Nr. 33/2013 vom 15.08.2013

Ein Aufklärer, den nichts kalt liess

Kaum ein Journalist hat in der Schweiz derart polarisiert, aufgewühlt und so heftige Debatten ausgelöst. Zwanzig Jahre nach seinem Selbstmord im September 1993 haben sechs AutorInnen Texte von Niklaus Meienberg neu gelesen. Und festgestellt: Ihre Aktualität und Dringlichkeit sind ungebrochen.

Diese Bildserie erschien 1976 in «Das Konzept»: Sie illustriert den Kampf zwischen Niklaus Meienberg und Kurt Furgler, damals Chef Justiz- und Polizeidepartement. Um der Tätigkeit linker Elemente «einen Riegel zu schieben, hat das Eidg. Justiz- und Polizeidep. (…) eine Eidg. Versuchsanstalt zur Umwandlung (…) exzessiver Demokratiesüchtiger errichtet.» Illustration: Beat Schweingruber und Christine Misérez

«Salut et Fraternité, Ernst!»

Einer singt, spielt Trompete, schlendert in St. Gallen herum. Nimmt sich als Lumpenproletarier ein paar Freiheiten heraus, die ihm nicht zustehen. Die Schule, die Kirche, die Fabrik, die Justiz versuchen, Ernst S. zu disziplinieren. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1942 erschiesst ihn das Militär, als ersten von siebzehn «Landesverrätern» im Zweiten Weltkrieg, in einem Wald. Der Bundesrat, die Industriellen, die Offiziere, die mit den Nazis sympathisieren, kommen davon.

«Ernst S. ist die Lackmusprobe», schreibt Niklaus Meienberg. «Er zwingt die Gesellschaft, Farbe zu bekennen. Sie schlägt nach unten, mit Vorliebe nach ganz unten.» Einzelne Texte von Meienberg wirken heute verstaubt, die Reportage «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.» hat für mich eine universelle Gültigkeit bewahrt. Meienbergs Sprache wird oft als wortgewaltig und lustig beschrieben, und selbst bei der Lektüre von «Ernst S.» muss ich oft lachen, wie wäre die Tragik sonst zu ertragen? Aber ich glaube, man kann von Meienberg etwas Wichtigeres lernen, nämlich, die Frage zu stellen: Wer spricht?

Foto: Roland Gretler

Die Reportage über Ernst S. ist eine Collage aus Zitaten, Akten, Gutachten, und selbstverständlich sprechen die Brüder ganz anders über ihn als der Psychiater. In diesen Widersprüchen werden die Machtverhältnisse sichtbar. Meienberg versteht es, sie auf die St. Galler Topografie zu übertragen: unten im Sittertobel die ArbeiterInnen, oben auf dem Rosenberg die Reichen. Einmal taucht Meienberg selbst auf und nimmt Partei für Ernst S.: «Er hat in derselben Stadt gelebt wie ich, und doch in einer ganz verschiedenen Welt. Er im untersten Stock, ich im mittleren, und eine Stiege gab es nicht. Ich habe ähnliche Anlagen wie S., aber weil ich im Kleinbürgertum geboren bin, hat man mir nachgesehen, was man dem S. nicht verzieh. Salut et Fraternité, Ernst!»

Sah man es Meienberg nach? Gewiss war er ein Mann des Kalten Kriegs, der den Konflikt brauchte und vermutlich zerbrach und zerbrochen wurde, als nach 1989 die bekannten Konfliktlinien plötzlich weg waren. Aber er bleibt eben doch sehr genau in seinen Beobachtungen und eindeutig in seiner Haltung. Was mir auffiel, als ich «Ernst S.» wieder gelesen habe: dass es auch eine Wirtschaftsgeschichte ist, nicht nur über die Arbeitsverhältnisse in der Zwischenkriegszeit, sondern auch in den Siebzigern. Meienberg beschreibt, wie AusländerInnen die schlecht bezahlte Arbeit übernehmen, und fragt sich, ob sich ein Fall wie der von Ernst S. wiederholen könnte: «Vielleicht würde es ein paar kommunistische Fremdarbeiter treffen, die jetzt die Arbeit des S. verrichten, wegen ‹Sabotage› oder so?» Aus der kommunistischen Sabotage ist vorläufig nichts geworden, und wer in der Schweiz aufbegehrt, wird heute an keine Tanne mehr gebunden. Doch Fesseln werden weiterhin angelegt, beispielsweise in den Ausschaffungsgefängnissen.
Niklaus Meienberg: «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.». Limmat Verlag. Zürich 1977. Erweiterte Neuausgabe 1992.

Kaspar Surber

Vom Luxus der Unabhängigkeit

«Aus Zürich kann ich Ihnen melden: keine kriegerischen Vorkommnisse im März. Die Zeitungen plumpsen frühmorgens pünktlich in die Briefkästen, die Redakteure streben unbehelligt in die Zeitungsgebäude.»: So beginnt ein offener Brief, den Niklaus Meienberg am 5. April 1993 im «Tages-Anzeiger» veröffentlicht. Adressat: Zlatko Dizdarevic, Chefredaktor der Tageszeitung «Oslobodjenje» in Sarajevo.

Sarajevo ist während des Bosnienkriegs (1992–1995) in einen bosniakisch-kroatischen und einen serbischen Teil geteilt. Das von den Regierungstruppen kontrollierte Zentrum wird 1425 Tage von der bosnisch-serbischen Armee belagert. Täglich schlagen in Sarajevo durchschnittlich 330 Granaten ein. Bis zum Ende der Belagerung im Februar 1996 werden schätzungsweise 11 000 Menschen getötet und 56 000 teilweise schwer verletzt.

Zwanzig Jahre später wird man sich bei der neuerlichen Lektüre in der Zürcher Redaktionsstube wieder mal bewusst, wie privilegiert sich hierzulande selbst kritischer Journalismus betreiben lässt. Verglichen zumindest mit den KollegInnen in Sarajevo, die in einem Luftschutzkeller arbeiteten, nachdem das Gebäude von Granaten zerstört worden war. Meienberg: «Vor dem Krieg betrug die Auflage 800 000, jetzt ist sie auf 1000 (in Worten: tausend) gesunken. (…) Manchmal werden auch nur 300 Exemplare der Zeitung, die jetzt noch aus vier Seiten besteht, verteilt, unter Lebensgefahr.»

5 Mitarbeiter starben im Krieg, 25 wurden verletzt. Und trotz der Umstände erlaubten sich die BlattmacherInnen «den Luxus der Unabhängigkeit»; sie widerstanden den Subventionsangeboten der bosnischen Regierung, «vergesellschafteten» die Zeitung, vertraten eine antinationalistische, linksliberale Position, es schrieben weiterhin MitarbeiterInnen aus allen Bevölkerungsteilen. «Ein urdemokratisches Zeitungsmodell, mitten in der Katastrophe realisiert», so Meienberg. Er zweifelt, «ob unsere grossen Zeitungen in Zürich, falls wir auch einmal Krieg haben, sich derart radikal gegen die Zensur auflehnen würden».

Aus Zürich berichtet er: «Kein Redakteur musste sich bücken oder auf den Boden werfen (…), es rauchen nur die Köpfe, nicht das Haus.» Sein Brief an Zlatko Dizdarevic ist einer der letzten Texte, die Meienberg veröffentlichte. Fünf Monate später nimmt er sich das Leben. In Zürich, wo «man mit Schreiben höchstens eine Stelle, nicht aber das Leben riskieren» kann.

In Sarajevo haben sich die Umstände seither erheblich verändert: Seit 2006 ist die «Oslobodjenje» (deutsch: Befreiung), die im Zweiten Weltkrieg von jugoslawischen PartisanInnen gegründet wurde, im Besitz einer Tabakfabrik und einer Brauerei.

«Zürich–Sarajevo. Offener Brief an den Chefredakteur von ‹Oslobodjenje› und sein Redaktionsteam». Erstveröffentlicht am 
5. April 1993 im «Tages-Anzeiger». Aus: Niklaus Meienberg: «Reportagen». Band 2. Limmat Verlag. Zürich 2000.

Adrian Riklin

«Martine, die triefäugige Hur»

Schon viel diskutiert über Meienberg dieses Jahr. Und immer wieder das Argument gehört: Aber diese Sprache, die ist ein Phänomen seiner Zeit. Die Lust an der Provokation, das deftige Vokabular – das war in der Linken nach 1968 verbreitet. Ja natürlich: Es muss für einen wie Niklaus Meienberg ungemein lustvoll gewesen sein – katholisch erzogen, wie er war –, Wörter wie «Schwanz» zu brauchen. Und das erst noch in der Zeitung.

Mit der gleichen Freude beschrieb er seine Strasse in Paris, seinem «Fluchtort». Ironisch und farbig ist sie geworden, die Reportage von 1971. Meienberg führt seinen Schweizer LeserInnen eine Welt vor, über die sie staunen und sich grausen können. Wo ein WC für sieben Wohnungen reichen muss. Wo noch Strassensängerinnen, Scherenschleifer und Störglaser durch die Strassen ziehen, wo es Messerstechereien und sichtbare Prostitution gibt. Wo polnische, elsässische und nordafrikanische Juden, algerische Musliminnen, Kabylen und «die Zigeunerin Anna aus dem Kaukasus» nebeneinander leben. Meienberg will nicht verklären: «… lauter kleine Ghettos. Die Tunesier verkehren nicht mit den Algeriern. (…) Der polnisch-jüdische Metzger Salomon Edel (…) kann den katholischen Polen vom Ellen-Hotel nicht riechen. (…) Die Situation ist nur deshalb nicht explosiv, weil keine eindeutige Mehrheit eine eindeutige Minderheit kujonieren kann.»

Meienberg hat Mitleid mit dem jüdischen Patissier David Abitbol, der sich nach Tunis zurücksehnt, und mit den Kabylen: «Die Familien sind meist in Algerien geblieben. Ihre Sexualnot ist dementsprechend.» Aber seine Empathie ist ungleich verteilt: Sie gilt ausschliesslich Männern. Die Frauen sind unsympathisch. Die «Witwe Pernelle» in seinem Haus (einen Vornamen hat sie offenbar nicht) ist antisemitisch, und die namenlose «französische assimilierte Jüdin von der Druckerei Azur» rümpft «ihr feines Näschen über die Orientalen insgesamt».

Mit anderen Frauen hat Meienberg nicht gesprochen, er beschreibt sie nur. Zum Beispiel alte arabische «Vetteln»: «Wenn die Ampel auf Rot steht, hört man ihr Keifen und Schnattern, irgendeinen arabischen Dialekt. Wenn der Verkehr bei Grün wieder flüssig wird, sieht man nur noch ihre zahnlosen Mäuler auf- und zuschnappen. Manchmal kratzen sie ihre unförmigen Leiber, manchmal bekämpfen sie einander, streiten um den besten Platz, fahren einander an die Gurgel.» Und dann ist da noch «Martine, die triefäugige Hur»: «Sie ist abgetakelt und musste ihren Preis auf 30 Francs senken, Hotel inbegriffen, um im Geschäft bleiben zu können. (…) Gott mach’s ihr einmal wett.»

Ist eine solche Sprache, die Frauen vorführt ohne jede Empathie, auch mit der Provokationslust der Epoche erklär- und entschuldbar? Ich denke nicht. Sie führt vielmehr nahtlos einen jahrhundertealten Sexismus weiter. Meienberg beschreibt Prostituierte mit dem Blick eines Freiers, auch in anderen Texten. Weil «die adretten Huren der Rue St-Denis» rassistisch seien, müssten die Kabylen mit ihrer «Sexualnot» ins Araberbordell, «und das ist kein ungetrübter Genuss». Wie es den Frauen in diesem Bordell geht, interessiert ihn nicht. Noch 1986, in den Erinnerungen an seine Zeit in New York («250 West 57th Street»), bemitleidet er sich, weil er sich damals als junger Bürogehilfe den Bordellbesuch nicht leisten konnte.

Natürlich lässt sich Meienbergs Werk nicht auf solche Passagen reduzieren. Aber sie zeigen, dass posthume Heldenverehrung fehl am Platz ist, dass der grosse Stilist manchmal auch ein unreflektierter Sexist war. Als er zu schreiben begann, gab es bereits eine feministische Bewegung, die Debatten auch über Sprache führte. Er konnte sich also nicht hinter seiner Zeit verstecken. Meienberg lesen ist – zumindest für Frauen und Feministen – kein ungetrübter Genuss.

«Rue Ferdinand Duval, Paris 4e (Mein Standort)». Erstveröffentlicht 
am 11. Dezember 1971 im «Tages-Anzeiger-Magazin». Aus: Niklaus Meienberg: «Reportagen». Band 2. Limmat Verlag. Zürich 2000.

Bettina Dyttrich

Brüderlichkeit im Feriennationalpark

Sie umfrieden ihre Gärtlein «peinlich streng», helfen sich gegenseitig beim Werkeln, haben geräuschlosen Sex, reden nicht über kontroverse Themen. So also verbrachten die Polizisten, Magaziner und Hauswarte mit ihren Gattinnen die Wochenenden im Wohnwagencamping in Wagenhausen am Rhein SH, als Niklaus Meienberg sie im Sommer 1973 besuchte.

In «Die Aufhebung der Gegensätze im Schosse des Volkes» beschreibt Meienberg eine Wochenendgesellschaft, deren Frieden unter Aufsicht des Platzwarts Herr Näf in strengen Regeln, Werten und Normen aufrechterhalten wird: «Die gleichmässige Strenge des Herrn Näf ist wie ein Schmelztiegel, wo Klassenunterschiede eingeschmolzen werden.»

Der Campingplatz als Zufluchtsort für die BüezerInnen der Mittelklasse – und ein Lichtblick, der sie jede neuerliche Woche des «Krampfens» überstehen lässt. Die «stille Hoffnungslosigkeit (…), sie grüsst herüber aus der Arbeitswelt, der man wieder einmal für zwei Tage entkommen ist».

Hier das Freizeitidyll, dort die mühselige Arbeit: Vierzig Jahre später ist das für viele kaum noch vorstellbar – heute, wo die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit vielerorts verwischen und das flexible Individuum seine Freizeit ökonomisch zu gestalten sucht. Der trügerischen Freiheit der Teilzeitangestellten und FreelancerInnen steht ein zunehmender Freizeitstress gegenüber: Im Zeichen der stetigen Selbstoptimierung konsumieren, networken und strampeln wir uns freizeitlich ab.

So betrachtet hat das Modell Wagenhausen etwas für sich. Hier muss sich niemand selbst gestalten, um den persönlichen Erfolg zu maximieren. Niemand muss «mehr sein (…) als die anderen», viele erleben hier «zum erstenmal einen Anflug von Brüderlichkeit».

Jedoch funktioniert das Modell nur durch die Zwänge, denen sich seine InsassInnen unterwerfen: «geistig Minderbemittelte» könnten nicht gebraucht werden, zitiert Meienberg eine Bewohnerin. Die scheinbare Solidarität geht nur so weit, wie sich die BewohnerInnen anpassen. Ansonsten wird schon mal jemand «vom Platz geekelt». Anderssein ist unerwünscht.

Die Wochenendgesellschaft von Wagenhausen ist ein hochaktuelles Sinnbild für die Politik in diesem Land, wo alles schön sauber und ruhig sein soll. In dem allfällig störende Elemente präventiv aus dem öffentlichen Raum verbannt und Asylsuchende weggesperrt werden, damit sie in der Badi nicht die ansässige Bevölkerung verschrecken. Auf dass sich Herr und Frau Schweizer in einer heilen Welt wähnen und tun können, als seien sie selbst wohlanständige BürgerInnen, in ihrem eigenen peinlich genau umfriedeten Gärtlein. Doch im Innersten ahnten es wohl schon die WagenhauserInnen: All dies ist Illusion. Die Realität ist nicht Wagenhausen, die Realität ist Montag bis Freitag. Das sollten heutige WagenhauserInnen diese Landes endlich einmal begreifen.

Und so kann man wie Meienberg «nicht anders als bitter ironisch werden, weil sich die Brüderlichkeit auf einen Feriennationalpark beschränken muss, weil alle Sehnsucht aus der Arbeit weg ins Wochenende verlagert wird, wie die Sehnsucht auch am Wochenende hängen bleibt im Gestrüpp der hässlichen Gewohnheiten, die einer haben muss, wenn er ausserhalb von Neu-Wagenhausen nicht sofort vertrampt werden möchte».

«Die Aufhebung der Gegensätze im Schosse des Volkes. Die Wochenendgesellschaft von Wagenhausen am Rhein» erschien zuerst am 25. August 1973 im «Tages-Anzeiger-Magazin». Aus: Niklaus Meienberg: «Reportagen». Band 2. Limmat Verlag. Zürich 2000.

Susi Stühlinger

Das Insekt unterm Mikroskop

Was musste man nicht alles lesen über Papst Franz in Brasilien. Schon nur die Ankunft in Rio de Janeiro: Fünf Staatskarossen standen bereit. Und was tut der Chef des Vatikans? Er steigt in einen kleinen Fiat. Welch Zeichen! Franz, der Papst der Armen! Auch die sogenannte Qualitätspresse schrieb das. Als wären die Limousinen und der Kleinwagen nicht eigens angemietet worden, damit der Papst ganz spontan den Kleinwagen wählen kann. Ein PR-Gag, der gierig als tiefgründige Botschaft gefressen wurde.

Es ist ganz ohne Zweifel das Recht des Vatikans, mit seinem jeweiligen Papst eine PR-Show zu inszenieren. Und es ist die Pflicht aufgeklärter JournalistInnen, diese Show als solche zu entlarven. Einer der Letzten, die dies getan haben, war Niklaus Meienberg in einer Reportage, die unter dem kryptischen Titel «O wê, der babest ist zu junc. Hilf, herre, diner Kristenheit» in der WOZ vom 22. Juni 1984 erschienen ist. Es handelt sich um ein Zitat von Walther von der Vogelweide angesichts der Wahl des noch ziemlich jungen Innozenz III. zum Papst im Jahr 1198. Der spielt im Text keine Rolle. Es geht um Johannes Paul II. und seinen Besuch vom 12. bis 17. Juni 1984 in der Schweiz.

Niklaus Meienberg hat diesen Besuch mit den neugierigen Augen des Ethnologen akribisch beobachtet: «Kinder streichelt er sowohl übers Haar als auch direkt am Gesicht, dieses meistens von oben nach unten.» Er hat genau zugehört: «Sein Deutsch ist passabel, er pflegt auf polnische Art das ö durch ein e zu ersetzen: Erlese uns von dem Besen.» Als demütige Gläubige bei einer öffentlich zelebrierten Messe die Stufen hinauf zum Hohepriester stiegen, um aus seiner Hand die Eucharistie zu empfangen, stellte Meienberg das Gesehene in den religionsgeschichtlichen Kontext: «Wir sind einen Moment bei den Inkas oder Mayas.»

Meienberg hat nicht nur zugesehen und zugehört, er hat auch recherchiert. Er wusste, dass Karol Wojtyla gern polnischen Wodka mit Tomatensaft trank – und dass die Verstärkeranlage, über die er in Fribourg zu den Gläubigen sprach, «für 38 000 Franken bei der Scientology-Sekte gemietet worden ist». Er hat sich als hintergründiger Reporter einer Wochenpublikation die Zeit genommen, die Berichterstattung der Tagespresse zu verfolgen, und zitierte dabei auch ausführlich aus dem «Einsiedler Anzeiger». Etwa aus der atemlos erzählten Geschichte vom Telefönler Franz Lüönd, der in der Zelle des Klosters Einsiedeln, in der Johannes Paul II. nächtigen sollte, einen grauen Tastenapparat installiert hatte.

Dass man Häupter religiöser Gemeinschaften durch Milchgläser betrachtet, um nicht die Gefühle ihrer AnhängerInnen zu verletzen, ist heute politisch korrekt. Meienberg hatte einen anderen Blick: den eines Wissenschaftlers, der durchs Mikroskop ein Insekt studiert. Er war seinem Gegenstand ganz nah und doch ganz unbeteiligt. Aus dieser Dialektik entsteht Erkenntnis.

Meienberg drängte uns seine Schlüsse nicht auf, er erwähnte sie ganz beiläufig. Etwa in der Beschreibung des Altars, der vor dem Kloster Einsiedeln für eine Freiluftmesse errichtet worden war, davor eine schusssichere Scheibe: «Ist ein Altar mit Panzerglas noch ein Altar? Ein Showbusinessaltar.» Herrgott! Wenn doch heute einer so über Franz schriebe!

Die Reportage «O wê, der babest ist zu junc. Hilf, herre, diner Kristenheit» erschien zuerst in WOZ Nr. 25/84. Sie wurde in die Sammlung «Niklaus Meienberg: Reportagen», Band 2, 
Limmat Verlag, Zürich 2000, aufgenommen.

Toni Keppeler

Deutungshoheiten stürmen

Für gewöhnlich begegnet man Meienberg nicht mehr einfach so, wenn man nicht nach ihm sucht. Hier schon: «Wär die Bastille in Bern gestanden / Sie hätten zuerst den Denkmalschutz gefragt» steht zwischen fetten Anführungszeichen an der Wand im «Rössli», der Bar der Berner Reitschule. Es ist Meienberg, der sich über das Duckmäusertum der Schweizer BürgerInnen aufregt, wie die Autorenzeile über dem Zigarettenautomaten verrät.

Die Zeilen stammen aus dem undatierten Gedicht «Les mots», das 1981 im Band «Die Erweiterung der Pupillen beim Eintritt ins Hochgebirge. Poesie 1966–1981» veröffentlicht wurde. Der Band ist vergriffen, anders als Meienbergs Reportagen wurde die Lyrik nie neu aufgelegt. Er kombiniert hier Stiche, Zeitungsausrisse, Inserate, Bildchen mit seinen Gedichten, räubert sich durch fremde Texte, die ihm als Ausgangspunkte ganzer Versatzstücke dienen. «Umtopfen» nennt er diese überbordende Intertextualität. Wer nach griffigen Zweizeilern und zotigen Polithaikus sucht, wird hier fündig. Sie sind auch heute geeignet, an Wände alternativer Kulturzentren geschrieben oder zumindest auf den Kühlschrank geklebt zu werden: «Lasset das Pflaster zum Bürger kommen / statt umgekehrt.»

Nun aber die Bastille. In «Les mots» nimmt Meienberg einen Steilpass des französischen Historikers Michel de Certeau auf: «1968 eroberte man das Wort, wie man 1789 die Bastille eroberte.» Nirgends in Europa hatten die Proteste 1968 ein derartiges Ausmass erreicht wie in Paris, wo sich Meienberg damals als «Weltwoche»-Korrespondent niedergelassen hatte. Dagegen kenne die Schweiz «keine Revolutionstradition», klagt er in «Les mots». Sie gehe uns SchweizerInnen ab, uns «keimfreien Kummerbuben Feuilletonfreaks», hadert er noch zehn Jahre später im Gedicht «Ode an die Schweizerische Bankgesellschaft». In Frankreich habe man die grosse Ummodelung der Gesellschaft schliesslich auch nicht angeregt, indem man «den Lieutnant der Police unterthänigst anfrug / ob er es wohl gestatte s’il vous plaît / und ob das den König nicht vergräme / wenn man die Bastille ein bisschen nähme».

Gegenüber Meienbergs frankophilen Lobreden entwickelt sich leicht ein plötzlicher patriotischer Verteidigungsreflex: So verstockt, wie er uns SchweizerInnen darstellt, sind wir doch gar nicht. Zum einen wurden die gnädigen Herren der Schweiz auch mithilfe von Revolutionen eingemittet, zum anderen bauten die Menschen auch hierzulande Barrikaden, wenn es der Staatsgewalt die Stirn zu bieten galt. Viel lieber allerdings verlässt man sich hier auf andere Methoden, um alte Bollwerke nieder-
zureissen. Geradezu meisterlich sind die BürgerInnen der Schweiz in der Disziplin des Wortergreifens, oder wie Meienberg es umschreibt: «Die Banken haben wir nicht / aber die Wörter / nehmen wir ihnen weg / hoppla.» Es ist die Revolution über das Mittel des demokratischen Diskurses. Was etwa die Worte «Gerechtigkeit» und «Gleichheit» bedeuten, wird derzeit ausgehandelt mittels Initiativen wie «1:12» .

In der Rössli-Bar nun hat man Meienbergs Schweizrüffel ein Denkmal gesetzt. Hinter denkmalgeschützter Fassade und denkmalgeschützten Türen, die bei der Besetzung 1987 ohne grosses Federlesen aufgebrochen wurden. Eine Bastille ist das zwar nicht, aber immerhin.

Aus: Niklaus Meienberg: «Les mots», in: «Die Erweiterung der Pupillen beim Eintritt ins Hochgebirge». Limmat Verlag. Zürich 1981.

Hanna Jordi

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