Nr. 28/2015 vom 09.07.2015

Unters Messer, zu den Sternen

Von Hannes Nüsseler

Der rote Stern ist längst erloschen, dafür glüht der Wunsch nach einer steilen Karriere im Postkommunismus umso heller: Die spindeldürre Mascha (Tina Dalakischwili) will ein Star werden, doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Wie die russische Metropole Moskau gleicht auch der Körper der jungen Frau einer einzigen Baustelle, weil Mascha sich ihre vermeintlichen Defizite wegoperieren lässt – die abstehenden Ohren, die zu kleinen Brüste, die schmalen Lippen.

Weil es mit dem Singen und Schauspielern nicht klappt, nimmt Mascha einen Job als Gogoschwimmerin an: In einem Wassertank räkelt sie sich als Meerjungfrau und hofft auf den grossen Fang, eine Filmrolle oder einen Sugar Daddy, der sie aus der finanziellen Misere befreit. Hier kreuzt sich Maschas Weg mit demjenigen der obdachlosen Rita (Severija Janusauskaite). Die ehemalige Luxusgeliebte eines Politfunktionärs wurde verstossen, weil sie nicht schwanger wurde. Die beiden ungleichen Frauen bilden eine Zweckgemeinschaft, zusammen mit Ritas Stiefsohn Kostia (Pawel Tabakow), der seine reiche Herkunft verleugnet und sich in Mascha verliebt.

Wie schon Anna Melikians Vorgängerfilm «Rusalka» (2007) handelt auch «Star» vom Druck, der auf russischen Frauen lastet, ihren Körper zu kapitalisieren. Das hört sich elend an, und tatsächlich ist vieles, was sich Mascha antut, peinlich und peinigend zugleich. Doch in der Tragik steckt bei Melikian eben auch eine Komödie, ohne dass die Regisseurin der Sozialkritik humoristischen Zwang antut: Mit einem präzisen Blick für Situationskomik und die Absurdität des Alltags bringt Melikian das real existierende Elend ihrer Figuren mit der zauberischen Wirkungsmacht des Zufalls zusammen, ohne dass der Film deswegen klebrig oder klischiert wirkt.

Die tapfere, stets optimistische Mascha wächst einem ans Herz, zumal sich im Laufe einer Abklärung für eine Schönheitsoperation herausstellt, dass die junge Frau tatsächlich etwas ganz Besonderes ist. Und das ist dann wieder so schön traurig, dass man vor Freude heulen möchte.

Ab 9. Juli 2015 im Kino.

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