unia bringen? Ist Gewerkschaftsarbeit hierzulande nicht immer noch Männersache?

Vania Alleva: Nein, das ist heute nicht mehr der Fall. Die Unia betreibt systematisch und gezielt Frauenförderung. Gleichstellung gehört bei uns zu den Führungsaufgaben. Es gibt ein Gleichstellungscontrolling und insbesondere bei der Nachwuchsförderung eine Frauenquote von fünfzig Prozent. Zudem wurde bei der Unia-Gründung für alle Gremien ein Frauenanteil von mindestens 25 Prozent in den Statuten verankert.

Wann also werden wir eine Frau als Präsidentin der grössten Schweizer Gewerkschaft sehen?

Die Unia ist eine junge Gewerkschaft, die dieses Jahr ihren ersten ordentlichen Kongress durchführt. Ihre Vorgängerorganisationen waren stark in den klassischen Männerberufen verwurzelt. Ziel des Kongresses muss in erster Linie sein, den Generationenwechsel an der Spitze der Gewerkschaft einzuleiten. Wir Frauen müssen gleichzeitig dafür sorgen, unsere Vertretung zu konsolidieren.

Wann also ist es so weit?

Eine Präsidentin werden wir wohl frühestens beim nächsten Kongress im Jahr 2012 sehen.

Welche Voraussetzungen muss eine Frau erfüllen, um an die Spitze der Unia zu kommen?

Neben den üblichen Kompetenzen in den Kernaufgaben wie Gewerkschafts- und Vertragspolitik, Kampagnen- und Aufbauarbeit muss sie strategisch denken und innerhalb der Organisation vermitteln können. Entscheidend ist eine gute Vernetzung innerhalb der Unia. Und (lachend) natürlich darf sie sich generell nicht von Männern innerhalb und ausserhalb der Gewerkschaft einschüchtern lassen.

Die Unia möchte verstärkt im Dienstleistungssektor Fuss fassen, in dem die meisten Frauen arbeiten. In diesem Bereich der Gewerkschaft gibt es mit über fünfzig Prozent auch die meisten weiblichen Mitglieder. Spiegelt sich dies in der Leitung der entsprechenden Unia-Abteilung wider?

Die Unia wurde gerade auch mit der Absicht gegründet, eine interprofessionelle Gewerkschaft zu werden und sich im Dienstleistungsbereich durchzusetzen. Hier liegt eine unserer grossen Herausforderungen.

Inwiefern?

Dieser Bereich ist traditionell wenig gewerkschaftlich organisiert. Weil dieser Sektor anders funktioniert als die Industrie oder das Baugewerbe, sind wir daran, neue Strategien und Methoden auszuarbeiten und zu erproben. Wir müssen den besten Weg finden, wie wir insbesondere die Frauen ansprechen. Was die Frauenvertretung in der Tertiärleitung betrifft: Sektorchef ist zwar Unia-Ko-Präsident Andi Rieger. Zur Leitung gehören aber drei Frauen. Klares Ziel ist, dass dieser Sektor mittelfristig von einer Frau geleitet wird. Aber die Frauenvertretung muss auch in den anderen Sektoren gestärkt werden.

Auch Sie gehören zum Kader der Unia. Für welchen Bereich sind Sie zuständig?

Ich leite in der Unia-Zentrale seit 2006 die Abteilung Vertrags- und Interessengruppenpolitik mit zwölf Mitarbeitenden und zwei Praktikanten. Sie umfasst alle sektorübergreifenden Bereiche wie zum Beispiel Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz oder die gesamte Vertragsdokumentation. Ebenfalls dazu gehören die Dossiers Wirtschafts-, Arbeitsmarkt-, Gleichstellungs- und Jugendpolitik. Und neben der Abteilungsleitung betreue ich, zusammen mit zwei Kollegen, das Dossier Migrationspolitik.

Wie nehmen Sie in Ihrer Abteilung die Frauenförderung wahr?

Das beginnt bereits beim Formulieren des Inserates. Teilweise kontaktieren wir potenzielle Kandidatinnen natürlich auch direkt. Vielen ist gar nicht bewusst, dass die Unia gerade auch für Frauen ein interessanter Arbeitsplatz ist und Aufstiegsmöglichkeiten bietet. Neu Angestellte unterstütze ich dabei, sich aus- oder weiterzubilden und sich innerhalb der Unia gut zu vernetzen. So schicken wir sie zum Beispiel raus in die Regionen und in die Sektionen, damit sie die Leute vor Ort kennenlernen und direkt mit ihnen Kontakt knüpfen.

Sie haben den Generationenwechsel innerhalb der Unia angesprochen. Sie gehören selbst zur neuen Generation von Gewerkschafterinnen: Hat es eine junge Chefin nicht besonders schwer mit den älteren Mitarbeitern?

Daran musste ich mich bereits bei der Gewerkschaft Bau und Industrie GBI gewöhnen, wo ich 2001 die Leitung des Bereiches Migration übernahm. Schon damals gab es Kolleginnen und Kollegen im Team, die zwanzig Jahre älter waren als ich oder teilweise bereits seit zwanzig Jahren in der GBI arbeiteten. Diese Zusammenarbeit habe ich meistens als Bereicherung empfunden. Grosse Probleme hat mir das nie bereitet.

Wirklich?

Schwierig war meine Führungsaufgabe lediglich, als unsere Abteilung von den Umstrukturierungen in Folge der Fusion besonders stark betroffen war und wir Abteilungen zusammenlegten und Aufgabenbereiche neu verteilten.

Sie befassen sich seit 2001 mit Migration. Welche Veränderungen haben Sie in dieser Zeit bei Ihrer Arbeit erfahren?

Einerseits haben wir migrationspolitische Positionen innerhalb der Gewerkschaftsbewegung besser verankert und den Interessen der Migrantinnen und Migranten Gehör verschafft. Das ist positiv. Andererseits hat sich leider das Klima in der hiesigen Migrationspolitik massiv verschlechtert. Vor fünf, sechs Jahren gab es innerhalb der meisten Parteien noch einen gewissen Konsens. Zum Beispiel über die Integration als Voraussetzung für Chancengleichheit, die Aufenthaltssicherheit oder die gesellschaftliche Partizipation. Diesen Konsens gibt es nicht mehr.

Und wie gehen Sie damit um?

Klar ist: Es gibt Ängste in der Bevölkerung. Diese Ängste werden systematisch geschürt durch die Hetzkampagne der SVP, die seit nunmehr zwanzig Jahren andauert. Und die öffentliche Debatte verläuft meistens eingleisig und negativ. Doch die Realität ist - trotz aller bestehenden Probleme - eine andere: Die Leute arbeiten und leben zusammen. Diese Normalität der Migration, diese positive Seite, erfahre ich bei meinen täglichen Kontakten. Um diese positive Wahrnehmung zu stärken, muss man immer wieder auf die Leute zugehen und die Ängste thematisieren.

Welches ist die grösste Herausforderung bei der Migrationsarbeit?

Dranzubleiben und motiviert zu sein, obwohl man positive Resultate im Bereich Migration nur langsam und in einem sehr bescheidenen Rahmen erreicht. Und leider bedeutet ein positives Resultat oft nur, dass eine Verschlimmerung der Situation verhindert werden konnte.

Mit welchen Organisationen arbeiten Sie zusammen?

Als Präsidentin der Migrationskommission des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes arbeite ich mit den anderen Gewerkschaften zusammen. Dazu kommt ein enger Austausch mit Nichtregierungsorganisationen wie etwa mit Solidarité Sans Frontières. Sehr wichtig ist uns zudem der direkte Kontakt mit Migrantenvereinigungen.

Und international?

Auf internationaler Ebene haben wir vor allem mit Gewerkschaften der Herkunftsländer unserer Migrantengruppen wie Portugal oder Italien zu tun. Interessant ist, dass wir zurzeit von nordeuropäischen Kollegen und Kolleginnen um Informationen zu unserer Integrations- und Partizipationsarbeit gebeten werden, da die skandinavischen Gewerkschaften nun auch verstärkt für das Thema Migration sensibilisiert sind.

Viele Unternehmen lagern ihre Produktionen dorthin aus, wo es möglichst tiefe Löhne und wenig Arbeitsrechte gibt. Wie gut funktioniert die weltweite Zusammenarbeit zwischen den Gewerkschaften?

Diese Zusammenarbeit müssen wir verbessern. Unia verstärkt deshalb zum Beispiel ihre länderübergeifende Arbeit in Grosskonzernen und ihr Engagement in den europäischen Betriebsräten. Dazu gehört auch, mit multinationalen Schweizer Konzernen globale Rahmenabkommen mit grundlegenden Arbeitnehmerrechten abzuschliessen. Diese sollen für alle Länder gelten, in denen die Unternehmen tätig sind. Solche Verhandlungen laufen zurzeit zum Beispiel mit dem Zementkonzern Holcim.

Gibt es noch andere Ansätze bei der internationalen Zusammenarbeit?

Gewerkschaften verschiedener Länder haben beispielsweise das Projekt Migrant Workers Network lanciert. Dieses soll Migranten und Migrantinnen, die ja häufig kurzfristige Jobs in verschiedenen Ländern haben, unterstützen - mit Informationen und der Vermittlung von gewerkschaftlichen Ansprechpersonen. In einer ersten Phase konzentriert sich das Projekt auf Personen aus dem Osten, welche im Bausektor arbeiten. Ganz allgemein ist die Zusammenarbeit mit globalisierungskritischen, internationalen Solidaritätsbewegungen wichtig.

Zurück zur nationalen Optik. Wie erklären Sie sich, dass gerade die Schweiz als klassisches Einwanderungsland keine Migrationspolitik hat?

Migration und Integration sind nicht Teil des schweizerischen Selbstverständnisses. Die Schweiz definiert sich nicht als Einwanderungsland. Das wäre jedoch die wichtigste Voraussetzung dafür, eine entsprechende Politik zu betreiben.

Wie müsste denn eine zeitgemässe Migrationspolitik aussehen?

Erstens brauchen wir ein anderes Ausländergesetz. Eines, das der Realität entspricht. Zu dieser Realität gehören die 100 000 in der Schweiz arbeitenden Sans-Papiers. Wir müssen die Zulassungspolitik der effektiven Situation anpassen und neben unseren eigenen Bedürfnissen auch diejenigen der Migrantinnen und ihrer Herkunftsländer berücksichtigen. Zweitens brauchen wir einen anderen Umgang mit den hier lebenden Migranten. Wichtig wäre eine aktive Integrationspolitik, die allen Migranten und Migrantinnen in der Schweiz die gleichen Rechte zugesteht, unabhängig von Herkunft und Geschlecht.

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