Nr. 22/2015 vom 28.05.2015

Freude am Gewohnten

Von Köbi Gantenbein

Georg Wieland war Bauer und Älpler in Stels, einem Weiler oberhalb von Schiers im Prättigau. Man nannte ihn Jörtsch, er war ein einfallsreicher Musikant und ein guter Klarinettist, der bis ins hohe Alter musizierte. Die Ländlerkapelle Stelser Buaba – da spielen auch drei Frauen mit – hat nun seine Stückli aufgenommen: «Z Alp gaa». Die sechzehn Märsche, Walzer, Schottisch, Polkas und Ländler sind im Bündner Stil, der in den dreissiger Jahren in Bern erfunden wurde und den Jörtsch Wieland und seinesgleichen einheimisch gemacht haben: Klarinette, Örgeli, beide je nachdem doppelt besetzt, und Bassgeige. Man muss drei Folgen zu acht oder sechzehn Takten in zwei oder drei Vierteln variieren können, bis am Morgen die Sonne aufgeht. Man war Senn wie Wieland, der 65 Sommer mit Leni z Alp ging, Typograf wie Stocker Sepp oder Bänkler wie Peter Zinsli.

Die Virtuosen haben in dieser Form dennoch viel Auslauf. Und alle andern kommen mit, ohne dass sie sich schämen müssen. Es ist Amateurkunst in Hochform. Das Schöne an dieser Musik ist durchaus, wie fremd ihr das Neue ist. Musikanten und Zuhörerinnen haben am Gewohnten genug Freude. Den Schluss der CD setzt ein Stückli aus dem Archiv, wo Jörtsch Wieland selber die Klarinette bläst. Es zeigt, wie sich im engen Korsett Schottisch und Polka dennoch entwickeln können: Spielten er und die Seinen oft einstimmig, so raffinieren seine Nichten und Neffen der Stelser Buaba die rhythmisch markanten Stückli mit einer zweiten Stimme und da und dort gar mit einer Geige. Und sie haben allerhand Virtuosentum hineingeschmuggelt.

Mir gefällt auch das Büchlein mit Bildern und Texten, die der Musik ein soziales Wissen geben. Wir lesen, was es zum Beispiel auf sich hat mit dem «Bogäsägeler», dem «Törlirigel» oder mit dem «Gebsärolli». Die CD wird so zu einem Stücklein Prättigauer Kulturgeschichte. Und sie ist gute Medizin gegen das vernagelte, nationalistische Getue, das SVP & Co. der Volksmusik gerne zumuten. Es ist falsch, denn von Stels sieht man Europa und tanzt dazu «Gruäz vom Rosstälispitz».

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