Nr. 19/2015 vom 07.05.2015

Manchmal riechst du nach Rom

Er war Journalist, Schriftsteller, Dichter, Fotograf und Lehrer. Seine Liebe galt den Menschen – nur das mediokre Mittelmass bedachte er mit saftigen Ausdrücken. Am 20. April ist Alois Bischof im Alter von 64 Jahren gestorben.

Von Michèle Fuchs

Alois Bischof.

Beim Gehen hat er den Kopf hoch getragen, und ruhig hielt er ihn. Ich dachte immer, dass sich Gedanken in dieser Haltung wohl gut in Worte verwandeln lassen.

Komm, wir gehen ins Kino oder wandern nach Weihnachten!

Mit feinspürigen Sinnen hat er die Umwelt erfasst, Farbnuancen erkannt, Gesichter durchschaut und Launen der Natur mit Worten beschrieben, die man riechen konnte.

Alois Bischof hat sich der Sprache lustvoll bedient, seine Reportagen und Berichte in der WOZ, im «Du», im «Magazin» und in der «Zeit», seine Gedichte (wie im Band «Unterwegs») und sein Roman «Das Verhängnis» sind nie trocken oder öde. Süffig die Texte, sorgfältig und eigensinnig, voller Adjektive und Sätze, die man langsam liest.

Süss und voller Achtung

Über die Jahre hat sich ein anschaulicher Berg an Texten unterschiedlichster Inhalte aufgetürmt. Darin umschrieben sind unter vielem anderem Bohrtürme vor der Küste Englands, die Grossgiesserei Sulzer (im Bildband «1310 Grad Celsius» mit Andreas Wolfensberger), ja, da war eine grosse Freude an grossen Maschinen und Konstrukten – er hat ja früher auch diese tollen Motorräder geritten, voller Lust und gerne ganz solo seine Touren gedreht, wenn jemand mitfuhr, war er vorsichtig, und die Neigung in der Kurve war kleiner.

Da sind Schriften über Vreni und andere speziell begabte Menschen, «Behinderte», denn seine eigentliche Liebe galt den Menschen, und dabei beeindruckte er uns alle mit seiner Gutmütigkeit und Toleranz. Da sind Berichte über das Zusammenleben im Kleinbasel, das er liebte, viele Porträts von unterschiedlichsten Menschen präzise in allen Schattierungen, respektvoll gezeichnet, da sind auch Fotos, oft schwarzweiss, intim und stilvoll.

Alois mit seinem beherzten Lachen, dem durch die buschigen Brauen gut geschützten ernsten Blick, dem Fotoapparat, der Zigarette, dem Glas, dem Hund, der Mütze. Alois, der über Ängste sprechen konnte, der kleine Messdiener, der schrecklich schöne Alois, der auch mal als Model eine gute Falle gemacht hat. Wow. Alois, der eigentlich Atheist war und doch irgendwie katholisch. Wer seinen Roman «Das Verhängnis» gelesen hat, hat vielleicht auch einen kennengelernt, der sich in abtrünniger Düsterkeit suhlen kann. Leiden. Angst.

Manchmal riechst du nach Rom, manchmal nach Paris, manchmal weiss ich nicht, wonach.

Alois, der gerne im Rhein zu Kleinbasel schwamm und in der «Badhütte» in Rorschach.

Süss und voller Achtung klangen seine Worte, wenn er etwa von Niklaus Meienberg sprach, von Robert Walser, Pier Paolo Pasolini, Irène Schweizer, Friedrich Glauser, Else Lasker-Schüler, Federico Fellini, Leonard Cohen oder Bob Dylan – Letzteren zitierte er oft und laut. Voller Verachtung aber, mit elitär erhobenem Kinn wurde das mediokre Mittelmass mit saftigen Ausdrücken und arroganter Ignoranz abgetan, und die zeitgenössische Kunst hatte es nicht nur leicht mit ihm.

Ach, warum bin ich nicht zu den Lesungen gekommen, wo, wie ich gehört habe, ein lauschiges Grüppchen Zuhörender an seinen Lippen hing, in der ehemaligen Brauerei, wo er oft Gast war, in der «Kulturbeiz 113».

Alois, der so diskret sein konnte und seine Freundin nicht immer allen vorgestellt hat. Da gab es getrennte Welten. Sein grosser Freundeskreis aus den Lokalen, die er täglich besuchte, warme Brüderlichkeit, die Bubentreffen, viel Alkohol, viel Qualm, viel Lachen und Schwelgen, und dann der private geschützte Raum, das warme Nest, die Küche, die Blumenvasen mit den bräunlich verdorrten Rosen, die Freundin … Papier, Papier, Papier und leere Flaschen. Da gibt es seine Wahlfamilie, die heisst Klaus, ein Halbbruder H. und B., das Göttimeitli im Osten, Vetter J. in Liechtenstein, die ihm Verbindlichkeit und Treue bedeuteten und jetzt mit uns weinen.

Die SchülerInnen haben ihn berührt

Alois, der Lehrer. An der Schule für Gestaltung im Vorkurs hat er das Unterrichten lieben gelernt. Wenn ich dachte, er habe ein spezielles Herztürchen zu Menschen mit Behinderung oder zu «traurigen Gestalten», dann erfuhr ich jetzt von einem weiteren Törchen zu seinen Studentinnen und Studenten. Bis zuletzt hat er an der Berufsfachschule für Gesundheit in Münchenstein Kulturwissenschaft unterrichtet und dort einen tiefen Eindruck hinterlassen. Die Schülerinnen und Schüler haben ihn berührt, und er strahlte, wenn er von ihnen erzählte.

Alois, der Schelm. Er hat sich viel zu früh aus dem Staub gemacht. Er hat dabei einiges aufgewirbelt. Viele stehen wieder etwas enger zusammen und suchen gemeinsam nach Trost.

Wahrscheinlich sitzt er aber bereits mit Niklaus Meienberg zusammen und stösst auf uns alle an.

Michèle Fuchs ist Schauspielerin und Performerin aus Basel und wirkt seit 1998 bei Les Reines Prochaines mit. Dieser Nachruf erschien bereits in der Basler «TagesWoche» vom 24. April.

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