Nr. 21/2015 vom 21.05.2015

Tödliche Schüsse in Valparaíso

Eine studentische Demonstration endet mit einem doppelten Mord. Die Bewegung lässt sich davon nicht einschüchtern und stellt weiter die marktradikale Ordnung infrage.

Von Toni Keppeler

Gewaltexzesse nach Demonstrationen sind Chiles StudentInnen seit Jahren gewohnt. Die Sicherheitskräfte lauern nur auf die Gelegenheit: Vor der Universität von Santiago, die für ihre aufmüpfige StudentInnenschaft bekannt ist, stehen seit Monaten Wasserwerfer in Stellung. Und weil es bei jedem Massenaufzug ein paar steinewerfende Maskierte gibt, findet die Polizei auch immer einen Anlass zum Zuschlagen. So war es auch am Donnerstag vergangener Woche, als in der Hauptstadt Santiago 150 000 Menschen für eine echte Bildungsreform demonstrierten. In der Hafenstadt Valparaíso waren gleichzeitig rund 6000 StudentInnen auf der Strasse. Zwei von ihnen wurden erschossen.

Hetze der Massenmedien

Der Auslöser war banal: Ein 25-Jähriger und ein 18-Jähriger wollten im Anschluss an die Demonstration ein Plakat an eine Hauswand kleben. Der Hausbesitzer und sein zwanzigjähriger Sohn stürzten aus dem Haus, es kam zum Streit. Der Sohn ging zurück ins Haus, holte eine Pistole und schoss die beiden Studenten nieder. Ein absurder Tod, der auf den ersten Blick nichts oder nur wenig mit Politik zu tun zu haben scheint.

Auf den zweiten Blick aber doch: Er fand statt im Kontext einer Hetze der fast durchweg rechten chilenischen Massenmedien, die sich schon längst nicht mehr für die Inhalte der studentischen Demonstrationen interessieren, sondern nur noch für die Gewaltexzesse am Schluss. So erinnert der Tod der beiden jungen Männer fast ein bisschen an die Ermordung Rudi Dutschkes. Der Anführer der StudentInnenbewegung in Deutschland war am 11. April 1968 nach einer Hetzkampagne der Springer-Presse von einem Hilfsarbeiter niedergeschossen worden. Der Doppelmord von Valparaíso sei «das Symptom einer kranken Gesellschaft, in der eine Hauswand mehr zählt als das Leben von zwei Menschen», sagt Giorgio Jackson, ein ehemaliger StudentInnensprecher, der heute als unabhängiger Abgeordneter im Parlament sitzt.

Proteste von Schülerinnen und Studenten gibt es in Chile seit 2008. Damals waren sie nach vagen Versprechungen der Mitte-links-Regierung unter Michelle Bachelet wieder eingeschlafen. 2011 flammten sie unter dem rechten Präsidenten Sebastián Piñera wieder mächtig auf und halten auch jetzt, in der zweiten Regierungszeit Bachelets, unvermindert an. Es geht um die immer selbe Forderung: ein freies Bildungswesen für alle. In der vom Militärdiktator Augusto Pinochet hinterlassenen neoliberalen Gesellschaft sind schulische und universitäre Bildung weitgehend privatisiert und nichts als eine Ware, an der sich ein paar wenige bereichern. Selbst besser gestellte Familien müssen sich für die Ausbildung ihrer Kinder hoch verschulden: Ein Studium kostet umgerechnet bis zu 80 000 Franken – bei Gehältern von nur selten mehr als 1000 Franken im Monat. Die Forderung nach Gratisbildung für alle stellt diese marktradikale Ordnung infrage.

Dass Chiles Eliten ihre Privilegien brachial verteidigen, hat eine Tradition, die viel älter ist als der brutale Militärputsch Pinochets vom 11. September 1973. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts, als sich in den Salpeterminen im Norden erste Gewerkschaften formierten und es zu Streiks kam, wurden Arbeiter und ihre Familien zu Hunderten niedergemetzelt. Die Historiker Gabriel Salazar und Julio Pinto haben in einer umfangreichen Studie über die Geschichte Chiles ein immer wieder angewandtes Schema der Gewalt entdeckt. Danach setzen die Eliten, wenn sie ihre Interessen gefährdet sehen, zunächst auf eine Hetzkampagne ihrer Massenmedien – allen voran des rechten «Mercurio», der grössten und ältesten Tageszeitung des Landes. In einer zweiten Stufe werden Oppositionsbewegungen juristisch verfolgt, und wenn auch dies nicht zum Erfolg führt, werden Polizei und Streitkräfte zur Repression eingesetzt. Das könne vom Niederknüppeln von Demonstrationen über gezielte Morde bis hin zu Massakern eskalieren oder – wie 1973 – in einen blutigen Militärputsch münden.

«Mit noch mehr Kraft!»

Die StudentInnenbewegung musste sich von Anfang an gegen Medienkampagnen, juristische Verfolgung und prügelnde PolizistInnen wehren. Der Doppelmord von Valparaíso war sicher nicht von langer Hand geplant. Aber hetzende Medien haben den Hintergrund geliefert. «Bei allem Schmerz lassen wir uns nicht einschüchtern», sagt Camila Vallejo, das prominenteste Gesicht der Bewegung. Seit November 2013 ist sie Parlamentsabgeordnete der Kommunistischen Partei und steht oft in der ersten Reihe von Demonstrationszügen. «Wir werden wieder auf die Strasse gehen, mit noch mehr Kraft.» Eine Woche nach den tödlichen Schüssen wird in Chile wieder demonstriert.

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