Nr. 21/2015 vom 21.05.2015

Was die Hunde übrig lassen

Ein französischer Roman sorgt für Furore: Der 22-jährige Édouard Louis erzählt in seinem Erstling vom jungen Eddy Bellegueule, der aus der Hölle seines Dorfs flieht.

Von Ingo Flothen

Wer Dorf denkt, denkt Heimat. Denkt Idylle und heile Welt. Einfach und überschaubar, etwas sentimental. Vielleicht denkt man auch an Johann Peter Hebels «Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes», jene kleinen Geschichten, die so anmutig von Lehrreichem und Lustigem erzählen, einzig, um uns zu besseren Menschen zu machen. Dorfgeschichten. Seltener denkt man – obwohl auch das «Dorf» ist – an Gewalt und Erniedrigung, an Beschämung. An den Blutschorf der Seele, der kleben bleibt, sosehr man auch kratzt. Von einem solchen Dorf erzählt Édouard Louis. Es liegt in Nordfrankreich, in der Picardie, und hat tausend Seelen. Sehr bald aber schon ahnen wir: Dieses Dorf gibt es überall. Denn das Dorf ist universell.

Es beginnt mit dem schlägernden Vater. Trinken und Schlagen ist Tradition, Trinken und Schlagen macht «echte Kerle». Die gedeihen hier an jeder Ecke. Pastis trinken und «das Blut direkt aus dem Tier», anschliessend dann Visagen zu Brei schlagen vor der Kneipe, das ist Alltag. («War uns ja scheissegal, so war wenigstens was los.») Und verglichen mit dem, was nun folgt, ist dies noch der gemütliche Teil. Der Rest ist eine literarische Breitseite, eine schwer zu ertragende Zumutung.

Dribbeln mit Hühnern

Zunächst einmal sind es Klischees. Aber Klischees, die Realität sind: die Welt der Armut, in der man isst, was die Haushunde übrig lassen; die Welt, in der die Väter ohne Vorwarnung verschwinden; in der Frauen mit ihren Cousins Kinder zeugen; in der ein Araber totgeschlagen gehört. Es ist eine brutale Wirklichkeit, in der mit Hühnern Fussball gespielt wird (mit Hühnern als Bällen!) und Frühgeburten im Klo runtergespült werden («Das Kleine wollte nicht weggehen, da hab ich die Klobürste genommen, um es runterzudrücken»). Und wo der Alte nebenan – vergessen von Gott und den Nachbarn – in seinen eigenen Ausscheidungen verwest.

Und mitten in dieser Hölle ein kleiner Junge: Eddy Bellegueule, zehn Jahre alt, schwul. Eine Tussi, so heissen Homosexuelle hier. Oder «Schwuchtel», «Schwanzlutscher», «Arschficker». Man kann sich vorstellen, was das für ihn bedeutet. Es wird ein Spiessrutenlauf von Demütigung, Beleidigung und Selbstverleugnung, eine ganze Kindheit lang. («Diesen Kerlen müsste man die Eier abreissen und ins Maul stopfen und sie dann totschlagen.»)

Zuletzt hatte 1990 ein Buch die französische Öffentlichkeit derart aufgewühlt: Das war Hervé Guiberts «Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat», jener verzweifelt-mutige Bericht eines Aidssterbens, in der autobiografischen Tradition von André Gide und Jean Genet, mit Selbstenthüllungen, die an Scham- und Schonungslosigkeit kaum zu überbieten waren. Auch der Bericht von Édouard Louis ist schonungslos, gegen sich und andere. Vor allem seine «von der Ideologie des ‹Stils›» befreite Sprache, wie der Autor das nennt. Eine Prosa von äusserst kalkulierter Unmittelbarkeit, wie Handkantenschläge, präzise und trocken geführt – im Schmerz genauso wie in der Anklage. Mit einer Lakonie, die weder Guiberts philosophisches Extemporieren nötig hat noch die literarische Raffinesse eines Wojciech Kuczok, der 2003 in Polen mit seinem ähnlich radikalen Roman «Dreckskerl» für Aufsehen sorgte. Und im Unterschied zu Guiberts Bericht ist Édouard Louis’ Geschichte auch die Geschichte einer Befreiung. Und das, obwohl Flucht nie eine Option war, sie geschieht einfach, als irgendwas zwischen Vorsehung und Wille. «Ich rannte weg, ganz auf einmal.»

Von den Unsichtbaren

Heute lebt Édouard Louis (der tatsächlich als Eddy Bellegueule geboren wurde) als Soziologiestudent an der École normale supérieure in Paris. Er ist Herausgeber eines Bands über den Kultursoziologen Pierre Bourdieu. Mit diesem will er festhalten an dem Begriff der sozialen Klasse und mit Marx am Lumpenproletariat. Und erzählen will er von jenen, «von denen man nicht spricht. Sie sind unsichtbar, weil wir sie unsichtbar gemacht haben.» Édouard Louis hat ihnen mit seinem Bericht eine Stimme gegeben. Welcher Kraft es dafür bedurfte, können wir nur erahnen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch