Nr. 12/2014 vom 20.03.2014

Vom Salon aufs Land

Von Köbi Gantenbein

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sass man in den adeligen Kreisen Wiens traut beisammen und vertrieb sich die Zeit mit der Lektüre von Goethes Schweizer Reise. Das bukolisch verzuckerte Landleben tröstete angesichts der Nachrichten von den napoleonischen Feldzügen. Und die Musik dazu machte Ludwig van Beethoven mit seinen «Sechs ländlerischen Tänzen», später legte Schubert «Ecossaisen» nach – heute bekannt als Schottisch, lüpfige, schnelle Stückli. Und als Paris zur Metropole wuchs, begeisterte Frederic Chopin mit «Mazurken» seine Freundinnen in den Salons – ländliche Idylle.

Nach und nach erst fanden dann solche Stückli aufs Land, von den Militär- zu den Feldmusiken und noch später zu den Ländlerkapellen. Für diese musikalischen Transformationen gibt es nunmehr eine wunderbare Anschauung: Die CD «Polka ma non troppo» der Hanneli-Musig. Die sechs Musiker haben 33 Stücke meist aus der klassischen Literatur des 19. Jahrhunderts ausgegraben und für ihre Kapelle aus Klarinetten, Handorgel, Geige, Bassgeige, Cello und Gitarre eingerichtet. Nebst Beethoven sind Mozart und Haydn ebenso dabei wie Dvorak oder Smetana.

Die Grossmusiker haben die Ländler erfunden, so wie Jean-Jacques Rousseau und Co. das Alpenleben erfunden haben, denn erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts begann in den mausarmen ländlichen Gegenden – ob mit oder ohne Fürstenhöfe – langsam Volksmusik zu tönen, die etwas mit den virtuosen Ecossaisen, Polkas und Mazurkas zu tun hatte. Die Hanneli-Musiker bereiten ein kulturhistorisches und ein grosses Hörvergnügen. Nebst Gassenhauern wie dem Radetzkymarsch gibt es Fundstücklein wie «Vom Luzerner See Nr. 1 und 2» von Hans Huber oder den «Züricher Vielliebchen-Walzer» von Richard Wagner.

Vergnüglich sind auch die Arrangements. Sie müssen ja zugeschnitten sein auf die Instrumente der Kapelle, und sie sind gelungen, weil sie die Farben, Stimmungen und Stereotype der Komponisten treffen: Beethovens Ländler ist so für die Hanneli-Musig übersetzt, dass das Pathos dieses Musikers mitschwingt bis hin zum Schlussakkord.

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