Nr. 22/2015 vom 28.05.2015

Gut, böse, blind

Ruedi Widmer über knallhartes Rechnen und die Erbschaftssteuerinitiative

Von Ruedi Widmer

Peter Spuhler (SVP) holt auch links oft Sympathie, weil er nicht einfach mit luftigem Geld handelt, sondern handfeste, besteigbare Schienenfahrzeuge für den ÖV herstellt. Ausserdem hat er den menschlichen Vorteil, relativ ruhig und gelassen zu sprechen, was in einer Partei von Hitz- und Halbköpfen schnell einmal auffällt. Nur sollte der Ton Spuhlers nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch er zwangsläufig ein knallharter Rechner ist.

Doch die Angestellten und Büezer der Schweiz sind keine knallharten Rechner, sondern Gefühlsdusler, die, wenns etwas komplizierter wird als bei der Coop-Sparaktion, gleich dankbar und gottesfürchtig werden und finden, man solle jetzt doch mal zufrieden sein mit dem, was man hat.

Diese zwinglianische Verstandeslähmung ist ein grosses Unter- und Mittelschichtsproblem.

Nur diejenigen, die am meisten Milliarden und Millionen besitzen, sind offenbar frei von dem edlen Gedanken der Genügsamkeit. Dabei haben sie so viel bekommen in den letzten zehn Jahren, die Unternehmenssteuerreform II zum Beispiel. Wer Kinder hat, kennt das Phänomen: Wenn sie ein Zältli mehr als üblich bekommen, muss es gleich nochmals eins sein.

Die Begründung für Steuergeschenke ist im rechten Abstimmungsgeheul stets das «Wohl der Schweiz» und nicht das Portemonnaie der Villenbesitzerinnen und Cayenne-Fahrer. Allenfalls lässt man noch Arbeitsplätze, die dann doch nicht entstehen, als Argument gelten.

Die Schweiz als Idee ist dann unwichtig, wenn es der Wirtschaft gut geht. Wenn es nicht mehr so rund läuft, muss sie den ökonomischen Graben zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden kitten. In Deutschland muss Deutschland kitten, in Russland Russland (oder die Ukraine). Eine solche Schweiz steht letztlich dem Wohl der Schweiz im Weg. Sie ist Heilsversprechen wie Totschlagargument. Die Schweiz macht die SchweizerInnen blind.

Die Angst der Mittelschicht vor sowohl der Ober- wie der Unterschicht führt auch in Deutschland zu absurden Blüten. So regen sich die deutschen BerufspendlerInnen bei den Bahnstreiks nicht etwa darüber auf, dass ihre KollegInnen in den Lokführerständen Hungerlöhne erhalten von einem stets Milliardengewinn machenden Unternehmen, sondern dass die Züge nicht fahren. Bei einem Kinofilm oder einer Sendung über ein elendes afrikanisches Land würden sie umgekehrt denken.

Die deutschen LokführerInnen haben wie Spuhler knallhart gerechnet und kamen zum Schluss: Es geht so nicht weiter. Ich kenne einen bürgerlichen KMU, der überrascht herausgefunden hat, dass sein Geschäft mit einem Ja zur Erbschaftssteuerinitiative besser fährt als beim fanatischen Nein des Gewerbeverbands. Er hat bemerkt, dass er auf die Portemonnaies seiner KundInnen angewiesen ist und nicht auf die Steuerspargelüste der Oberschicht.

Um das ökonomische Bewusstsein beim Volk steht es nicht sehr gut: Eine Freundin von mir sprach eine Migros-Kassierin an, die den KundInnen die Bezahlautomaten erklären musste. Sie sagte, halb sarkastisch, halb peinlich berührt: «Ist es nicht seltsam, wenn man den Kunden den eigenen Arbeitsstellennachfolger schmackhaft machen muss?» Die Angestellte sagte, daran habe sie noch gar nie gedacht.

Lösen wir am 14. Juni, gemäss der bürgerlichen Losung für Afrika, die Probleme gleich hier vor Ort, damit wir nicht bald nach China flüchten müssen.

Ruedi Widmer ist KMU in Winterthur, wo die dringend notwendige Steuererhöhung den Weltuntergang des Bürgertums bedeutet.

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